„Die Gesellschaft ist keine geheimnisvolle Kraft – das sind wir.“
Eine Protestbühne. Ein Debattierturnier. Ein Poetry-Slam-Abend. Auf den ersten Blick haben sie wenig gemeinsam. Andere Regeln, andere Erwartungen, andere Gründe, vor ein Publikum zu treten.
Zwischen all dem bewegt sich Jana Šulíková. Die frischgebackene Absolventin des deutsch-slowakischen bilingualen Gymnasiums in Deutschendorf/Poprad hat bei prodemokratischen Kundgebungen vor Menschenmengen gesprochen, eine Debattier-AG gegründet und ihre eigenen Texte auf die Poetry-Slam-Bühne gebracht. Hinter all dem steht eine einfache Überzeugung, die sie längst selbst in die Tat umsetzt: Wer etwas verändern möchte, muss bereit sein, seine Stimme zu erheben.
In diesem Interview erfahren Sie:
- warum sie trotz aller Herausforderungen an die Zukunft der Slowakei glaubt,
- weshalb echter Dialog für sie der Schlüssel zu gesellschaftlichem Wandel ist,
- wie aus einem Zufall ein Debattierclub entstand,
- und warum Slam Poetry für sie alles andere als elitär ist.
Glaubst du, dass sich junge Menschen in der Slowakei gesellschaftlich genug engagieren? Tun wir genug?
Ich denke, wir machen bereits ziemlich viel. Könnten wir noch mehr tun? Auf jeden Fall. Es gibt immer Luft nach oben. Die größere Herausforderung besteht für mich aber darin, nicht gleichgültig zu werden.
Es ist leicht, etwas auszuprobieren, zu sehen, dass es nicht funktioniert, und zu denken: „Na gut, das war’s.“ Doch echte Veränderungen gelingen nur selten beim ersten Versuch.
Glaubst du, dass Menschen heutzutage zu schnell aufgeben?
Vielleicht nicht nach dem ersten Rückschlag. Aber wenn man immer wieder versucht, etwas zu verändern und trotzdem nichts passiert, sagen viele irgendwann: „Weißt du was? Ich gehe. Ich ziehe woanders hin.“

Es gibt dieses berühmte Zitat: „Wahnsinn ist, immer wieder dasselbe zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“
Sicher. Aber wer sagt denn, dass man immer wieder genau dasselbe tun muss? Vielleicht ändert man seine Strategie. Man gibt nicht unbedingt auf – man passt sich an. Ich glaube, manchmal werfen wir einfach zu schnell das Handtuch.
Das sieht man auch bei vielen Abiturientinnen und Abiturienten. Viele ziehen ein Studium in der Slowakei gar nicht mehr in Betracht. Der erste Gedanke ist, ins Ausland zu gehen. Und das kann ich gut nachvollziehen. Trotzdem sollten wir die Möglichkeit, irgendwann zurückzukommen, nicht aus den Augen verlieren. Für eine Zeit ins Ausland zu gehen, Erfahrungen zu sammeln und anschließend zurückzukehren, ist etwas anderes als von Anfang an zu glauben, dass das eigene Land es nicht wert ist, zurückzukehren.
Lohnt sich der Weg zurück in die Slowakei?
Absolut. Ich finde, die Slowakei ist ein wunderbares Land. Manchmal sind es einfach die Menschen, die es kompliziert machen.
Dann müssten wir also alle loswerden?
(lacht) Nein, nicht alle. Die Politiker würden wahrscheinlich schon ausreichen.
Du hast gerade davon gesprochen, dass Menschen bleiben und etwas verändern sollten, statt aufzugeben. Genau das hast du selbst versucht. Als du bei den Pro-Demokratie-Demonstrationen auf der Bühne standest – was wolltest du den Menschen mitgeben?
Mich fasziniert immer wieder, wie häufig Menschen über die Gesellschaft klagen. „Die Gesellschaft ist gespalten. Die Gesellschaft ist so polarisiert.“
Als wäre die Gesellschaft irgendeine geheimnisvolle Kraft, die irgendwo über unseren Köpfen schwebt. Dabei ist die Gesellschaft nichts von uns Getrenntes. Das sind wir. Wenn ich mit meinem Nachbarn nicht mehr spreche, nur weil er anders gewählt hat als ich, dann trage ich selbst zu dieser Spaltung bei.
Deshalb glaube ich, dass Veränderung viel näher bei uns beginnt, als wir oft denken. Anstatt ständig „die Gesellschaft“ verantwortlich zu machen, sollten wir uns vielleicht fragen, für welche Nachbarn, Kolleginnen, Kollegen oder Bürger wir eigentlich selbst sind. Die meisten von uns haben in ihrem direkten Umfeld viel mehr Einfluss, als ihnen bewusst ist.



