Das Zipser Jerusalem – ein Kleinod neben Zipser Vatikan und Zipser Burg
Die Slowakei besitzt mit der Hohen Tatra nicht nur das kleinste Hochgebirge der Welt, sie hat außergewöhnliche Burgen (Zipser Burg, Burg Weinitz/Bojnice, Burg Orava) und das Slowakische Paradies macht seinem Namen alle Ehre. Ein weniger bekanntes Kleinod ist das Zipser Jerusalem (Spišský Jeruzalem), gelegen am Zipser Kapitel (Spišská Kapitula), dem sogenannten „slowakischen Vatikan“ (slovenský Vatikán). Es zu durchlaufen, lässt die Schönheit dieser Gegend erkennen und bringt die Passionsgeschichte in Erinnerung.
Das Zipser Jerusalem ist eine Kalvarienberganlage westlich des Zipser Kapitels. Sie entstand zwischen 1666 und 1675 auf der Pažica genannten Hochebene. In dieser Zeit wurde das Zipser Kapitel von György Bársony geleitet. Bársony war Zipser Propst und auch Bischof von Großwardein/Veľký Varadín. Er gilt als Initiator dieser Anlage.
Ihr Vorbild könnte die bereits 1600 errichtete „Kalwaria Zebrzydowska“ südlich von Krakau gewesen sein. Die direkt vor dem Zipser Kapitel gelegene Hochebene hat aber eine ganz besondere topografische Eigenschaft – die Ähnlichkeit mit dem antiken Jerusalem. Diese ist wirklich erstaunlich und machte es möglich, auf ihr eine symbolische, um 90 Grad gedrehte Kopie des alten Jerusalem zu erstellen.
Symbolische 1:1-Kopie des antiken Jerusalem
Im Maßstab 1:1 markieren sieben Bildstöcke Jerusalems Stadtmauern und Verteidigungstürme. In den Nischen der Bildstöcke befanden sich früher Bildnisse aus dem Leben Jesu. Innerhalb der so abgegrenzten Fläche symbolisieren ab 1666 entstandene Kapellen historische Schauplätze der Leidensgeschichte von Jesus Christus. So steht die im Zipser Kapitel befindliche, von 1245 bis 1273 erbaute Kathedrale des heiligen Martin für den Ort des Abendmahls. Die Kapelle der heiligen Rosalia (1130–1160), gebaut 1666, markiert den Platz des Königs Herodes.
Die 1669 als zweites Bauwerk errichtete Kapelle des heiligen Franz Xaver (1506–1552) repräsentiert den Sitz des Pontius Pilatus, die Festung Antonia.
Nicht zum Kreuzweg gehört die am Rande des Plateaus gelegene Kapelle des heiligen Johannes von Nepomuk (ca. 1350–1393). Johannes Nepomuk wurde 1729 von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen, die Kapelle entstand danach (1765–1766). Sie ähnelt ein wenig der Kapelle des Heiligen Kreuzes am Ende des Kreuzweges. Diese 1675 fertiggestellte Kapelle befindet sich auf dem Hügel Sivá Brada (Grauer Bart). Sie stellt symbolisch Golgatha, das heißt den Ort der Kreuzigung, sowie das Heilige Grab dar.
Auf dem Hügel entspringt eine Mineralquelle. Deren Wasser kann bei Magen- und Verdauungsproblemen helfen. Über mehrere Jahrhunderte, bis Ende des Zweiten Weltkrieges, existierten hier Kuranlagen. Auch der Garten Gethsemane war in das Konzept des Bischofs Bársony einbezogen, durch einen Park mit Fischteichen südöstlich von Apfelsdorf/Jablonov. Park und Teiche existieren aber heute nicht mehr.

Erst 2002 wieder erschlossen
Die von etwa 1350 bis 1792 andauernden Osmanenkriege, also die Kriege des Osmanischen Reiches mit vielen europäischen Ländern, machten zu dieser Zeit Pilgerreisen ins Heilige Land gefährlich oder sogar unmöglich. Das Zipser Jerusalem ließ Gläubige den Besuch der heiligen Stätten symbolisch nachvollziehen.
Historiker sprechen von späteren Eingriffen ins Gelände, die dazu führten, dass dieser vermutlich älteste Kalvarienberg der Slowakei in Vergessenheit geriet. Dazu zählen Aufforstungen und Veränderungen des Straßennetzes im letzten Jahrhundert und die Zeit des Sozialismus in der Tschechoslowakei.






Erst im Jahr 2002 stieß Doc. Ing. Peter Jančura, PhD., von der Technischen Universität Altsohl/Zvolen bei seinen Forschungsarbeiten auf den ehemaligen Kalvarienberg. Dessen Rekonstruktion dauerte zwei Jahrzehnte, zuletzt wurde im Jahr 2020 die Renovierung der Kapellen der heiligen Rosalia und des heiligen Franz Xaver abgeschlossen.
Das Zipser Jerusalem zählt zu den bemerkenswertesten sakralen Landschaftskomponenten der Slowakei. Es gehört als integraler Bestandteil der Welterbestätte „Leutschau, die Zipser Burg und die damit verbundenen Kulturdenkmäler“ zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Dr. Heinz Schleusener

