Göllnitz/Gelnica in der Zips

Berühmte Zipser: Lehrer und Mundartdichter Victor Mohr

Er widmete sein Leben der Bildung und seiner Zipser Heimat. Besonders mit seinen Gedichten und Texten in Göllnitzer Mundart bewahrte Victor Mohr die Sprache und Kultur seiner Heimat für die Nachwelt.

Victor Stephan Mohr, geboren am 16. August und getauft am 30. August des Jahres 1879, lautet der Eintrag im Taufmatrikel von Göllnitz/Gelnica. Sein Vater war der Lehrer Samuel Mohr, seine Mutter Elise Walka. Victors Brüder wurden Pfarrer, so der acht Jahre ältere Bruder Béla Samuel in Kaschau/Košice und der 1885 geborene zweite Bruder Julius/Gyula Adolf in Groß-Lomnitz/Veľká Lomnica. Außerdem hatte Victor vier Schwestern.

Der Geburts- und Taufeintrag von Viktor Mohr in der Matrikel der Bergstadt Göllnitz
Der Geburts- und Taufeintrag von Victor Mohr in der Matrikel der Bergstadt Göllnitz

Schule und Studium

Victor besuchte die deutsche Volksschule in Göllnitz, danach das Gymnasium in Zipser Neudorf/Spišská Nová Ves. Er wurde nach Mischkolcz/Miskolc und Debreczin/Debrecen geschickt, um die ungarische Sprache zu erlernen.

Für das Universitätsstudium ging er nach Klausenburg/Cluj-Napoca (ung. Kolozsvár). Finanzielle Unterstützung bekam er vom ungarischen Lehrerverein durch dessen im Januar 1876 gegründeten ungarischen Lehrerunterstützungsverein Eötvösfond. Belegt sind Zuwendungen von 100 beziehungsweise 200 Kronen in den Jahren 1899 und 1901. In Klausenburg schloss er die Promotion mit einer Arbeit über die Göllnitzer Mundart ab.

Seine Zipser Heimat lag ihm schon als Student sehr am Herzen, denn dort gründete er die „Zipser Tischgesellschaft“, einen Verein für die in Klausenburg lernenden Studenten aus der Zips. Vorbild mag der Zipser Verein in Budapest (Szepesi Egyesület Budapesten) gewesen sein, der seit 1876 existierte und zu dessen Gründern solche bekannten Persönlichkeiten wie Jonathan Haberern, Paul Hundsdorfer, Johann Hundsdorfer, Ernst Lindner, Georg Teschler und Rudolf Weber gehörten und dessen Mitglied er später selbst war.

Pflege der Mundart durch Gedichte und Texte

Abgesehen von einer kürzeren Zeit in Italien war Mohr bis zu seinem Tod im Jahr 1945 in Budapest stets als Professor für Religion an einer evangelischen Schule tätig. Über seine Aufgaben als Lehrer hinaus beteiligte er sich aktiv am kirchlichen Leben. Sein besonderes Engagement galt einer modernen Schule mit religiöser Erziehung. Der evangelische Konvent in Buda wählte ihn 1925 einstimmig zum Präses. Seine Verdienste für das evangelische Kirchenleben in Ungarn wurden 1941 mit der Wahl zum Ehrenpräsidenten des Lutherbundes von Ungarn gewürdigt. Zuvor hatte er ein neues Gedichtbändchen veröffentlicht, das unter dem Titel „In Fühlung mit dem Herrn“ schlichte, ansprechende Verse enthielt.

Sein Herz schlug die gesamte Zeit weiter für die Zips und die in Göllnitz gesprochene Mundart. Er schrieb viele Texte und Gedichte in der Mundart, aber auch in Hochdeutsch und Ungarisch. Oft besuchte er seine Heimat und trug dort seine Prosa vor.

Seine Gedichte erschienen in der 1928 ins Leben gerufenen Zeitschrift „Der Gründler“, in der sich auch Friedrich Lám engagierte, in der Karpathen-Post oder wurden in Budapest gedruckt.

Sein älterer Sohn Andreas vertonte sogar sein Gedicht „De finf Gelentza“. Sein zweiter Sohn Roland trug dieses im Jahr 1930 mit großem Erfolg vor. Im Verlag des Karpathenvereins erschien 1935 das Liederbuch „Zipser Balladen und Lieder“ mit Texten von ihm und u. a. auch von Gertrud Kallivoda-Scholtz.

Viktor Mohr
Die ersten drei Verse des Gedichts „Der Wassermann“ von Victor Mohr
Erklärungen: 1) Ein Fels an der Göllnitz, 2) badet, 3) greulich, 4) wirbelt, 5) schluckt, 6) Greuland, 7) Wild, 8) Wehr, 9) herunter, 10) fort, 11) Ufer, 12) munta, 13) Bäume, 14) schauen, 15) Göllnitz, 16) hier, 17) schaut, 18) hinein, 19) läuft, 20) weg, 21) lauert, 22) dort

Die Budapester Goethe-Gesellschaft ehrte ihn 1938 mit einem Vortragsabend, an dem unter anderem aus seinen Gedichtbänden „Schwere Kämpfe“, „Ersehnt, doch nie erreicht“ und „Gedichte in Erz und Eisen“ und seinem lyrischen Roman „Ich bin Du und Du bist ich“ vorgetragen wurde.

Mit dem Mundartepos „Da Päa“ (Der Bär), das über zweitausend Verse beinhaltet und als eine der wertvollsten Gründler-Mundartdichtungen gilt, setzte er sich ein bleibendes literarisches Denkmal. Einige seiner Gedichte wurden vertont. Weniger bekannt sind die Kompositionen seines Sohnes Andreas, zum Beispiel des Gedichts „De finf Gelentza“ (Die fünf Göllnitzer).

Mohrs Gedicht „Der tote Hannes“ wurde von dem bekannten Komponisten Ján Móry (1882–1978) in dessen „Zipser Balladen und Lieder“, op. 23 (Spišské balady a piesne), verwendet. Sie sind auf YouTube online abrufbar. Das folgende Gedicht von Victor Mohr bezieht sich wie viele seiner anderen auf ein Thema aus dem Heimatort Göllnitz:

Der Göllnitzer Schmied

Geh’ zeitig in der Früh
Zur Arbeit in die Schmied’,
Verdien’ mein Brot mit Müh’,
Sing dennoch froh mein Lied.

Mach’ Nägel groß und klein,
Gar manches Kettenglied –
Und glänzen die erst rein,
Dann sing ich froh mein Lied.

Das Wasser rauscht herab,
Dreht’s Rad und wird nicht müd’,
Der Hammer schlägt klipp-klapp
Und ich sing’ froh mein Lied.

Wenn Sonntag alles ruht
Und in die Kirche zieht,
Dort wird’s mir leicht zu Mut:
Sing treu mein Kirchenlied.

Es weiß die ganze Stadt:
Ich bin ein wack’rer Schmied,
Der immer Arbeit hat
Und auch ein frohes Lied.

Die Texte von Victor Mohr liefern nicht nur einen Einblick in die Göllnitzer Mundart, sondern auch in das Leben in der Zips. Zugleich sind sie ein Ausdruck der Verbundenheit zu seiner Heimat – auch fernab von ihr.

Dr. Heinz Schleusener