Erziehung als soziale Frage – Impulse für das Heute
Einrichtungen, die im Titel „Waldorf“ oder „Rudolf Steiner“ tragen, gleich ob Schule, Kindergarten oder heilpädagogische Bildungsstätten, sind heutzutage weltweit zu finden. Ihre Bekanntheit und ihr Ansehen sind beachtlich. Die Waldorfpädagogik erfährt eine zunehmend größere Anerkennung innerhalb der bestehenden Erziehungssysteme.
Das veranschaulicht die Webseite der Waldorfschule in Pressburg/Bratislava (http://waldorfskaskola.sk). Sie zeigt: Die Erziehungskunst kommt aus der Tiefe des Herzens. Das versuche ich am Beispiel einer inklusiv arbeitenden Kindertageseinrichtung bewusst zu machen, die Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen als gleichwertige Subjekte achtet.
Waldorfpädagogik versteht sich als geistige Bewegung
Den Impuls, mich mit der Waldorfpädagogik zu beschäftigen, bekam ich, als ich als Heilpädagoge arbeitete und mich in meiner Freizeit am Institut für Pädagogik der Universität Erlangen-Nürnberg weiterbildete.

Damals entdeckte ich in Rudolf Steiners Buch „Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens“ die in dichterischen Worten beschriebene Methode des pädagogischen Handelns: „Dem Stoff sich verschreiben, heißt Seelen zerreiben. Im Geiste sich finden, heißt Seelen verbinden. Im Menschen sich schauen, heißt Welten erbauen.“
Können wir den in diesem Sinnbild zur Sprache gebrachten Inhalt so ohne Weiteres nachvollziehen? Oder sollten wir uns um ein Erweitern des Erkenntnishorizonts bemühen, wie das etwa Teilnehmende eines waldorfpädagogischen Ausbildungskurses in Indien taten? Sie erforschten die Geheimnisse menschlichen Lebens und brachten dabei ihre eigenen Erfahrungen ein. Nach zwei Wochen sagten einige, ihr Leben habe sich verändert und sie hätten in „dieser Zeit mehr gelernt als in einem Jahr Studium an der Universität“.
Die Teilnehmenden hatten in wenigen Tagen das erfahren, was zu einer neuen Qualität des pädagogischen Handelns führte: Sie handelten nicht nach einer vorgegebenen Theorie, sondern traten von ihrem Handeln zurück und dachten über sich, über das Leben und Zusammenleben und über ihre Arbeit intuitiv und meditierend nach. Ihr bewusst selbstkritisches Nachdenken führte sie auf die Spur eines neuen Erkenntnisparadigmas.
Grundlegende Aspekte der Waldorfpädagogik aus historischer Perspektive
Rudolf Steiners Reformpädagogik war lange Zeit in der Öffentlichkeit unbekannt und wurde als „pädagogische Provinz in einer heilen Welt“ apostrophiert. Doch die Krise der staatlichen Bildung führte zum Ruf nach einer humanen Bildungseinrichtung. Besorgte Eltern entdeckten die Waldorfpädagogik, die durch die nationalistische Diktatur zerstört wurde.
Nach 1945 entstehen zahlreiche waldorfpädagogische Kindergärten, Schulen und Hochschulen, bei denen auch die Erfahrungen der Katastrophe der Humanität als motivierende Kraft eingehen.
Das Fundament der Waldorfpädagogik ist die Freiheit des Menschen. Nach Steiners Überzeugung fühlt sich jeder Mensch aus seinem ursprünglichen Wesen heraus aufgerufen, das Gute (Göttliche) zu tun. Dadurch können Mensch und Welt „durchchristet“ werden. Diese Idee nimmt die waldorfpädagogische Fachkraft in die Verantwortung: Ihr situationsgerechtes Handeln muss dort ansetzen, wo der Kampf um Menschlichkeit stattfindet: Im selbstverantworteten Handeln für den Nächsten.
Ganzheitliches Denken
Steiner achtet das ganzheitliche Denken, das Philosophie und Pädagogik, Kunst und Religion, Theorie und Praxis als Einheit sieht. Der Zugang zu diesem ganzheitlichen und vernetzen Denken fordert heraus. Seine weltanschaulichen Einsichten gewann Steiner aus einem intensiven Studium der naturwissenschaftlichen Schriften des Universalgelehrten und Dichters Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).
Für Goethe ist die Welt nichts Festes und Gewordenes, sondern etwas, das in der Entwicklung ist und sich wandelt. Der Gedanke der Metamorphose, also der Verwandlung oder Umgestaltung, ist für Steiner grundlegend. In Zeiten einer ständig zunehmend didaktisierten und funktional gestalteten Elementarpädagogik ist eine kindzentrierte, humanistisch orientierte Entwicklungsbegleitung geboten. Es geht um eine ganzheitlich gestaltete Praxis, die das sich entwickelnde Kind als Subjekt im Erziehungs- und Bildungsprozess achtet.
Fazit für die Praxis
Das individuelle Kind stellt der waldorfpädagogischen Fachkraft die Frage: Wie kann ich es mit wacher Aufmerksamkeit begleiten und beobachten, damit es sich aus seinen veranlagten Kräften heraus entwickelt? Gefragt ist der innere Dialog mit dem Kind, der die erzieherische Wirklichkeit im Hier und Jetzt achtet.
Dieser Dialog bietet dem Eilen und der Beschleunigung die Stirn, erfordert die notwendige Entschleunigung der Erziehung und ermöglicht eine Haltung zu lernen, die der leiblich-seelisch-geistigen Entwicklung des Kindes dient. Das setzt eine intensive Selbsterziehung voraus. Das zeigen die Bilder.



Prof. Dr. Ferdinand Klein
