Professor Ferdinand Klein

Biografische Spur: „Neubegründer des Instituts für Rehabilitationspädagogik“

Den Beitrag im Karpatenblatt (4/2025) „In der neuen Heimat den Sinn des Lebens finden“ ergänze ich mit weiteren biografischen Spuren die von frühen Erlebnissen in meinem geliebten Schwedler/Schbaadla (Švedlár) und auf der Flucht nicht zu trennen sind: Ich stellte mich nach der politischen Wende 1992 der Aufgabe, das Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Halle-Wittenberg neu zu begründen.

Bei der Neubegründung des Halleschen Instituts für Rehabilitationspädagogik versuchte ich mich weiteren persönlichen, beruflichen und politischen Herausforderungen zu stellen und im Geiste der Pädagogik der Achtung des Arztes und Erziehers Janusz Korczak, der mit seinen 200 jüdischen Waisenkindern 1942 den Tod freiwillig teilte, dieser Aufgabe zu entsprechen. Konnte Korczak den Kindern die Wahrheit zumuten? Er beruhigt sie, er gehe mit ihnen und hielt den Kindern bis in die Gaskammer von Treblinka die Treue. Meine Arbeit drohte zu scheitern. Korczaks Ghetto-Tagebuch schenkte mir Halt, Gelassenheit und Heiterkeit. Seine Handlungsethik verstehe ich als Bildungsimpuls für die Politik.

Janusz Korcak
Janusz Korczak (1878-1942)

In einfacher Sprache erinnere ich: Während meiner Tätigkeit als Lehrer und Heilpädagoge studierte ich an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und München. Das Studium in den Fächern Pädagogik, Philosophie, Soziologie und Kinderneurologie-Kinderpsychiatrie schloss ich mit der Promotion „Die häusliche Früherziehung des entwicklungsbehinderten Kindes“ 1978 ab; die Studie (ISBN 3-7815-0406-0) kann noch heute erworben werden. 1980 folgte ich dem Ruf an die Universität Würzburg, 1982 als habilitierter Hochschullehrer an die Universität Mainz, 1989 an die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg/Universität Tübingen mit Sitz in Reutlingen, 1992 bis 1994 an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und nach der Neubegründung des traditionsreichen Instituts für Rehabilitationspädagogik folgte ich nicht der Bitte meiner lieben Hallenser in Halle zu bleiben, hielt mein Versprechen gegenüber meiner Frau und dem Reutlinger Kollegium und blieb bis zur Emeritierung (1. April 1997) in Reutlingen; bin aber Ehrenmitglied des Halleschen Instituts.

Über die Aufbauarbeit gratulierte mir zum 60. Geburtstag Kollege Otto Speck (1926-2023), den ich um Mitarbeit in der Berufungskommission bat, mit folgenden Worten:

Neubegründer des Instituts für Rehabilitationspädagogik

Professor Dr. Ferdinand Klein folgte 1992 einem Ruf an die traditionsreiche Universität in Halle, um das hiesige Institut für Rehabilitationspädagogik neu aufzubauen. Er stellte sich damit einer sehr schwierigen Aufgabe.

Geschichtliche Umbrüche bedeuten Herausforderung und Chance. Sie können gelingen und eine bessere Zukunft einleiten, oder sie führen zur Erstarrung des nicht Verbindbaren und blockieren eine ersprießliche Synthese und Weiterentwicklung auf lange Zeit. Staatlich getrennte Teile, die sich über mehr als zwei Generationen hinweg in systematischer Differenz entwickeln mussten, plötzlich wieder eins werden zu lassen, stellt eine Aufgabe dar, von der wir heute sagen müssen, dass sie viel komplizierter ist, als wir es uns hatten vorstellen können.

Es handelte sich bei der zu leistenden Integration eben nicht um ein bloßes technologisches Problem, bei dem es im Wesentlichen darum ging, auf einer Seite bestimmte Funktionsteile, etwa von Institutionen, auszuwechseln oder auf neue Standards umzustellen. Es ging vielmehr und in erster Linie um Menschen. Sie hatten in einer ihnen aufgezwungenen Getrenntheit ihre Identitäten entwickelt, und zwar auf beiden Seiten. Die aber lassen sich nicht einfach austauschen oder gleichschalten (…).

