Matzdorf Scholtz Fabrik

Ein Fest der Arbeit aus dem Jahr 1925: Das Dienstjubiläum von Ludwig Hecht

Die ehemalige Striegel- und Blechwarenfabrik C. A. Scholtz in Matzdorf (ungarisch Matheócz, slowakisch Matejovce) war ein bedeutender Teil der Matzdorfer und Zipser Geschichte. In ihrem 100-jährigen Bestehen (1845–1945) hatte sie in ihrer Blütezeit bis zu 800 Mitarbeiter.

Zu Beginn waren es drei Angestellte, die mit Firmengründer Carl August Scholtz anfingen, Pferde- und Hornviehstriegel sowie Kuhglocken in Handarbeit herzustellen. Fünfzig Jahre später, 1895, war das Unternehmen auf stattliche sieben Fabrikgebäude und acht Betriebsabteilungen mit 170 Mitarbeitern angewachsen.

Gedenkbrief zum 50-jährigen Bestehen der Scholtz-Fabrik vom "Museum Kesmark"
Gedenkbrief zum 50-jährigen Bestehen der Scholtz-Fabrik vom „Museum Kesmark

Zur Jahrhundertwende waren es 200, und bereits 1908 waren es 800 Angestellte. Nach einer Modernisierung und Rationalisierung im Jahr 1937 wurden es 700.

Einer von ihnen war ab 1873 mein Urgroßonkel Ludwig Hecht (*6. November 1858 in Matheocz, Ungarn; † 8. Juni 1928 in Matejovce, ČSR).

Ausschnitt seines Geburts- und Sterbeeintrags, rechts sind die Eltern Paul Hecht und Anna Glatz vermerkt.
Ausschnitt seines Geburts- und Sterbeeintrags, rechts sind die Eltern Paul Hecht und Anna Glatz vermerkt.

Heimatforschung sei Dank

Bei meiner Recherche bin ich aber nicht nur auf meinen Urgroßonkel gestoßen. Tatsächlich kontaktierte mich der Deutschendorfer/Poprader Heimatforscher und Autor Mikuláš Argalász im Vorfeld zu seinem Buch: „Šľachtic a podnikateľ Ján Emil Scholtz“ (Adliger und Unternehmer Jan Emil Scholtz. Er fragte, ob ich Info über die Scholtz-Fabrik habe und ob Ludwig Hecht nicht ein Verwandter von mir sei. Nachdem wir uns diesbezüglich ausgetauscht hatten, mailte er mir freundlicherweise unerwartet zwei besondere Fotos zu.

Genannte Fotos: Rechts mein Urgroßonkel, links dazu die erste Seite aus dem Fotoalbum, welches den Inhabern anlässlich des 50-jährigen Bestehens mit Fotos eines jeden Mitarbeiters geschenkt wurde. Heute ist es in einer Vitrine in der „Podtatranská knižnica“, der Bibliothek in Deutschendorf/Poprad, ausgestellt.

Über das Foto freute sich neben Eva und mir auch Sonja, die Enkelin seines Sohnes Alexander. Als 1920 die Firma Scholtz ihr 75. Firmenjubiläum hatte, war es gleichzeitig Ludwigs 47. Dienstjubiläum.

Geschäftskorrespondenz der Firma Scholz von 1920 (Privatbesitz des Autors)

Ausschnitt des Karpathen-Post Artikels „75 Jahre Zipser Arbeit“ 
über das 75-jährige Bestehen der Scholtz-Fabrik vom 13.11.1920.
Ausschnitt des Karpathen-Post Artikels „75 Jahre Zipser Arbeit“ über das 75-jährige Bestehen der Scholtz-Fabrik vom 13. November 1920.

Am 22. November 1925 wurde Ludwig Hecht mit vier weiteren Mitarbeitern für 51–58 Jahre Dienstzeit gefeiert. Dazu erschien in der Karpathen-Post am 28. November 1925 ein ausführlicher Sonderbericht:

„Ein Fest der Arbeit“

Am Sonntag, den 22. ds wurde in einer der besten Stätten Zipser Arbeit, in der vielschornsteinigen Scholtzischen Fabrik zu Matzdorf ein Fest gefeiert, so herrlich und so Zipser, wie selten eines. Zipser war das Fest, weil es die Arbeit feierte, die regsame, fleißige Zipser Arbeit, die dieses Ländchen seit vielen Jahrhunderten gehoben und erhalten hat; Zipser auch darum, weil es ein Fest der Eintracht und Zusammengehörigkeit, ein richtiges Familienfest war trotz der Hunderte, die daran teilnahmen. Die Firma C. A. Scholtz feierte die 50-jährige Mitarbeit ihres hochgeschätzten, greisen Prokuristen Bela Adrianni und zugleich auch die 50-jährige Dienstzeit ihrer Arbeiter Josef Banovszky, Ludwig Hecht, Karl Pater und Johann Pekelszky, die alle seit 58-51 Jahren bei der Firma tätig sind. Und diese Feier, an Innigkeit einer Familienfeier gleich, gewann durch die Teilnahme aus allen Teilen unseres Ländchens, ja auch weiterer Gegenden eine Landesbedeutung, die sie auch durchaus verdiente. Es sind Zipser von echtem Schrot und Korn, die da gefeiert wurden, alles Namen von bestem Zipser Klang (…)“

