„Erwartet nicht, dass ihr in zehn Jahren Chinesisch könnt!“
Chinesische Serien statt Medizin, Schriftzeichen statt Chemie und schließlich ein erster Platz bei einem Tai-Chi-Wettbewerb in China: Dass Viktória Jenčová, 24, einmal Chinesisch studieren würde, war alles andere als geplant. Was mit Serien im Lockdown begann, führte sie einige Jahre später bisnach Wudang – mit ziemlich gutem Chinesisch und Kampfsportwaffen im Gepäck.
Im Gespräch erfahren Sie:
- warum sie ihren ursprünglichen Plan, Medizin zu studieren, gegen ein Chinesischstudium eintauschte,
- wie sie dieSprache auch mitten in der Slowakei aktiv hält,
- wasbei einer Fahrt mit Kampfsportwaffen durch die chinesische U-Bahn passieren kann,
- und warum ihr ersterAufenthalt in China auch ihren Blick auf die Freiheit zu Hause verändert hat.
Wenn du Leuten erzählst, dass du Chinesisch studierst – wie reagieren sie meistensgewöhnlich?
Erst einmal geschocktmit Schock. (lacht) Oft denken sie, sie hätten sich verhört. Für viele ist das einfach etwas ziemlich Ungewöhnliches. Aber es ist auch ein sehr guter Gesprächseinstieg.
Wie bistdu eigentlich dazu gekommen, Chinesisch zu studieren?
Die Pandemie kam und mit ihr der Lockdown – und ich habe aus Langeweile angefangen, chinesische Serien zu schauen. Eigentlich hatte ich meine Abiturfächer schon gewählt: Chemie und Biologie. Für mich war klar, dass ich Medizin studieren würde. Aber als ich dann zu Hause saß, diese Serien geschaut und viel nachgedacht habe, dachte ich irgendwann: Hm, Sprachen machen mir eigentlich auch Spaß. Und Chinesisch ist wirklich eine schöne Sprache. Tja – und dann habe ich Chinesisch studiert. (lacht)
Haben deine Eltern nicht versucht, dich davon abzubringen? Nach dem Motto: Studier lieber Medizin – was willst du denn mit Chinesisch?
Nein, meine Eltern sind da ziemlich entspannt. Sie haben mich selbst entscheiden lassen, was ich machen möchte.


Chinesisch gilt als eine der schwierigsten Sprachen der Welt. Ich habe vor Kurzem gelesen, dass es praktisch unmöglich sei, die Sprache wirklich gut zu lernen, wenn man nicht längere Zeit in China lebt. Ist da etwas dran?
Das Erste, was unsere Dozenten zu uns gesagt haben, als wir mit dem Studium angefangen haben, war: „Erwartet nicht, dass ihr in zehn Jahren Chinesisch könnt.“ (lacht)
Chinesisch ist einfach eine sehr spezielle Sprache. Wenn ich nur einen Monat lang die Schriftzeichen nicht wiederhole und sie nicht wirklich immer wieder aufschreibe, vergesse ich sie. Ein gutes Beispiel sind auch meine Kommilitonen, die ein Jahr in China waren. Sie kamen zurück und ihr Chinesisch hatte sich wirklich enorm verbessert. Aber nachdem sie ein halbes Jahr wieder in der Slowakei waren, haben sie schon gesagt, dass sie merken, wie ihr Chinesisch langsam wieder schlechter wird.
Ist das nicht demotivierend?
Wenn du versuchst, eine Fremdsprache zu lernen, und merkst, dass sie eigentlich nur richtig funktioniert, solange du dort bist, ist das schon ziemlich frustrierend. Gerade deshalb ist es unglaublich wichtig, die Sprache aktiv zu halten.
Wie schafft man daes denn, wenn man sich in der Slowakei befindeteine Sprache wie Chinesisch in der Slowakei aktiv zu halten? Abgesehen von den Stunden an der Universität, wo ihr eine chinesische Lektorin habt.
