Gedanken zur Pädagogik in Zeiten von KI

Gedanken zur Pädagogik in Zeiten von KI

Heute brauchen Pädagoginnen und Pädagogen mehr denn je Empathie, Vertrauen und Lebensfreude, um die zunehmenden Herausforderungen, denen Kinder ausgesetzt sind, zu sehen, zu verstehen und authentisch sowie fachkompetent (re)agieren zu können. Sie müssen sich aber auch selbst ihren erlebten Herausforderungen zuwenden, um zu verstehen, dass sich alle Verhaltensweisen – auf beiden Seiten – durch ein untrennbares Band zwischen dem Kind und ihnen selbst ergeben!

Geboten ist eine feinfühlende innere Haltung. Diese entwicklungsförderliche pädagogische Haltung zeigt sich in der ungestörten, ungeteilten Zugewandtheit zum Lernenden; sie weckt das Selbstbildungspotenzial auf beiden Seiten und unterstützt eine persönlichkeitserweiternde Entwicklung. Bedeutsam ist dabei: zuallererst die innere Haltung des Erziehenden, der sich jederzeit als ein bedeutsamer Entwicklungsförderer/-begleiter versteht und sein inneres Weltbild, seine subjektive Einstellung zu sich selbst, zur Art und Weise des Umgangs mit Menschen bis hin zum umfassenden Weltverständnis.

Erziehung ereignet sich – dem steht die KI entgegen

In meinem inklusionsorientierten pädagogischen Arbeitsfeld mit Menschen mit kognitiven Einschränkungen und psychosozialen Beeinträchtigungen ist besonders eine Erziehung geboten, die Lehrenden (als ständig Mitlernende) und Lernenden in gemeinsamen Augenblicken die Kommunikation ermöglicht. Diese Erziehung bedeutet, Kindern dabei zu helfen, sich immer besser, sicherer und motivierter selbst zu führen, sich zu orientieren und in einer Welt zurechtzufinden, die in einem stetigen Wandel begriffen ist. Eine förderliche Pädagogik ist von einem bedingungslosen Vertrauen, einer tiefen emotionalen Qualität getragen und kann nicht ersetzt werden. Sie ereignet sich. Dem steht die KI entgegen. Was kann ich tun?

Die digitale Welt hält an allen Ecken und Enden Einzug und erfasst die Pädagogik immer stärker. Gleichzeitig geben Menschen mit jeder KI-Nutzung ihre Selbstverantwortung für den KI-erstellten Arbeitsbereich an eine seelenlose Technik ab und entziehen sich der Möglichkeit und Notwendigkeit, mit eigener schöpferischer Anstrengung etwas zu schaffen, das aus ihrer eigenen Gedankenwelt entsteht.

Geboten ist eine kritische Sicht

Von dieser Sicht sprechen zwei Wissenschaftler und mein Freund Armin Krenz, mit dem ich meine Gedanken teile.

Innovationen, die unser Leben besser machen
Das Buch: Unsere Zukunft neu denken.

Jacob Beautemps (geb. 1993), deutscher YouTuber, Moderator und Wissenschaftsjournalist, bezeichnet die Nachahmung menschlicher Intelligenz durch Maschinen als großen Fortschritt. Sie werde in vielen Bereichen des Lebens eingesetzt, mit ihr können quasi alle Probleme der Menschheit gelöst und das Menschliche überflüssig gemacht werden. Sie kann ohne Frage Gutes bewirken, zum Beispiel im medizinisch-gesundheitlichen Bereich, beinhaltet aber auch viele Gefahren. So liegt etwa ein Suchtverhalten nahe, indem etwa persönliche Probleme/Fragen an ChatGPT gerichtet werden, verbunden mit der berechtigten Erwartung, in Kürze eine konkrete Antwort erhalten zu können. KI liefert Antworten, die dann zumeist ungeprüft übernommen werden. Dabei merken Menschen nicht, dass solche einfachen Wege auch fehlerhafte Informationen geben können oder sogar eine manipulative Wirkung mit sich bringen. Beautemps erkennt die KI für unsere demokratische Struktur als gefährlich, sie kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt sprengen und Demokratie gefährden, weil sie die Wahrnehmung der Realität verändert und sehr leicht manipuliert werden kann. Er ist überzeugt: „Das Bestehen unserer Demokratie hängt davon ab, dass wir Antworten auf diese Fragen finden. Wir müssen also innovativ sein, und dafür brauchen wir nicht nur die künstliche, sondern auch die menschliche Intelligenz“ (S. 235).

