Ernest Genersich

Berühmte Zipser: Der Komponist Ernest Genersich

Der Direktor der Kesmarker Stärkefabrik, Alfred Genersich (1850–1913), hatte mit seiner Frau Irma Hensch 11 Kinder. Als letztes Kind wurde am 16. Februar 1902 Sohn Ernest geboren.

Ernest besuchte die Volksschule und anschließend das Kesmarker Gymnasium. Es folgte die Höhere Handelsschule in Kesmark, dann im Jahr 1920 das Abitur in Kaschau/Košice. Der Tod seines Vaters und die ökonomischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg durch die Gründung der Tschechoslowakei beeinflussten wahrscheinlich seine Ausbildung. Nach dem Abitur besuchte er die Höhere Textilschule in Kesmark.

Die Anfänge als Komponist

Während der folgenden Tätigkeit als Angestellter begann er, sich intensiver mit Musik zu beschäftigen. Er komponierte Lieder, die er dem Budapester Verlag “Rózsavölgyi és Társa Kiadó” schickte.

Als er im Jahr 1934 nach Pressburg/Bratislava umzog, befanden sich die ungarischen Rundfunkstationen nicht weit entfernt, ihr Empfang war leicht möglich. Zu seinem Erstaunen hörte er dort von ihm komponierte und auch getextete Lieder.

Freundeskreis beim Bruder

In Pressburg wohnte er mehrere Jahre bei seinem Bruder Štefan. Dort kam er mit anderen Komponisten, Liedtextern und auch Sängern zusammen. Zu diesen gehörten Gejza Dusík (1907–1988), Pavol Braxatoris (1909–1980), Mária Kišonová-Hubová (1915–2004), František Veselý (1903–1977) und Dr. Janko Pelikán (1916–2004). Ihre Namen beschreiben das musikalisch hohe Niveau dieser Zusammenkünfte.

Gejza Dusík gilt als Begründer der slowakischen Operette und modernen Unterhaltungsmusik. Er komponierte mehr als 250 Lieder. Der Librettist Pavol Braxatoris schrieb zu Dusíks Operetten viele der Liedtexte. František Veselý wurde als Sänger, Schauspieler und Regisseur bekannt, die Sopranistin Mária Kišonová-Hubová durch ihre Stimme und die Lehrtätigkeit als Professorin an der Hochschule für musische Künste in Bratislava.

Musikalische Impulse

Die kompositorische Arbeit von Ernest Genersich bekam durch diese Kontakte neue Impulse. In den Jahren bis 1940 entstanden seine vermutlich schönsten Lieder. Zu diesen zählt der Foxtrott „Prečo tak pozde, krásna pani“ (Warum so spät, schöne Frau), der z. B. auf YouTube.com zu hören ist.

Mit seinen in die Ohren gehenden Kompositionen bestimmte er maßgeblich die Entwicklung der slowakischen Unterhaltungs- und Tanzmusik bis in den Anfang der 1940er Jahre. Die Lieder erschienen bei renommierten Musikverlagen wie Telefunken, Polydor und Supraphon.

Vielleicht noch im Antiquariat erhältlich – Noten und Text der Genersich-Kompositionen
Vielleicht noch im Antiquariat erhältlich – Noten und Text der Genersich-Kompositionen

Wie seine Musik war er fröhlich und aufgeschlossen. Dazu zeigte er sportliches Talent, als guter Skifahrer und Tennisspieler.

Von Genersich sagte man, seine Frau sei die Muse. Eine richtige Heirat gab es aber dann doch. Mit 38 Jahren, im Jahr 1940, war es soweit. Ein Jahr später wurde sein einziger Sohn Peter geboren.

Genersichs Foxtrott dient fast 70 Jahre später als Filmmusik
Genersichs Foxtrott dient fast 70 Jahre später als Filmmusik

Erneut Kriegszeit erlebt

Ernest Genersich hatte sich stets zur deutschen Nationalität bekannt, er war aber ein typischer Zipserdeutscher, der neben der deutschen auch die ungarische und slowakische Sprache beherrschte und die kulturelle Vielfalt seiner Heimat schätzte.

Das half ihm nach Kriegsende nicht. Seine Wohnung wurde geplündert, er verlor dadurch sein gesamtes Musikarchiv. Es folgte die Internierung in einem Lager in Engerau/Petržalka mit der drohenden Abschiebung nach Deutschland. Dies war nicht sein Wille und durch glückliche Umstände kam er wieder frei. Auch seine Ehe überstand diese schwere Zeit nicht und zerbrach. Mehrere Jahre lebte er allein.

Im Jahr 1949 heiratete er erneut. Nun entstanden weitere erfolgreiche Lieder, wie der Walzer „Belasý encián“ (Der blaue Enzian).

Seine Musik klingt weiter

Die eingängigen Kompositionen von Ernest Genersich überdauerten den Krieg. Sie werden bis heute wiedergegeben, von kleinen Musikgruppen, bekannten Sängern und Orchestern wie der “Big Band Radio Bratislava”.

Das 1941 von Genersich komponierte Lied mit dem Text von Otto Kaušitz (1909–1982) „Vezmem si ťa frajerôčka“ (Ich will dich heiraten), ein Foxtrott, finden wir fast 70 Jahre später als Filmmusik im 2010 erschienenen Film von Regisseur Matej Mináč „Nickyho rodina“ (Nickys Familie).

Musikalisches Talent bleibt in der Familie 

Ernest Genersichs Sohn Peter absolvierte eine Ausbildung zum Tierarzt und arbeitete später als Unternehmer. Dessen Sohn Roman führt die vom Großvater begonnene musikalische Tradition als Musikproduzent weiter.

Letzte Ruhe in Pressburg, Grabstein und Gedenktafel in Kesmark

Der Komponist Ernest Genersich starb im Alter von 54 Jahren am 7. Mai 1956 in Pressburg. Dort befindet sich sein Grab und nicht, wie oft zu lesen ist, auf dem alten historischen Friedhof von Kesmark. Allerdings ist sein Name auch auf dem Familiengrab der Genersichs in Kesmark zu finden.

Gedenktafel für Ernest Genersich in seiner Geburtsstadt Kesmark
Gedenktafel für Ernest Genersich in seiner Geburtsstadt Kesmark

Nicht nur das: In Kesmark erinnern fünf Gedenktafeln an berühmte Genersichs, eine davon seit 2018 an den so früh verstorbenen Komponisten.

Dr. Heinz Schleusener