Weißt du, ich hatte irgendwie das Glück, dass mir bisher bei fast jedem Job irgendwann ein Chinese oder eine Chinesin begegnet ist. Ich arbeite zum Beispiel gerade bei Decathlon. Einmal kam ein Kunde zu mir, der etwas beim Service erledigen wollte. Wir haben zunächst Englisch gesprochen, und ich habe ihn nach seiner Telefonnummer oder E-Mail-Adresse gefragt, damit umich ihn zu registrieren kann. Als ich gesehen habe, dass sein Handy auf Chinesisch eingestellt war, habe ich ihn einfach auf Chinesisch angesprochen.
Ein anderes Mal hat mich an einer Kreuzung eine Frau angesprochen und gefragt, ob ich ihr helfen könnte, ein Taxi zu finden. Es stellte sich heraus, dass sie Chinesin ist war und sogar Chinesisch an der Technischen Universität unterrichtete. Und mein Meister im chinesischen Kampfsport ist ebenfalls Chinese. Es geht also schon – man muss solche Gelegenheiten nur aktiv suchen.
Du hast gerade chinesischen Kampfsport erwähnt. Ich weiß aber auch, dass du früher slowakischen Volkstanz gemacht hast. Wie kommt man vom Volkstanz zum Kampfsport?
Angefangen hat es damit, dass ich an der Uni in Brünn, wo ich ursprünglich Chinesisch studieren wollte, nicht angenommen wurde. Also dachte ich mir: Hm, dann gehe ich eben nach Bratislava. Den Studiengang gibt es auch hier, und gleichzeitig kann ich mit dem slowakischen Volkstanz weitermachen, den ich damals schon lange betrieben hatte.
Irgendwann hat sich das mit dem Volkstanz aber verlaufen. Dann haben eine Freundin und ich entdeckt, dass in Bratislava ein Kurs für chinesischen Kampfsport angeboten wird. Also haben wir uns angemeldet und gesagt: Probieren wir es einfach aus.


Und vor Kurzem warstdu damit sogar bei einem Wettbewerb in China.
Ja, genau. Wir waren bei einem Tai-Chi-Wettbewerb in Wudang. Dort führt man verschiedene Formen und Bewegungsabläufe vor. Das war gleichzeitig mein erstes Mal in China. Wir waren zehn Tage dort, und es war unglaublich.
Ich habe sogar ein Interview mit chinesischen Journalisten gegeben, weil ich in meiner Kategorie den ersten Platz gewonnen habe. Dadurch konnte ich mein Chinesisch auch gleich richtig auf die Probe stellen. Von den Chinesen habe ich ziemlich positives Feedback bekommen – sie meinten, ich würde schön sprechen. Aber wahrscheinlich wollten sie einfach nur sehr nett und höflich sein. (lacht)
Gibt es ein Erlebnis von dieser Reise, das du garantiert nicht vergessen wirst?
Schon die Fahrt zum Wettbewerb war unvergesslich. In China wird extrem auf Sicherheit geachtet, und eine Fahrt mit der U-Bahn fühlt sich manchmal fast wie eine Sicherheitskontrolle am Flughafen an. Taschen werden durchleuchtet und auf Waffen, Feuerzeuge oder bestimmte Flüssigkeiten kontrolliert. Und wir waren auf dem Weg zu einem Kampfsportwettbewerb. Mit Waffen. (lacht)
Wir mussten also erklären, warum wir sie dabeihaben, und alles entsprechend verpacken. Beim Sicherheitscheck wurde dann aber angezeigt, dass in einem unserer Koffer noch ein Messer sein müsste. Unsere ganze Gruppe wurde aufgehalten – nur unser Meister war schon durch die Kontrolle und wartete draußen.
Da ich die Einzige war, die Chinesisch verstand, habe ich plötzlich alle herumkommandiert: „Du, komm her! Mach deinen Koffer auf! Du auch!“ Wir haben alles durchsucht, aber das Messer war nirgends zu finden.
Und wo war das Messer am Ende?
Irgendwann ließen sie uns gehen. Wir kamen zu unserem Meister, und er sagte ganz ruhig: „Ich hatte das Messer.“
Er hatte es als Geschenk mitgebracht und wollte nicht, dass es ihm abgenommen wird. Als wegen unserer Koffer das Chaos losging, nutzte er die Gelegenheit und ging einfach damit durch. Er wusste wohl, dass sie ihre Aufmerksamkeit eher auf uns als ausländische Touristengruppe richten würden, als auf ihn.


