Beitragsbild Samuel Fischer

Der Thomas-Mann-Macher aus der Slowakei

Den Werken des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann dürfte jedes Kind an slowakischen und deutschen Schulen im Laufe seines Lebens einmal begegnet sein. Doch den Erfolg des „Großschriftstellers“, wie Robert Musil ihn einst spöttisch betitelte, ermöglichte erst sein aus der Slowakei stammender Verleger Samuel Fischer. Daher sollten wir uns im Thomas-Mann-Jahr 2025 auch an den Juden aus Liptau-Sankt-Nikolaus/Liptovský Mikuláš erinnern, der in Berlin ein Verlagsimperium gründete, das bis heute besteht.

Schlägt man einschlägige Literaturlexika auf und sucht den Eintrag zum berühmten Verleger Samuel Fischer, so stößt man bei seinem Geburtsort auf die Stadt Liptószentmiklós in Ungarn. Dabei handelt es sich um die heute in der Slowakei gelegene Kleinstadt Sankt Nikolaus in der Liptau/Liptovský Mikuláš, die im 19. Jahrhundert eine bedeutende jüdische Gemeinde hatte.

Die Verwirrung beginnt jedoch beim Geburtsjahr und -tag von Samuel Fischer. Allgemein wird der 24. Dezember 1859 als das Jahr seiner Geburt angegeben, doch Zuzana Nemcová vom Janko-Kráľ-Museum in Sankt-Nikolaus berichtet, dass die Matrikel des dortigen Rabbinats den 25. November 1858 als Geburtsdatum angibt.

Eine jüdisch-deutsche Erfolgsgeschichte unter der Tatra

Was wir wissen, ist, dass der kleine Samuel das fünfte Kind der Eheleute Carl und Minna Fischer, geb. Ullman war. Die Familie väterlicherseits stammte aus dem mährischen Holleschau/Holešov. Die Ahnen der Mutter wiederum kamen aus dem fränkischen Fürth bei Nürnberg und emigrierten ab Ende des 18. Jahrhunderts in die heutige Slowakei. Mit der Familie Ullman hielten auch die Ideen der vom Philosophen Moses Mendelssohn geprägten Haskala, der jüdischen Aufklärung, Einzug in die slowakische Provinz.

Unter dem Einfluss der Haskala assimilierten sich die Liptauer Juden schnell, legten das Jiddische weitestgehend ab und benutzten das Deutsche bis zur einsetzenden Magyarisierung als Verkehrssprache untereinander. Neben einer deutschsprachigen Volksschule gab es auch eine eigene Realschule mit deutscher Unterrichtssprache.

Aus der Liptau über Wien nach Berlin

Das liberale jüdisch-bürgerliche Milieu unter der Tatra prägte den jungen Samuel Fischer und führte ihn 1874 erst einmal in die Hauptstadt der Monarchie, nach Wien. Dort machte er eine Buchhändlerlehre und lernte in der Abendschule kaufmännische Grundlagen. Ende der 1870er Jahre ging Fischer nach Berlin und trat eine Stelle bei der Verlagsbuchhandlung von Hugo Steinitz an. 1883 wurde er dessen Compagnon.

Abbildung von Samuel und Gerhart Fischer
Samuel Fischer mit seinem Sohn Gerhart, der kurz nach seinem 19. Geburtstag an Typhus verstarb.

Bereits im Jahre 1886 gründete Fischer dann den S. Fischer Verlag in der Berliner Mohrenstraße 10, den er formal bis zu seinem Tode am 15. Oktober 1934 führte.

Literarisches Gespür und kaufmännisches Geschick

In den 1880er Jahren befand sich die deutsche Literatur in einer schweren ästhetischen Krise. Nach den fruchtbaren Jahren der Weimarer Klassik und der deutschen Romantik hatte sie sich zunehmend isoliert und den Anschluss an die Weltliteratur verloren. So war es folgerichtig, dass sich der Weltbürger Fischer den Übersetzungen ausländischer Literaten zuwandte. Dabei besaß er nicht nur ein Gespür für literarische Qualität, sondern auch für den sich immer stärker entwickelnden Buchmarkt. Fischer orientierte sich nicht am Publikumsgeschmack, sondern versuchte diesen aktiv zu beeinflussen – auch mit mutigen Schritten zugunsten der literarischen Moderne.

Das erste Buch, dass er 1887 verlegte, war das Schauspiel „Rosmersholm“ von Henrik lbsen. Ein riskantes Unterfangen in einer Zeit, in der Verleger lieber die Finger von Dramen ließen. Doch der Erfolg gab ihm Recht. Es folgten Autorennamen wie Émile Zola, Leo Tolstoi und Fjodor Dostojewski. 1889 entstand die Zusammenarbeit mit Gerhart Hauptmann, dem prominentesten Vertreter des Naturalismus. Dessen Stücke wurden unter anderem auf der von Fischer und Otto Brahm gegründeten „Freien Bühne“ aufgeführt.

Fischers Erfolgsrezept waren auch die Gesamtausgaben, die sein Verlag herausbrachte. Im S. Fischer Verlag erschienen beispielsweise die gesammelten Werke von Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hermann Hesse, Alfred Döblin, Hugo von Hofmannsthal und Peter Altenberg. Es liest sich wie eine Geschichte der modernen deutschsprachigen Literatur.

Der Verleger und sein Bestseller-Autor

Auch bei Thomas Mann verließ sich Fischer auf seine Intuition. 1898 verlegte Fischer Manns Novellenband „Der kleine Herr Friedemann“, nachdem der angehende Literat mit seinem Manuskript vorher bei vielen Verlagen gescheitert war. Den Tipp, zu Fischer zu gehen, bekam Thomas Mann wohl von seinem älteren Bruder Heinrich. Dieser hatte schon 1897 ein Volontariat beim S. Fischer Verlag absolviert.

Der Bestseller des Verlags sollten jedoch die „Buddenbrooks“ werden. Den Titel schlägt der Lektor vor – mit der Bitte an Thomas Mann, dass er das Manuskript von 1105 Seiten um die Hälfte kürze. Der selbstbewusste Jungschriftsteller besteht jedoch auf der ursprünglichen Länge. 1901 erscheinen die Buddenbrooks mit einer Auflage von 1000 in voller Länge und werden zum Dauererfolg des Verlagshauses. 1929 wurde Thomas Mann für genau diesen Roman mit dem Nobelpreis geadelt.

Schon 1906 hatte sich Thomas Mann voller Überschwang über seinen Verleger, mit dem er auch freundschaftlich verbunden war, geäußert: „Ja, Sie sind ein großer Verleger! So wahr meine Seele lebt, ich will Euch niemals verlassen.“ Er hat Wort gehalten. Und wer weiß, was aus ihm geworden wäre, wenn Samuel Fischer aus Liptau-Sankt-Nikolaus seinem Lektor mehr vertraut hätte, als dem angehenden „Zauberer“ aus Lübeck.

Yannick Baumann