„Ebenso mit der Firma verwachsen sind die vier Arbeiter. Seit 52-58 Jahren sind die in der Fabrik tätig, haben treu zu ihr gehalten in guten, wie in bösen Zeiten, haben durch ihrer Hände Arbeit beigetragen zu ihrer Entwicklung und ihrem Wachstum und wenn heute über ein Halbtausend Leute dort ihre Arbeit finden und viele Tausende als Familienangehörige von dort ihren Lebensunterhalt beziehen, so können sie diesen schlichten Männern dankbar sein! (…)“

„Das Fest fand in der Kannenfabrik statt, deren einer Saal dazu ausgeräumt und mit der Zipser Blume, dem Tannenreis festlich geschmückt war. Mächtige Gewinde umschlossen die Träger und Spanner und leiteten zur hinteren Wandmitte, wo zwischen vielen Gewinden über einer Erhöhung die Bilder des Gründers der Fabrik, Karl August Scholtz, seines Sohnes Johann Emil Scholtz, des Vaters der jetzigen Besitzer hingen, darum der 4 Ehrentafeln für die Gefeierten. Schlag 11 Uhr zog die Arbeiterschaft mit roter Fahne in den Festsaal und bildete Spalier für die Gefeierten. Alsbald kamen die Vertreter der Kaschauer Handels- und Gewerbekammer, Obmann Direktor Milian Magon und Sekretär Dr. Ulabar Piposs, in Vertretung des Landesverbandes der Industriellen der Vorsitzende des Zipser Verbandes Koloman Münnich in Vertretung des Bezirks Notar Gabriel Schmör, dann die ganze Familie Scholtz, Wein, Spasz, Gattinger, die Pfarrer und Lehrer beider Konfessionen und die Fabriksbeamten, während die Arbeiterschaft, mit ihren Angehörigen mehrere Tausend Köpfe hoch, ringsum im Kranze Aufstellung nahm. Fabrikant Albert Scholtz nahm mit Kammerobmann Maron Platz beim Tisch und verkündete mit klarer Genauigkeit den Festplan. Eine Abordnung holte nunmehr die Jubilanten herbei, die unter donnernden Hochrufen die Ehrenreihe ihrer Genossen durchschritten und ihren Ehrenplatz beim Tische einnahmen. Albert Scholtz richtete eine treffliche, kernige Ansprache an sie, als seine lieben Mitarbeiter durch 50 und mehr Jahre, er gedachte der Leiden und Freuden, die sie mit ihm durchgemacht haben, er dankte ihnen im Namen des Hauses und aller seiner Mitarbeiter und überreichte ihnen die Glückwunschschreiben des Ministeriums, des Industriellenverbandes, der Firma Wein und anderer, sowie die Geschenke der Firma: Je ein Ehrenbild und ein Sparkassenbuch (…)“

Bewegender Bericht

Jener Bericht hat mich sehr bewegt. Nicht nur da mein Urgroßonkel einer der Jubilare war, sondern vielmehr der Schilderung wegen. Alles, was Rang und Namen hatte, kam von Nah und Fern, um jenen wackeren Arbeitern zu gratulieren und sie zu feiern. Man stelle sich vor, 50 Jahre oder länger bei derselben Firma zu arbeiten und wie es sein muss, wenn vor einem hunderte von Menschen Spalier stehen und mit donnerndem Jubel einen Hoch leben lassen.

Obendrein erfuhr ich aus der Karpathen-Post vom 16. Februar 1929, dass mein Urgroßonkel zuletzt als Pförtner in der Scholtz-Fabrik tätig war: „Eheschließung. Unser Stadtkind, Landwirt Julius Zwick führte am 11. Feber in Matzdorf Elizabeth Hecht, die Tochter des weil. Fabrikpförtners Ludwig Hecht zum Traualtar.“

Das Warum dieser Zeilen

Einmal mehr fand ich auch zu diesem Artikel Belege, dass meine Zipser Ahnen fürwahr bedeutende Spuren hinterließen. Da alle unsere Zipser Ahnen, ob einzeln oder als Gemeinschaft, Spuren von Bedeutung zu ihrem Leben, Schaffen, Wirken und ihrer Zipser Kultur hinterlassen haben, haben sie es auch verdient, diese zu suchen und in Ehren zu halten sowie für die Nachwelt zu bewahren.

Norbert Hecht