Der Mann hat offensichtlich Humor.
Oh ja. (lacht) Das ist heute eine wirklich lustige Erinnerung.
Überhaupt war es ziemlich witzig, durch Wudang zu laufen. Die Leute haben uns fotografiert und wollten Bilder mit uns machen. In der U-Bahn haben sie teilweise sogar unsere Haare angefasst – besonders bei einer Freundin, die helle Locken hat. Das war für viele dort einfach etwas völlig Ungewohntes.
Wir waren also selbst eine kleine Attraktion. Mich haben so viele Leute fotografiert, dass ich inzwischen bestimmt in sämtlichen chinesischen Datenbanken gespeichert bin. (lacht)
Ich frage dich jetzt nicht, ob du einen Kulturschock hattest – nach vier Jahren Chinesischstudium wusstest du wahrscheinlich zumindest ungefähr, worauf du dich einlässt. Aber waswäre deiner Meinung nach der größte Kulturschock für jemanden, der nach China reist und vorher praktisch nichts über das Land weiß?
Wenn jemand wirklich gar nichts über China weiß, ist der erste Schock wahrscheinlich: Das Internet funktioniert nicht so, wie man es von zu Hause kennt. Ohne VPN kommst du an vieles, was du von zu Hause gewohnt bist, gar nicht heran. Und generell merkt man schnell, dass vieles sehr streng kontrolliert wird. An manchen Orten sieht man Soldaten, anderswo viel Polizei. Und das Essen kann definitiv ein Kulturschock sein. Vieles ist entweder sehr scharf oder sehr süß. Auch das Gebäck, das wir aus der Slowakei kennen, findet man dort so kaum. Und noch ein Tipp: Ich würde in China nicht unbedingt zu McDonald’s gehen. (lacht)
Washaben sie denn bei McDonald’s angestellt?
Kennst du Szechuanpfeffer? Der hat diesen ganz besonderen Effekt, bei dem der Mund so ein bisschen taub wird und kribbelt. Ich habe dort irgendeine Art Schnitzel oder so etwas mit diesem Gewürz probiert, und das war wirklich überhaupt nichts für mich. (lacht)
Natürlich gibt es auch unglaublich gutes chinesisches Essen. Die Küche ist einfach wirklich anders, und nicht jeder gewöhnt sich sofort daran.
Apropos Gewohnheiten: Gibt es etwas,das du aus China für dich übernommen hast?
Hm. Ich habe die Menschen dort als sehr freundlich und hilfsbereit erlebt. Und ich versuche, das auch selbst ein bisschen mehr zu leben. Wenn ich die Wahl habe, mit Ärger oder mit Freundlichkeit auf etwas zu reagieren, versuche ich, mich für die Freundlichkeit zu entscheiden. Und wenn ich jemandem helfen kann, dann helfe ich.


Könntest du dir vorstellen, in China zu leben?
Hm, ich weiß nicht. Für eine gewisse Zeit vielleicht. Und ich würde das Land auf jeden Fall gerne noch viel mehr bereisen.
Durch mein Studium weiß ich aber auch einiges über die chinesische Geschichte. Und als ich dort war, habe ich gemerkt, wie stark bestimmte Orte bewacht werden und dass über manche Ereignisse nicht offen gesprochen werden darf. Das hat mir noch einmal bewusst gemacht, welche Freiheiten wir hier haben – auch in der Slowakei. Natürlich funktioniert auch bei uns nicht alles perfekt. Aber wir haben Meinungsfreiheit und Zugang zu Informationen, was man im Alltag oft für selbstverständlich hält.
Viele junge Menschen in China waren noch nie länger im Ausland und kennen manche Informationen oder Perspektiven vielleicht gar nicht. Sie wissen nicht unbedingt, wie es ist, in einer anderen Gesellschaft zu leben. Ich glaube, genau das wäre für mich auf Dauer schwierig.
Nach all den großen Themen zum Schluss noch eine mindestens genauso wichtige Frage:Washältstdu von Pumpkin Spice Latte?
Nein. Wirklich nicht. (lacht)
Das Gesprächführte Lucia Vlčeková.
