Dreistimmiger Dankesklang in der Zips: Michaelistag – Erntedankfest – Bergopferfest
Der Herbst in Schwedler/Švedlár und den Gründen – wie auch in der gesamten Zips – war nie eine gewöhnliche Jahreszeit. In unseren Tälern bedeutete er immer mehr: eine Zeit des Innehaltens, des Rückblicks auf die Früchte der Arbeit, auf die Gaben der Erde und auf Gottes Treue. Und er sprach ein Wort aus, das Generationen unserer Vorfahren begleitet hat: Danke.
Dieser Geist des Dankes zeigt sich in unserer Region in drei Herbstfesten, die zusammen einen einzigartigen Dreiklang bilden: Michaelistag, Erntedankfest und Bergopferfest.
In den kanonischen Büchern der Heiligen Schrift treten vor allem zwei Erzengel namentlich hervor: Michael, der Kämpfer Gottes, und Gabriel, der Bote der frohen Nachricht. Ihre Namen gehören zur gemeinsamen christlichen Tradition – anerkannt von der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche. Auch in der Zipser Region hat sich eine tiefe Verehrung des Erzengels Michael bewahrt: als Beschützer der Familien, der Arbeit und des Glaubens.
Seit Jahrhunderten gilt Michael als Schutzpatron Deutschlands. Die Synode von Mainz ernannte ihn bereits im Jahr 813 zum himmlischen Beschützer der deutschen Lande.
Für die Zipser Deutschen war der Michaelistag (29. September) zudem ein wichtiger wirtschaftlicher und rechtlicher Wendepunkt. Pachtverträge endeten, Dienste wechselten, Vorräte wurden geordnet, und die Dörfer bereiteten sich auf die ruhigere Jahreszeit vor. Mit Michaelis begann der Herbst – und aus diesem Tag leiteten sich auch die weiteren Dankfeste ab.
Wo Erntedank und Bergbau verschmolzen
Schwedler/Švedlár, Wagendrüssel/Nálepkovo, Schmöllnitz/Smolník und Einsiedel an der Göllnitz/Mníšek nad Hnilcom bilden den Kern des Gründner Gebiets. Im Göllnitztal vermischten sich über Jahrhunderte die schwere Bergbauarbeit, der evangelische Glaube und das deutsche Kulturerbe.
Die Herkunft unserer Vorfahren zeigt sich bis heute in Sprache, Sitten und Bräuchen. Die meisten kamen aus der thüringisch-sächsischen Heimatregion – aus jenem Raum, aus dem später auch Martin Luther stammte. Dieses sprachliche Hauptsubstrat wurde durch Bergleute und Handwerker aus Oberösterreich, Bayern und dem Maingebiet bereichert. So entstand jene besondere Mentalität, Arbeitsmoral und Mundart, die das Gesicht der Unterzips prägten.
In diesem Umfeld entwickelte sich ein einzigartiges Phänomen: Der Dank für die Früchte der Erde verband sich mit dem Dank für die Gaben aus der Tiefe der Erde. Das Bergopferfest findet traditionell am ersten Sonntag nach Michaelis statt – eine Doppelfeier, die typisch für Schwedler ist und in der Slowakei Ihresgleichen sucht.



Das Geheimnis des „Erzopfers“
Das Bergopferfest wird im Volksmund oft Erzopferfest genannt. Auf verzierten Tabletts opferten die Bergleute die schönsten Stücke der symbolisch abgebauten Gold-, Silber- und Kupfererze – als Erstlingsgabe aus den Tiefen der Erde für Gottes Segen.
Diesen Moment beschrieb der evangelische Pfarrer und Dichter Franz Ratzenberger in seinem Gedicht “Earzoppa”, verfasst in der schwedlerischen mantakischen Mundart. Aus Dankbarkeit gegenüber diesem Bewahrer der lokalen Identität setzten ihm die Bürger 1935 ein Denkmal im Park der evangelischen Kirche.
Die Zipser Evangelischen A.B. gestalteten diese Feste stets mit tiefer geistlicher und gemeinschaftlicher Dimension. Zum Erntedankfest werden die Altäre reich mit Getreide, Brot und Früchten geschmückt. Nach dem Fest werden die Gaben an Bedürftige verteilt – ein praktisches Zeichen christlicher Liebe.
Zum Bergopferfest kamen die Hauer in ihren schwarzen Uniformen und mit Federbüschen auf den Schachthüten. Im Festzug tragen zwei von ihnen Schlägel und Eisen, andere Grubenlampen oder Kerzen. Die Fackelträger – im Mantakischen “Da Fackelstëa” – stehen während des Gottesdienstes mit brennenden Lichtern in der Hand. Der Brudervater trägt die Fahne der Bergknappschaft.
Die Bergleute begleiteten auch Verstorbene auf ihrem letzten Weg und hielten mit brennenden Fackeln Ehrenwache. Das gesammelte Geld floss in die Bruderladen, aus denen Witwen, Waisen und Verletzte unterstützt wurden. Die Bräuche blieben hier einfacher und stiller als in den mittelslowakischen Bergstädten – aber tief geprägt vom evangelischen Glauben und der deutschen Arbeitsethik.

Das Jubiläum 2027
Die evangelische Kirche in Schwedler wurde am 2. Oktober 1787 eingeweiht – genau zur Zeit des Bergopferfests. In diesem Moment verbanden sich alle drei herbstlichen Motive: der Schutz des Erzengels Michael, der Dank für die Ernte und die Ehrung der Bergarbeit.
Im Jahr 2027 erinnern wir an ein wertvolles Jubiläum: 240 Jahre seit der Weihe der Schwedler Kirche. Ein Moment, in dem Geschichte, Glaube und Gemeinschaft wieder zusammenfinden – so, wie es in Schwedler seit Generationen geschieht. Michaelistag, Erntedankfest und Bergopferfest bilden in unserer Heimat einen herbstlichen Dreiklang des Dankes – im Zeichen von Schutz, Ernte und ehrlicher Arbeit. Sie sprechen eine gemeinsame Sprache: Dankbarkeit für die Gaben der Erde, von ihrer Oberfläche bis in den tiefsten Untergrund.
Wie Martin Luther sagte: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Und er fügte hinzu: „Das menschliche Herz ist wie ein Mühlstein; schüttet man Weizen darunter, so mahlt es Mehl; schüttet man nichts darunter, so reibt es sich selbst auf.“
Wenn das Herz mit Dank, Glauben und Gutem erfüllt ist, mahlt es Frieden und Hoffnung. Bleibt es leer, reibt es sich in Ängsten auf. Darum spricht Dankbarkeit auch ohne viele Worte – im Licht der Grubenlampen, im stillen Gang der Bergleute, im Erinnern an die Kameraden und im Bewahren unserer zipserdeutschen Tradition und kulturellen Identität. Sie zeigt sich in der Stille des Gotteshauses, im Gedenken an die Vorfahren und vor allem in der Ehrfurcht vor dem Schöpfer. Und zu seiner Ehre – Soli Deo Gloria.
Oswald Lipták
