Beitragsbild Zips Roll

Die Familie Roll – Unternehmer, Bergleute und Wiederbeleber der Unterzips

Genealogische Forschung bringt oft Persönlichkeiten ans Licht, die in den großen Geschichtsbüchern kaum Erwähnung finden, aber dennoch entscheidend zur Entwicklung ihrer Region beigetragen haben. Die Familie Roll ist ein solches Beispiel. Ihre Mitglieder wirkten über Generationen hinweg im Bergbau, im Handel und in der kommunalen Entwicklung der Zips/Spiš, vor allem der Unterzips/Dolný Spiš.

Besonders Anton Roll der Ältere und sein Nachkomme Anton Roll der Jüngere prägten die wirtschaftliche und soziale Landschaft ihrer Zeit. Ihre Geschichte verdient es, erzählt und bewahrt zu werden.

Herkunft und Aufstieg

Anton Roll der Ältere wurde 1537 in Schrobenhausen geboren, einer bayerischen Stadt an der alten Handelsstraße zwischen Augsburg und Regensburg. Über seine Jugend ist wenig bekannt, doch um das Jahr 1557 verließ er seine Heimat und begab sich auf eine Reise, die ihn über Breslau/Wrocław und Krakau/Kraków schließlich in die oberungarischen Bergbauregionen führte.

In Breslau arbeitete Roll mit dem angesehenen Kaufmann Daniel Schilling zusammen, dessen Wappen noch heute auf Rolls Epitaph in der Jakobskirche/Bazilika svätého Jakuba von Leutschau/Levoča zu sehen ist. Diese Verbindung war nicht nur geschäftlich, sondern auch familiär bedeutsam. Sie öffnete Roll die Türen zu den Handelsnetzwerken zwischen Schlesien, Kleinpolen und Oberungarn.

Roll etablierte sich als einer der führenden Gewerken der Region. Er organisierte den Import von Blei aus Polen und den Export von Kupfer, Silber und Vitriol aus der Zips-Gemer-Region nach Danzig. Seine Zusammenarbeit mit der Familie Thurzo, den Grundbesitzern der Zipser Burgherrschaft, war dabei von zentraler Bedeutung. Die Thurzos profitierten finanziell erheblich von Rolls Aktivitäten, was seine Stellung weiter festigte.

Namensvielfalt und genealogische Herausforderungen

Die genealogische Erforschung der Familie Roll ist durch die Vielzahl an Namensvarianten erschwert: Rholl, Rhaell, Raell, Räel, Rael, Röll – all diese Schreibweisen finden sich in historischen Quellen. Diese Vielfalt ist nicht nur ein Hindernis, sondern auch ein Schlüssel zur Lösung mancher genealogischer Rätsel. Sie zeigt, wie flexibel und regional unterschiedlich Namensführung im 16. und 17. Jahrhundert war.

Anton Roll der Jüngere

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts tritt ein weiterer Anton Roll in Erscheinung – vermutlich ein Nachkomme von Anton Roll dem Älteren. Er wirkte vor allem in der Unterzips, insbesondere in Göllnitz/Gelnica und Schmöllnitz/Smolník. Dort besaß er Anteile an mehreren Bergwerken und Hütten. Hinweise deuten darauf hin, dass er 1746 eine Familienkrypta in der Göllnitzer Pfarrkirche errichten ließ – ein Zeichen seines sozialen und wirtschaftlichen Einflusses.

Kupfer für Danzig

Ein bedeutender Abschnitt in der Karriere von Anton Roll dem Älteren war die Zusammenarbeit mit dem deutschstämmigen Bergmann Peter Feigel von Seibelsdorf. Die Brüder Johann und Peter Feigel betrieben bereits seit Jahrzehnten ein eigenes Bergbauunternehmen. Ab 1548 arbeiteten sie in Schmöllnitz und in den 1560er Jahren stieß Anton Roll hinzu.

Ein Rechtsstreit zwischen Roll und Feigel im Jahr 1570 wurde nach dem Göllnitzer Bergrecht beigelegt. Danach setzten sie ihre Kooperation fort und exportierten gemeinsam Kupfer, Halbedelmetalle und Feinsilber nach Danzig. Diese Handelsbeziehungen waren durch familiäre und kapitalstarke Netzwerke gestützt – insbesondere durch die Verbindung zu Daniel Schilling und zur Familie Thurzo.

Wiederbelebung der Bergstadt Schwedler

Anton Roll war nicht nur Unternehmer, sondern auch ein Förderer der lokalen Gemeinschaft. Er kaufte in der Unterzips gefördertes Erz auf, ließ es nach Leutschau liefern, wo es in der Thurz-Saiger-Hütte zu Schwarzkupfer verarbeitet und dann nach Polen verkauft wurde. Die wirtschaftlichen Freiheiten zu Rolls Zeiten führten zu einem Aufschwung in der Region.

Ein bleibendes Erbe

Die Geschichte der Familie Roll zeigt eindrucksvoll, wie einzelne Persönlichkeiten durch unternehmerisches Geschick, strategische Netzwerke und soziale Verantwortung eine Region prägen können. Ihre Rolle im Bergbau, im Handel und in der kommunalen Entwicklung der Zips ist ein bedeutender Teil unseres kulturellen Erbes.

Die Forschung macht deutlich, dass auch vermeintlich „kleine” Namen große Spuren hinterlassen haben. Es liegt an uns, diese Geschichten zu bewahren, zu erforschen und weiterzugeben – als Teil einer lebendigen Erinnerungskultur, die nicht nur Könige und Feldherren, sondern auch Gewerken, Bergleute und Gemeindeväter ehrt.

Oswald Lipták