Auserzählt?
Das Buch: Auserzählt? Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft.

Richard David Precht (geb. 1964), Schriftsteller, Philosoph, Publizist und Moderator, vertritt eine recht kritische Sicht auf die Vorstellung, dass technische Intelligenz menschliche Fähigkeiten einfach ersetzen könne. Bereits in seinem Essay „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ von 2020 fragt er, was menschliches Denken und Handeln ausmacht, wenn Maschinen immer leistungsfähiger werden. In seinem neuen Buch „Auserzählt? Wie Künstliche Intelligenz die Kultur abschafft“, das im Oktober 2026 erscheint, spitzt er diese Frage zu: Wenn KI nicht nur schneller denkt, sondern auch schöpferisch arbeitet – was bleibt dann von menschlicher Kreativität, Bildung und Kultur?

Armin Krenz
Der Sozialpädagoge Armin Krenz.

Für Armin Krenz (geb. 1952), Sozialpädagoge, international bekannter Wissenschaftsdozent, Autor vieler Publikationen (auch der gemeinsamen „Bildung durch Bindung“) und für mich, ist beim Verfassen neuer Texte gerade die lebendige Anstrengung wichtig, Angedachtes aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, immer wieder bei fachlichen Aussagen/Annahmen/Behauptungen zu recherchieren und schließlich eine Formulierung zu finden, bei der es letztlich in uns zu einer tiefen Zufriedenheit führt, wenn uns selbst die gefundene Formulierung stimmig erscheint und gefällt. KI ist hingegen eine reine funktional ausgerichtete, maschinengeprägte Zusammenstellung von zusammengetragenen Wissensfragmenten, die aus Zusammenhängen herausgerissen und ungeprüft zusammengefügt sein können. Das eigentliche und wesentliche tiefe Denken und das vertiefende Nachdenken führen erst zum durchdrungenen Verstehen eines Umstandes, was dann als reflektiertes Gedankengut verschriftlicht wird und durch das Schreiben selbst ein weiteres Nachdenken provoziert wird. Letztendlich stellt sich auch die Frage, was passiert, wenn KI-gefällte Entscheidungen weitreichende entwicklungshinderliche, inhumane Folgen haben – wer übernimmt dann dafür die Verantwortung?

Was den individuellen, unverwechselbaren Menschen auszeichnet, ist nicht in erster Linie seine kognitive Intelligenz – hier ist die KI dem Menschen in bestimmten Bereichen durchaus überlegen. Vielmehr ist es vor allem die sozial-emotionale Intelligenz, die eine humane Gemeinschaft/Gesellschaft ermöglicht. Wenn dieser Bereich ins Abseits gedrängt wird und immer mehr an Wert verliert, wird sich eine Gesellschaft entwickeln können, die sich durch Egozentrismus, emotionale Kälte sowie ein Desinteresse an einem Gemeinwohl auszeichnet. Denn eine der größten Gefahren (im Hinblick auf die Persönlichkeitsbildung) durch die gesteigerte KI-Nutzung im Alltag sehen wir in der Zunahme einer persönlichkeitshemmenden Anstrengungsvermeidung, weil anstehende Aufgabenerledigungen einfach, schnell und ohne Umschweife an maschinengesteuerte Datenbanken delegiert werden (können) und dann KI-Ergebnisse (mehr oder weniger unreflektiert) übernommen werden, was letztlich zur selbstgewählten Entmündigung der Person beiträgt.

Fazit als offene Frage

Diese selbstgewählte entmündigte Haltung hält Einzug in das aktuelle Kommunikations- und Interaktionsgeschehen, besonders in der Pädagogik. Was kann ich, was können wir tun?

Prof. Dr. Ferdinand Klein