Die „Wende“ machte das bisherige Institut für Rehabilitationspädagogik „kopflos“. Das war aber zugleich die Chance des Ferdinand Klein, bis dahin Professor für Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen, aber zugleich auch, – wie sich heute sagen lässt – die Chance dieses Instituts. Was seitdem in den wenigen Jahren des Umbaus geschaffen worden ist, kann ohne Zweifel als im Wesentlichen sein persönliches Verdienst bezeichnet werden. Was er zunächst vorfand, als er sich mutig, aber beherzt gen Osten wandte, mutete nicht gerade verheißungsvoll an: Keine Professoren, keine gültigen Studien- und Prüfungsordnungen, keine Bibliothek, aber eine erwartungsvolle junge Studentenschaft und vor allem tatkräftige erfahrene und hoch engagierte Mitarbeiterinnen.

Als ich das erste Mal mit Herrn Klein im Institut zusammentraf und er mir seine Pläne für den Ausbau des Instituts entwickelte, meinte ich, dass es wohl mehr Wunschvorstellungen, wenn nicht gar Träume wären. Dabei verglich ich diese mit den mir bekannten Realitäten im Westen, z. B. mit unserem Institut an der Universität München. Herr Klein lächelte nur freundlich gegenüber meiner Skepsis.

Entscheidend für die Neukonstituierung des Instituts waren Berufungsprozesse für die neuen Professuren. Das Ministerium, das ebenfalls große Unterstützung erkennen ließ, hatte tatsächlich fünf Professorenstellen bewilligt. Die Berufungsverhandlungen verliefen völlig reibungslos, und die Berufungsvorschläge der Kommission konnten ohne Monita die weiteren Universitätsgremien passieren. Das Ergebnis bis heute: Mit Beginn des Sommer-Semesters 1994 haben vier der neuberufenen Professoren ihre Tätigkeit am Institut aufgenommen. Für die fünfte Professur hat die Berufungskommission ihre Vorschlagsliste vorgelegt.

Es ist unbestreitbar, dass ein so produktives Bearbeiten höchst diffiziler Prozesse innerhalb einer Universität auch mit demjenigen zu tun haben, der sie verantwortlich in Szene setzt. Das Verhandlungsgeschick von Herrn Prof. Klein erwies sich im Übrigen immer wieder als ein sehr bemerkenswertes: Es machte sich weniger im Verhandeln selber als vielmehr im Ergebnis bemerkbar. Der Grund liegt darin, dass sein Charme auch dann erhalten bleibt, wenn er mit unnachahmlich zäher Hartnäckigkeit argumentiert.

Herr Professor Klein konnte sich weiterhin, was den inneren Institutsbetrieb betraf, auf eine Gruppe von Mitarbeiterinnen stützen, die für die neue Zukunft offen waren und ihre ganze Kraft in den Dienst der Sache zu stellen verstanden. Ich habe stets, wenn ich am Institut in Halle war, eine einladend konstruktive, kollegiale und verbindliche Arbeitsatmosphäre gespürt. Ich habe niemals den Eindruck gehabt, dass der neue Institutsdirektor als ein Westler stigmatisiert würde. Im Gegenteil: Er erwies sich als Glücksfall einer Integrationsfigur. Dabei hatte er auch manche aus der politischen Hinterlassenschaft stammenden Probleme zu meistern. Er konnte sich dabei auf seine lauteren Absichten und seine integeren Motive stützen.

Wenn das wiedererrichtete Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Halle, heute, d. h. in so kurzer Zeit, über einen relativ hohen Ausbaustand verfügt, der sich zum einen auf mehrere heilpädagogische Fachrichtungen und zum anderen auf mehrere Studiengänge bezieht, zudem auf ein auffallend gutes Betriebsklima, so ist das alles nicht von ungefähr so geworden. Der besondere Dank dafür gebührt Herrn Prof. Dr. Ferdinand Klein, der mit der Neubegründung seines Instituts wohl seine größte persönliche und berufliche Herausforderung erlebt hat, und der außerordentlich erfolgreich die geschichtliche Chance für dieses Institut genutzt hat. Was diese Leistung möglich gemacht hat, war letztlich die stabilisierende und kraftgebende Verwurzeltheit seiner Person in einem Menschenbild, das dem einzelnen den vollen Einsatz für die eigene Aufgabe und unbedingte Achtung für den anderen abverlangt, zugleich aber darin auch Lebenserfüllung erleben lässt.“

Mit dem Gruß zu meinem 60. Geburtstag, dem Dank und Zeugnis der Studierenden schließe ich die biografische Spur.

Prof. Dr. Ferdinand Klein