Der Lehrer, Jäger und Bergsteiger Johann Still

Berühmte Zipser: Der Lehrer, Jäger und Bergsteiger Johann Still

Der am 26. Januar 1805 in Altwalddorf/Stará Lesná geborene Johann Still war der erste Mensch, dessen Besteigung des Gipfels der Gerlsdorfer Spitze/Gerlachovský štít belegt ist. Johann Still stammte aus einer Bauernfamilie, war Lehrer, Bergsteiger und Bergführer. Nebenbei betrieb er Landwirtschaft und gehörte einer Musikkapelle an.

Die Erstbesteigung der Gerlsdorfer Spitze allein ist schon ein wichtiger Grund dafür, dass Johann Still in das 1901 erschienene Buch „Ehrenhalle verdienstvoller Zipser des XIX. Jahrhunderts 1800–1900“ des Pfarrers und Historikers Samuel Weber (1835–1908) aufgenommen wurde. Der Bergführer ist dort einer der wenigen, die aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen stammen. Samuel Weber schildert sehr anschaulich den Lebensweg dieses katholischen Zipsers, der sich aus eigener Kraft weiterbildete und Lehrer wurde.

Fleißig und zielstrebig

Nach der römisch-katholischen Volksschule hatte er als Bauernkind in der Landwirtschaft zu arbeiten. Das war nicht sein Lebensziel: Ihn lockten die Berge, in deren Hängen er von klein auf gerne spielte. Es reichte ihm nicht, sie von unten zu betrachten, er wollte sie auch bis zum höchsten Punkt besteigen. Nicht nur in den Bergen wollte er höher hinaus, auch beruflich lockte ihn die Tätigkeit eines Lehrers.

Doch seine Eltern hatten weder das Geld für ein Studium, noch konnten sie ihn als Arbeitskraft entbehren. Es ist zu bewundern, wie es Johann Still schaffte, sich selbstständig Schritt für Schritt das nötige Wissen anzueignen. Im Alter von 27 Jahren bekam er schließlich eine Stelle als Lehrer in Neuwalddorf/Nová Lesná. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits sechs Jahre mit der ein Jahr jüngeren, in Großschlagendorf/Veľký Slavkov geborenen Maria Gellhof verheiratet. Das Ehepaar hatte drei Töchter und einen Sohn.

Jedoch reichte das damals geringe Gehalt eines Lehrers kaum zum Lebensunterhalt. Deshalb führten er und seine Frau die Landwirtschaft weiter. Dazu züchtete er Bienen, für die in den Wiesen und Wäldern zu Füßen der Berge ein idealer Lebensraum existierte. Seine finanzielle Situation konnte er als Mitglied der Musikkapelle „Lock“ weiter aufbessern. Diese bekannte und populäre Gruppe spielte bei Bällen, Hochzeiten und Begräbnissen.

Die sechs höchsten Berge der Hohen Tatra

Deutscher NameSlowakischer NameHöhe (m)
Gerlsdorfer SpitzeGerlachovský štít2.654
Mittlere Gerlsdorfer SpitzeGerlachová veža2.642
Lomnitzer SpitzeLomnický štít2.634
Eistaler SpitzeĽadový štít2.627
SchwalbenturmPyšný štít2.621
Samuel-Roth-SpitzeZadný Gerlach2.616

Kenner der Hohen Tatra und Bergführer

Wer wie Johann Still als Kind täglich die Berge vor Augen hat, kann sich schwer dem Reiz entziehen, diese auch einmal zu besteigen. Aber nur wenige schaffen es bis zum höchsten Punkt hinauf. Mit der Höhe der Berge wird der Weg zum Gipfel schwieriger und gefährlicher.

Johann Still sammelte durch die Jagd auf Gemsen, mit der er früh begann, viel Erfahrung beim Klettern in den Bergen. Er entwickelte dabei ein Gespür für den jeweils am wenigsten schwierigen Weg zur Überwindung der Felsenhänge. Im Jahr 1834 gelang ihm mit seinem Schwager und drei weiteren Begleitern der Aufstieg zur Gerlsdorfer Spitze. Nun war der Bann gebrochen.

Bis etwa 1870 erreichte man den Gipfel über den südwestlichen Rücken der vorgelagerten Kesselspitze/Kotlový štít, die auch „Kleine Gerlsdorfer Spitze“ genannt wird. Für Touristen wurde nach geeigneteren Aufstiegen gesucht. Daran beteiligte sich auch Johann Still. Die dabei gefundene Route vom Felker Tal/Velická dolina über das Felker Joch/Velické sedlo erhielt später den Namen „Stillweg“.

Die Gerlsdorfer Spitze ist einer der Berge, für die Bergtouren zum Gipfel nur mit Bergführer erlaubt sind. Damit unterscheidet sie sich zum Beispiel von der 2.503 m hohen Meeraugspitze/Rysy, auf die ein – wenn auch schwierig zu bewältigender – Touristenpfad führt.

Die Gerlsdorfer Spitze ist auch hinsichtlich der Vereinnahmung ihres Namens bemerkenswert. Namensgeber ist der zu Füßen des Berges liegende Ort Gerlsdorf (heute Gerlachov). Im Jahr 1896 erfolgte die Umbenennung in Franz-Joseph-Spitze. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Tschechoslowakei galt wieder der alte Name. Das änderte sich 1949, als der Berg zum „Dank für die Befreiung“ in Stalin-Spitze/Stalinov štít umbenannt wurde. Die sogenannte Entstalinisierung machte dies 1956 wieder rückgängig.

Der Zeitpunkt der ersten Bergführungen von Johann Still ist nicht bekannt. Bis 1861 hatte er die Lomnitzer Spitze bereits 80 Mal bestiegen, auf den Gerlach führte er erst 1872 den ersten Touristen. Im Alter von 70 Jahren, also 1875, war er die Nummer eins unter den Tatra-Bergführern.

Der Lehrer, Jäger und Bergsteiger Johann Still (1805–1890)
Das silberne Verdienstkreuz mit der Krone

Ehrung zum Dienstjubiläum

Auch als Bergführer blieb er weiter im Schuldienst. Im Jahr 1882, zu seinem 50-jährigen Dienstjubiläum, erhielt er von Kaiser Franz Josef I. (1830–1916) für seine Verdienste als Lehrer und Tatraführer das silberne Verdienstkreuz mit der Krone. Diese Ehrung wurde „zur Belohnung treuer und tätig bewährter Anhänglichkeit an Kaiser und Vaterland, vieljähriger, anerkannt ersprießlicher Verwendung im öffentlichen Dienst oder sonstiger um das allgemeine Beste erworbener Verdienste“ verliehen.

Johann Still hatte sich diese Anerkennung redlich verdient. Er starb am 23. Januar 1890 im Alter von 85 Jahren und wurde in Neuwalddorf beigesetzt.

Dr. Heinz Schleusener