Was für Reaktionen hast du auf deine Auftritte bei den Protesten bekommen?
Einmal kam nach einem Protest ein Mann zu mir und sagte: „Warum bist du überhaupt auf diese Bühne gegangen? Keine Universität wird dich jetzt noch aufnehmen.“ Natürlich findet man auch auf Facebook unter Beiträgen, in denen ich zu sehen bin, den einen oder anderen unangenehmen Kommentar. Insgesamt waren die positiven Reaktionen aber deutlich in der Mehrheit. Und ehrlich gesagt beschäftige ich mich mit den negativen nicht besonders. Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe, und würde es auch heute nicht zurücknehmen.
Ist dir schon einmal jemand mit dem Argument gekommen, du seist zu jung, um bei bestimmten Themen mitreden zu können?
Aber natürlich. (lacht) Ich finde das immer ein bisschen absurd. Unsere Eltern, die Schule, eigentlich unser ganzes Umfeld bringen uns jahrelang bei, selbstständig zu denken, uns eine eigene Meinung zu bilden und für uns selbst zu sprechen. Und sobald man genau das tut, haben plötzlich erstaunlich viele Menschen ein Problem damit.
Dann heißt es auf einmal: „Was kannst du mit 20 schon wissen?“ oder: „Welches Recht hast du in deinem Alter überhaupt, dazu eine Meinung zu haben?“ Na ja – jedes. Ich habe genauso das Recht, mir eine Meinung zu bilden und sie zu äußern wie jemand, der 40 oder 60 ist. Natürlich weiß ich nicht alles. Aber das behauptet ja auch niemand. Wenn jemand anderer Meinung ist als ich, können wir uns gerne zusammensetzen und darüber reden.
Viele Menschen haben heute das Gefühl, dass ein echter Dialog mit Andersdenkenden kaum noch möglich ist. Haben wir vergessen, miteinander zu sprechen?
Ich glaube, wir vermeiden heute viel schneller unangenehme Gespräche als früher. Aber ohne diese Gespräche wird sich nichts verändern. Sie sind anstrengend. Sie sind frustrierend. Und manchmal führen sie zu keinem Ergebnis. Trotzdem lohnen sie sich.

Deine Begeisterung für den Dialog hat sich schließlich auch darin gezeigt, dass du einen Debattierclub gegründet hast. Wie kam es dazu?
(lacht) Eigentlich war das reiner Zufall. Ich wurde gefragt, ob ich bei einem Debattierwettbewerb in Kaschau/Košice kurzfristig für jemanden aus dem Team einer anderen Schule einspringen könnte. Eine Person war ausgefallen, und plötzlich war ich dabei. Das Handout habe ich tatsächlich erst im Zug nach Kaschau gelesen, weil ich überhaupt nicht wusste, worauf ich mich da eingelassen hatte.
Aber es hat mir sofort unglaublich viel Spaß gemacht. Auf der Rückfahrt fragte ich mich nur noch, warum es so etwas nicht auch an unserer Schule gibt. Es hat dann zwar eine Weile gedauert, bis wir alle nötigen Genehmigungen hatten, aber schließlich konnten wir tatsächlich eine eigene Debattier-AG aufbauen. Jetzt hoffe ich natürlich, dass sie auch ohne mich weiterbesteht.
Was würdest du jemandem sagen, der noch nie debattiert hat – warum lohnt es sich, es einmal auszuprobieren?
Ich finde, jeder sollte einmal erleben, wie es ist, eine Meinung mit Argumenten statt mit Emotionen zu verteidigen. Es ist wichtig, zwischen Herz und Verstand unterscheiden zu können. Gerade heute nutzen viele Menschen Emotionen wie Wut und Angst, um ihre Ideen durchzusetzen, und tarnen sie dabei als Fakten. Gefühle sind in einem Dialog natürlich keine Feinde, aber sie sollten auch nicht als Werkzeuge benutzt werden. Was man beim Debattieren aber auch lernt, ist, zuzugeben, wenn jemand anderes die besseren Argumente hat. Ich glaube, das gehört heute zu den schwierigsten Dingen überhaupt.
Neben dem Debattieren und deinem gesellschaftlichen Engagement spielt auch Poetry Slam – eine Form der Bühnenliteratur, bei der selbst geschriebene Texte live vor Publikum vorgetragen werden – eine wichtige Rolle in deinem Leben. Was begeistert dich daran besonders?
Ich glaube, vor allem diese Freiheit. Poetry Slams sind unglaublich dynamisch und überhaupt nicht elitär – grundsätzlich kann jeder mitmachen. Wenn man „Lyrik“ hört, denkt man vielleicht zuerst an jemanden im Anzug, der in einer Bibliothek jahrhundertealte Gedichte vorträgt. Beim Slam ist es fast das Gegenteil: Du stehst mit deinem eigenen Text auf der Bühne und bekommst unmittelbar mit, wie das Publikum darauf reagiert. Kunst muss nicht schön sein. Sie sollte einen dazu bringen, etwas zu empfinden und länger darüber nachzudenken.
Und ich mag tatsächlich auch den Wettbewerbscharakter. Jedes Publikum ist anders und dadurch weiß man vorher nie ganz genau, wie ein Text funktionieren wird. Genau das macht es für mich so spannend.



Ob bei einer Demonstration, einer Debatte oder einem Slam-Auftritt – am Ende stehst du immer wieder auf der Bühne. Was zieht dich dorthin?
Die Hoffnung, dass vielleicht wenigstens eine Person den Saal mit einem anderen Blick auf die Dinge verlässt, als sie ihn betreten hat.
Zum Schluss noch unsere klassische „Unerhört?!“-Frage – ein Thema, das die Gesellschaft vermutlich genauso spaltet wie die Politik: Pumpkin Spice Latte – ja oder nein?
(lacht Hm … ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob ich schon einmal einen getrunken habe. Vielleicht einmal. Aber ich bin eigentlich ein großer Kaffeeliebhaber. Espresso Tonic oder Flat White mag ich zum Beispiel sehr gerne.
Das Gespräch führte Lucia Vlčeková.
