Beziehungsorientiertes Denken und Handeln ist heute wichtiger denn je

Beziehungsorientiertes Denken und Handeln wichtiger denn je

Sozialwissenschaftliche Studien sprechen vom menschlichen Geist, der von der Künstlichen Intelligenz als Rohstoff genutzt wird. „Sie verwandelt ihn durch unsere fleißigen Mitarbeiter in Waren. Wissen ist Macht, die niemand ignorieren kann.

Dieser Technik bedienen sich die Milliardäre der Gegenwart und beuten den anderen aus“ (zit. n. Luca Di Blasi: Warum dienen wir der KI?, in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 12. 02. 2026, S. 45).

Diesem ich- und machtbezogenen Wirken setzte ich ein beziehungsorientiertes Denken und Handeln entgegen, das ursprünglich im Menschen verankert ist. Es geht um Wege nach innen, um Wege gegen den Zwang, um kontemplative oder dialogische Aufmerksamkeit, gegen die Ablenkung und Zerstückelung durch ständige Informationsreize.

Zur Zeitsituation

Nicht nur die neue Medienwelt, sondern auch Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit sowie Sorgen um Erde und Klima beschäftigen unser Denken und Handeln. Hinzu kommt: Heute dominiert im gesellschaftlichen Leben und in den Sozialwissenschaften ein technokratisch-ökonomisches Menschenbild, das für das spätere Weiterkommen nützlich sein soll und als Kompetenzförderung gefordert wird. Hier werden lebendige Beziehungszusammenhänge auf messbare Fakten reduziert, die man analysieren und kategorisieren kann und den subjektiven Sinn des Handelns weitgehend ignorieren. Dadurch blendet man schon im Ansatz Gefühl und Wille des individuellen Menschen aus. Heute werden aber schöpferische Menschen gebraucht, die fähig sind, sich in die fortwährend wandelnden Lebens- und Berufsverhältnisse hineinzustellen.

Verstehen und Neuverstehen der sozialen Wirklichkeit

Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts waren Gefühle in wissenschaftlichen Studien verpönt, da sie zu subjektiv waren. Doch diese These wurde im Laufe der Geschichte von Philosophen, Pädagogen und Dichtern infrage gestellt. Pädagogik hat ein verkürztes Gegenstands- und Methodenbewusstsein, das abzulösen ist durch das ursprüngliche Grundmuster: Verstehen und Neuverstehen der sozialen Wirklichkeit. Dafür sprechen die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens, denn das Bewusstsein ist nicht im Denken verortet, sondern in den Beziehungen der Menschen untereinander. Darauf hat bereits der französische Mathematiker, Physiker, Literat und christliche Philosoph Blaise Pascal hingewiesen.

Blaise Pascal (1623-1662, Gemälde von 1691)
Blaise Pascal (1623-1662, Gemälde von 1691)

Für Pascal ist der um Erkenntnis bemühte Mensch in einer eigenartigen polaren Spannung zwischen dem Aneignen ganzheitlicher Strukturen und dem Assoziieren von Wissensstücken (intellektuellen Gehalten). Mit philosophischer Denkkraft und mathematischem Scharfsinn war er um eine Synthese bemüht. Für Pascal sind wissenschaftliche Kategorien und Begriffe einfache und plumpe Prinzipien, die das Wahrnehmen der Wirklichkeit verstellen. Sein Bemühen um Wahrheit war von einer ganzheitlichen und dialogischen Grundhaltung bestimmt. Er sah das Erkennen nicht für sich allein, sondern stellt es in die Beziehung zu anderen Menschen, die aus Interesse und Anteilnahme „mit ganzem Herzen suchen“.

Unter Herz (Cœur) verstand Pascal ein tief im Menschen veranlagtes Erkenntnisorgan, das dem bloßen intellektuellen Erkennen fehlt. Beim geistigen Anteilnehmen sind Herz (Cœur) und Wille (Volonté) auswechselbare Begriffe. Sein Erkennen schließt also Herz und Willen ein, wenn er sagt: „Die gewohnt sind, mit dem Gefühl zu urteilen, begreifen nichts von dem, was nur der Verstand erkennt, denn sie wollen gleich mit einem Blick alles durchdringen, und sind nicht daran gewöhnt, die Prinzipien zu suchen. Die anderen dagegen, die daran gewöhnt sind, nach Prinzipien zu denken, begreifen nichts von dem, was nur das Gefühl erfasst, denn sie suchen Prinzipien darin und sind nicht imstande, etwas mit einem Blick zu erfassen.“

Diese Erkenntnis bestätigt Eric Kandel (Hirnforscher, Psychoanalytiker, Nobelpreisträger). Kandel erkennt das Gehirn als „Organ der Person“, „Organ der Möglichkeiten“ oder als Organ des Menschen, das in der emotionalen Beziehung zu Menschen ganzheitlich aktiv sein will.

Eric Kandel, geb. 1929
Eric Kandel, geb. 1929

Wird aber diese Beziehung durch andere Menschen gestört, dann kann es zu psychischen Störungen und am Ende zu psychischen Erkrankungen kommen: Psychische Krankheiten sind immer Krankheiten der Person in ihrer Beziehung zu anderen Menschen. Die Störungen und Krankheiten haben ihren Grund darin, dass das Zwischen oder der Dialog gestört ist.

Fazit

Das menschliche Gehirn will sich von Beginn an in der Beziehung mit anderen Menschen und mit der Umwelt in geordneten Bahnen entwickeln und aus eigener Kraft sinnvolle Strukturen der Welt aneignen. In diesem Lebensraum, der von wechselseitiger Empathie geprägt ist, gewinnt der Lernende zunehmend mehr Freiheit. Er wird Gestalter seiner eigenen Entwicklung. Wer wollte nicht dem Sinnspruch von Blaise Pascal zustimmen? „Je weiser und besser ein Mensch ist, umso mehr Gutes bemerkt er in den Menschen.“

Prof. Dr. Ferdinand Klein