Schemnitzer Berge

Die schnaufende Seele der Schemnitzer Berge

Manche Züge fahren nicht nur durch Landschaften – sie durchqueren Zeiten, Schicksale und Erinnerungen. Die Štiavnická Anča war ein solcher Zug. Sie schnaufte nicht nur durch die Schemnitzer Berge, sondern durch das Herz einer Region, die von Bergbau, deutscher Kultur und technischer Genialität geprägt war.

Die Schemnitzer Berge sind durchzogen von Stollen, Geschichten und Sprachen. Seit dem Mittelalter war Banská Štiavnica – Schemnitz – ein Zentrum des europäischen Bergbaus. Hier wurde nicht nur Silber und Gold gefördert, sondern auch Wissen: Die Bergakademie war die erste ihrer Art weltweit. Und mit dem Erz kamen Menschen – vor allem Karpatendeutsche, die aus Süddeutschland, Tirol und Österreich einwanderten und die Region prägten.

Diese Menschen brachten nicht nur Technik, sondern auch Kultur. Ihre Sprache, ihre Architektur, ihre Schulen und ihre Verwaltung formten das Gesicht der Region. Und mittendrin: die Anča.

Die Geburt der Anča

Im 19. Jahrhundert war Schemnitz zwar reich an Bodenschätzen, aber arm an Verbindungen. Die steilen Hänge, die dichten Wälder und die Höhenlage machten den Transport zur logistischen Herausforderung. Die Lösung war eine Schmalspurbahn – geplant mit einer Spurweite von 760 mm, ideal für das schwierige Gelände.

Die Strecke war ein technisches Meisterwerk: 20 Kilometer Länge, fast 300 Meter Höhenunterschied, Brücken, Tunnel und Serpentinen. Die Dampflokomotiven schnauften durch die Berge, später ergänzt durch leichte Triebwagen. Doch der Name „Anča“ blieb – wie ein Kosename für eine treue Gefährtin, die nie schnell war, aber immer da.

Die Bahn fuhr durch Orte, die tief von Karpatendeutschen geprägt waren. Ihre Namen – Schneider, Müller, Wagner – leben bis heute in Matriken und Straßennamen weiter. Die Anča verband Orte mit deutscher Geschichte, wie Hodritsch-Hammern/Hodruša-Hámre, Glashütte/Sklené Teplice oder Siegelsberg/Štiavnické Bane.

Wandel, Widerstand und der Abschied

Mit den 1930er Jahren kam der Wandel. Die Anča galt als veraltet, der Staat setzte auf Straßenverkehr. Doch die Bergbaubehörde kämpfte für ihren Erhalt – und gewann Zeit. Der Zweite Weltkrieg brachte einen kurzen Aufschwung: Bis zu vier Güterzugpaare täglich rollten durch die Berge.

Doch 1943 wurde der Bau einer normalspurigen Bahnlinie beschlossen. Der Slowakische Nationalaufstand unterbrach den Bau, doch nach dem Krieg folgte ein tiefer Einschnitt: Die Vertreibung der Karpatendeutschen veränderte die Region. Die Anča verlor ihre Fahrgäste. 1949 wurde sie stillgelegt. An ihre Stelle trat die „Trať mládeže“ – die „Strecke der Jugend“. Ein Symbol für Fortschritt, aber auch für den Bruch mit der Vergangenheit.

Die Anča als Erinnerungsträgerin

Zwischen den 1920er und 1940er Jahren war die Anča Teil des Lebensrhythmus: Sie brachte Bergleute zu den Schächten, Kinder zur Schule, Waren in die Täler. Ihre wichtigsten Stationen waren nicht nur Haltepunkte, sondern Orte des Austauschs, der Begegnung, des Alltags.

Mit dem technischen Fortschritt wurde sie ersetzt – durch Diesellokomotiven, Busse und später Autos. Doch sie verschwand nie ganz. Sie blieb in Liedern, Witzen und Erinnerungen. In den 1990er Jahren begannen lokale Initiativen, sie als Nostalgiezug wiederzubeleben. Mit restaurierten Waggons, originalen Führerständen und liebevoll gepflegten Details wurde sie zum Symbol regionaler Identität.

Nácko und der Speck auf den Schienen

Und wo die Bahn fährt, lebt auch der gewitzte Bergmann Ignaz – alias Nácko – weiter. Der Mann, der einst Speck auf die Schienen schmierte, damit die Lok ins Rutschen kam. Seine Geschichten, voller Humor und Lebensklugheit, begleiten die Fahrt wie ein Echo aus der Vergangenheit.

Heute lebt die Anča in historischen Fotos, Videoaufnahmen, Zeitzeugenartikeln mit Archivmaterial und einem touristischen Zug, der ihren Namen trägt, weiter.

Folgerung: Mehr als ein Zug

Die Štiavnická Anča war nie schnell. Aber sie war zuverlässig, menschlich und tief verwurzelt in einer Region, die durch den Bergbau und die Kultur der Karpatendeutschen geprägt wurde. Ihr Vermächtnis rollt weiter – nicht nur auf Schienen, sondern in Geschichten, Namen und dem Lächeln jener, die sich erinnern.

Wie und wann der Name geprägt wurde, bleibt ein Rätsel. Vielleicht hieß sie Anča, weil sie tatsächlich wie eine alte Dame schnaufend, zischend und Feuer spuckend die Serpentinen erklomm. Ihre Geschichte verdient es, weitererzählt zu werden: als Zeugnis einer Zeit, in der Züge nicht nur Gleise verbanden, sondern Schicksale – damals wie heute.

Oswald Lipták