Die Artikularkirche Svätý Kríž
Der slawische Architektur- und Kulturraum beherbergt einen wesentlichen Teil der gesamteuropäischen Holzbaugeschichte. Von den rund 300 historischen Holzkirchen in der Slowakei existieren heute noch etwa 70, wovon 8 dank der Arbeiten des Denkmalpflegers Miloš Dudáš zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts breitete sich mit der einsetzenden Reformation der Protestantismus von Deutschland in den Karpatenraum aus. In der Gegenreformation wurden den Protestanten bis ins 17. Jahrhundert von der katholischen Habsburger Herrschaft die Kirchen entzogen, zerstört oder zwangsweise rekatholisiert. Später räumte die Obrigkeit wieder gewisse bauliche Zugeständnisse ein. Diese waren an gesetzliche Bestimmungen, die Artikel, gebunden. So mussten die Kirchen innerhalb von nur einem Jahr außerhalb geschlossener Ortschaften fertiggestellt werden. Auch die Bauweise wurde vorgeschrieben, unter anderem mussten die Kirchen aus Holz ohne eiserne Nägel errichtet werden. Diese Gotteshäuser trugen fortan den Namen Artikularkirchen.

© Marc Wilhelm Lennartz
Handwerklicher Aufbau ohne Baupläne in acht Monaten
Daraus sind einzigartige Bauwerke entstanden, von denen heute noch 5 existieren. Die evangelische Artikularkirche Svätý Kríž im Norden der mittleren Slowakei ist eine der größten Holzkirchen Europas. Sie war ursprünglich im Jahr 1693 im Dorf Veľká Paludza errichtet worden. In den Jahren 1773-1774 fand ein Umbau zur heutigen Größe und Form statt. Bemerkenswerterweise schaffte es Zimmermeister Jozef Lang, obschon Analphabet und ohne Baupläne, die Holzkirche in nur acht Monaten aufzuzimmern! Der Kirchturm wurde 1781 dazugestellt.

© Marc Wilhelm Lennartz
Svätý Kríž = Heiliges Kreuz
Der 43 m lange Grundriss hat die Form eines langgestreckten Kreuzes, das sich auch im Namen widerspiegelt: Svätý Kríž = Heiliges Kreuz. Die Grundfläche beträgt 658 m² und Dank der im Chorbereich aufgezimmerten zwei Emporen wartet die Svätý Kríž mit einer Nutzfläche von 1.150 m² auf. Dadurch können mehrere Tausend Gläubige die Gottesdienste besuchen. In den Jahren 1974-1982 wurde in Veľká Paludza ein Staudamm für das Wasserkraftwerk Liptovská Mara errichtet. Daraufhin mussten Dorf und Gotteshaus weichen, und die Kirche wurde an den heutigen Standort transloziert.

© Marc Wilhelm Lennartz
Handgeschnitzter Barockaltar
Als zusätzlichen Schutz bekleidete man die horizontal verlegten Blockbalken der Außenwände innen wie außen mit einer vertikal montierten Brettschalung. Ebenso wie der Außen- wird auch der gesamte Innenraum vom Boden über den Altar und die Emporen bis unter das mächtige Tonnengewölbe vom Holz determiniert. Unter den zahlreichen handgeschnitzten kunsthistorischen Schätzen befinden sich eine Kanzel und der Barockaltar aus dem Jahr 1693. All diese werden dem Holzschnitzer Johann Lerch aus Kesmark/Kežmarok zugeschrieben.

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Einzigartig: Blockbau mit 2 Tonnengewölben
Ein weiteres hervorstechendes bauliches Merkmal bildet die Überdachung aus zwei aneinandergefügten Satteldächern mit zwei Tonnengewölben, die mit Spannweiten von 12 m und 13 m aufwarten. Sie bestehen aus jeweils einem Sparrenpaar und einem Horizontalbalken, die durch einen Querbalken (Band) verbunden sind. Dabei wird die Bogenform durch kürzere eingezapfte Balken erzeugt. Die beiden mächtigen Tonnengewölbe kreuzen sich in der Mitte, woraus das Kreuzgewölbe resultiert. Die Eindeckung des Kirchendaches besteht aus Lärchenholzschindeln der Europäischen Lärche (Larix decidua).
Baukulturell bedeutsame Fehleinschätzung der Obrigkeit
Die Habsburger Obrigkeit mochte die Reformation durch den Bau von hölzernen Artikularkirchen schwächen, weil sie hoffte, dass diese nur von kurzer Haltbarkeit sind. Doch sie unterschätzte die Meisterschaft der Zimmerleute. Nach über 250 Jahren öffnet die Svätý Kríž, die zu rund 95 Prozent aus reinem Holz besteht, nach wie vor an jedem Sonntag den Gläubigen ihre Pforten für den Gottesdienst.
Marc Wilhelm Lennartz
Unabhängiger Fachjournalist, Referent & Buchautor
(Kontakt: www.mwl-sapere-aude.com)
Literatur:
Dudáš, Miloš: Slovak Wooden Lutheran Churches of 17th and 18th Centuries – Current Myths and Legends. In: Jan Harasimowicz (Hrsg.). Protestantischer Kirchenbau der Frühen Neuzeit in Europa. Grundlagen und neue Forschungskonzepte. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg, 2015
Dudáš, Miloš: Drevené artikulárne a tolerančné chrámy na Slovensku (Wooden Articular and Tolerance Churches in Slovakia). Liptovský Mikuláš: Tranoscius, 2011
Hochberger, Ernst: Das große Buch der Slowakei. Stuttgart: Hochberger, Sinn 1997
