Gestalten der Angst

Der Boden gibt leicht nach, weich vom Moos. Die Luft riecht nach feuchter Rinde, metallisch, kühl. Ein Knacken in der Ferne – zu schnell, um sicher zu sein. Kein Wind. Kein Vogel. Nur der eigene Atem, viel zu laut in dieser Stille. Und plötzlich ist da dieses Gefühl: dass man nicht allein ist. Dass einen jemand beobachtet. Dass etwas hier nicht stimmt. Und dass es vielleicht schon zu spät ist, es wieder geradezurücken.

Vielleicht ist es genau dieser feine Riss in der Wirklichkeit, dem sich das neue Heft der Zeitschrift „Verzia“ widmet. Anfang Sommer wurde die Ausgabe „Podoby strachu“ (Gestalten der Angst) feierlich in der Sommerbibliothek unter freiem Himmel beim Červený Rak (Roter Krebs) in Pressburg/Bratislava präsentiert. Zusammengestellt vom Skandinavisten und Übersetzer Miroslav Zumrík, versammelt sie Texte schwedischer Autorinnen und Autoren, die sich im Spannungsfeld von Horror, Science-Fiction, Fantasy und dem bewegen, was als „Literatur des Seltsamen“ bezeichnet wird.

Gegen die Vorurteile der Genre-Literatur

„Dieses Heft richtet sich an den Leser mit dem Ziel, zu zeigen, dass sogenannte populäre, unterhaltsame oder gar triviale Genres nicht zwangsläufig so sein müssen“, sagt Herausgeber Zumrík.

Der Literatur des Seltsamen haftet oft das Vorurteil an, sie diene bloß der Flucht oder dem Schockeffekt. „Wenn das Heft gerade diejenigen überzeugt, die an einer strikten Trennung zwischen hoher und niederer Literatur festhalten, dass auch das Spiel mit übernatürlicher Unruhe literarisch wertvoll sein kann, erfüllt es seinen eigentlichen Zweck“, erklärt er.

Der Norden als Nährboden für das Unheimliche

Dass so viele dieser verstörenden, rätselhaften Stimmen gerade aus dem Norden kommen, überrascht kaum. „Von Islands unberechenbarem Wetter über Norwegens trügerisch stille Fjorde bis zu Schwedens dichten, dunklen Wäldern – ganz Skandinavien birgt, zumindest in der Literatur, eine Atmosphäre voller Schatten, Schweigen und seltsamer Geheimnisse“, sagt Zumrík.

Gerade in der nordischen Kriminalliteratur, seit Jahrzehnten auch international erfolgreich, verschmilzt das landschaftlich Erhabene mit dem Abgründigen zu einem reizvollen Spannungsverhältnis. Daraus entsteht ein wiedererkennbares Bild vermeintlich typischer Merkmale nordischer Kultur. Doch, so erinnert Zumrík mit Verweis auf den Literaturwissenschaftler und Historiker Jozef Tancer, „ein Bild ist nie ein Abbild“. Vielmehr handelt es sich um eine Konstruktion – langsam gewachsen in den Köpfen jener, die aus der Ferne auf den Norden blicken.

Angst, die keinen Namen trägt

Was also macht die nordische Angst aus? Laut der Übersetzerin Zuzana Inczingerová, die die Erzählung „Dom vedľa“ (Das Haus nebenan) von Mårten Dahlrot ins Slowakische übertragen hat, ist Angst in der skandinavischen Literatur anders als in Mitteleuropa: „Sie ist leise. Oft unbenannt. Nach außen hin kaum sichtbar.“

In Mitteleuropa, so Inczingerová, sei Angst tief mit historischen Traumata verwoben – Kriegen, Freiheitsverlust, autoritären Regimen, die ganze Gesellschaften deformiert haben. „Der namenlose Schrecken hingegen hat die Kraft, sich viel direkter in die Psyche der Lesenden zu schleichen als alles Konkrete“, meint sie.

Die Kunst des Andersseins

Mit dem namenlosen Schrecken kommt das Seltsame. Für viele ist gerade das die eigentliche Herausforderung: sich etwas anzueignen oder zumindest zuzulassen, das sich konsequent entzieht.

„Ich denke, dass man sich in der Slowakei unter dem Begriff Seltsamkeit oft eine Abweichung von der Normalität vorstellt, der wir meist mit Skepsis oder Ablehnung begegnen“, sagt Übersetzer Filip Gunda, der für das Heft die Erzählung „Planiny“ (Hochebenen) von Frida Windelhed übersetzt hat. „In Schweden hingegen wird das Seltsame nicht vorrangig negativ bewertet. Es gilt meist als neutral oder sogar positiv – als Ausdruck von Authentizität und künstlerischer Freiheit, auch wenn sie ungewöhnlich ist.“

Zwischenräume, die verbinden

Gerade dort, wo sich das Bekannte ins Unklare verschiebt, entsteht Raum – für Irritation, aber auch für neue Perspektiven. Verzia bewegt sich genau in diesen Zwischenräumen. Die Zeitschrift für literarische Übersetzung und deren Reflexion öffnet Räume für fremdsprachige Literatur – von Rumänien, Kroatien und der Schweiz über den arabischen und italienischen Sprachraum bis in den hohen Norden.

Schon 2022 erschien eine Ausgabe zur deutschsprachigen Literatur, herausgegeben von Michal Hvorecký, mit einer Auswahl aktueller Prosa und Essayistik. Ziel war es – ebenso wie in der aktuellen Ausgabe –, stereotype Vorstellungen aufzubrechen und das Interesse an neuen Stimmen, Formensprachen und Denkweisen zu wecken.

Denn vielleicht ist es genau das, was Literatur im besten Fall vermag: uns dem Unbekannten auszusetzen, ohne es gleich zu zähmen. Uns zu öffnen – der Unruhe, dem Rätsel, dem Riss.

Lucia Vlčeková