Beitragsbild Tag der Sprachen 2025

Für ein Europa der Mehrsprachigkeit

Am 26. September begehen die Menschen in Europa den Europäischen Tag der Sprachen. Eine gute Gelegenheit, um über Mehrsprachigkeit nachzudenken, deren Förderung zu den erklärten Zielen der Europäischen Union gehört. Besonders den nationalen Minderheiten kommt im Rahmen der mehrsprachlichen Bildung eine Schlüsselrolle zu. Doch es gibt noch viel zu tun.

Kennen Sie Johann Amos Comenius (1592 – 1670)? Oder besser gesagt Jan Amos Komenský? Der aus der Mährischen Slowakei/Slovácko im heutigen Tschechien stammende Humanist war einer der bedeutendsten Pädagogen der Frühen Neuzeit. Nicht umsonst trägt die größte Universität der Slowakei seinen Namen und sein Geburtstag, der 28. März wird hierzulande als „Tag des Lehrers“ begangen. Mehrsprachigkeit war für diesen europäischen Gelehrten nicht nur ein abstraktes Konzept, sondern gelebte Wirklichkeit. Davon zeugen seine Schriften, die er in der Lingua Franca, der wissenschaftlichen Verkehrssprache Latein, aber auch in den „Volkssprachen“ Tschechisch und Deutsch verfasste.

Nachdenken über das Sprachenlernen und die Mehrsprachigkeit

Liest man seine Schriften, so sind die Gedanken, die Comenius hinsichtlich des Sprachenlernens hatte, erstaunlich modern. In seiner „Didactica Magna“ (Große Didaktik) skizzierte er seine Gedanken zum Spracherwerb und zur Sprachenpolitik. Comenius ging davon aus, dass es vonnöten ist, die eigene Muttersprache, wie auch die Weltsprache auf einem sehr hohen Niveau zu beherrschen. Die Weltsprache seinerzeit war in wissenschaftlichen Kreisen Latein. Heute bestimmt das Englische viele Bereiche unseres Lebens und ermöglicht Kommunikation verschiedener Gemeinschaften über Sprachgrenzen hinweg.

Jan Amos Komenský
Bildnis des Johann Amos Comenius von Jürgen Ovens, entstanden zwischen 1650 und 1670, Öl auf Leinwand

Doch Comenius erkannte auch den Wert des Erlernens fremder „Volkssprachen“. In seiner Schrift „Linguarum methodus novissima“ (Neueste Methode des Sprachunterrichtes) erklärt er, dass durch die sehr gute Kenntnis der Weltsprache andere Sprachen schneller erlernt werden können. Für besonders sinnvoll erachtete es Comenius, sich die Sprachen des Nachbarlandes anzueignen, da dies die gegenseitige Verständigung erleichtere und Konflikten auf diese Weise vorgebeugt werden könne.

Auch den Sachunterricht in der Fremdsprache, der heutzutage als „Content and Language Integrated Learning“ (CLIL, Integriertes Lernen von Inhalt und Sprache) in aller Munde ist, propagierte Comenius schon im 17. Jahrhundert. In seiner „Janua linguarum reserata“ (Geöffnete Sprachentür) verteidigte er die lebendige Verbindung von Sachinhalt und Wort in der Fremdsprache mit dem Kommentar „Wir bilden Menschen und nicht Papageien“.

Im Schulbuch „Orbis sensualium pictus“ (Die sichtbare Welt) verband er das Sprachenlernen mit bildlichen Darstellungen, um das Lernen zu erleichtern. Auch dies war für die damalige Zeit erstaunlich modern.

Mehrsprachigkeit heute

Die Fachwelt ist sich über den Nutzen der Mehrsprachigkeit längst einig. Mehrsprachigkeit fördert die Kompetenz bei der Problemlösung, regt die Kreativität an und hilft uns, Muster zu erkennen. Mehrsprachige Kinder schnitten in Studien sogar in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern besser ab. Mehrsprachige Erziehung stellt für Kinder keine unüberwindbare Herausforderung dar, sondern vergrößert ihre Bildungschancen im späteren Leben. Sie erleichtert das kulturelle Verständnis und soll eine positive Auswirkung auf die Empathie haben.

Und trotzdem sind die meisten Kindergärten und Schulen, nicht nur in der Slowakei, weiterhin einsprachig. Mancherorts muss man sich entscheiden, ob man auf ein ungarisches, ein deutsches oder slowakisches Gymnasium geht und sogar der Schulhof ist oft getrennt. Es scheint, als hätten wir den Nationalismus des 19. Jahrhunderts, wo man sich für die eine oder andere Sprache und damit für die eine oder andere Nationalität entscheiden musste, nicht hinter uns gelassen. Auch Eltern äußern oft die Ansicht, dass zu viele Fremdsprachen den Kindern angeblich in ihrer Entwicklung schaden würden. Sie sollten doch lieber erst einmal „richtig“ Slowakisch oder Deutsch lernen, bevor sie mit einer weiteren Sprache konfrontiert werden. Außerdem gebe es doch künstliche Intelligenz und Übersetzungsprogramme, die uns die Kommunikation ermöglichen.

Hybride Identitäten sind nichts Falsches

Eine solche Sicht ist fatal. Das, was man als hybride Identität bezeichnet, dass man gleichzeitig Deutscher und Slowake sein kann, sollte die neue Norm werden. Mit Goethe gesagt, darf ein jeder zwei Herzen in seiner Brust haben. Sie ermöglichen es uns, uns in andere hineinzufühlen und ein tiefes Verständnis von Kultur zu entwickeln, wozu kein KI-Übersetzer der Welt fähig ist.

„Mehr Mut zu Mehrsprachlichkeit“ vom Kindergarten bis zur Universität sollte also das Leitbild europäischer Sprachenpolitik sein und auch konkret umgesetzt werden.

Yannick Baumann