In der neuen Heimat den Sinn des Lebens finden
Den Beitrag im Karpatenblatt 4/2025 (S. 16) „Mein Schbaadla/Schwedler musste ich verlassen“ versuche ich bis zu meiner Berufung an die Universität Würzburg mit einigen biografischen Spuren zu ergänzen. Die Vertreibung aus meiner Heimat war ein einschneidendes Erlebnis, das mich früh mit Fragen nach Sinn, Leid und Verantwortung konfrontierte und mir eine lebensprägende Antwort ermöglichte: Der Mensch bleibt – selbst unter schwierigsten Bedingungen – frei, zu seinem Schicksal Stellung zu nehmen.
Dieser Gedanke wurde für mich zu einer inneren Haltung jenseits formaler theoretischer Konzepte und führte zu einem sinnzentrierten Handeln aus dem eigenen Erleben heraus. Darauf versuche ich im Folgenden zu antworten.

Kritische Leserinnen und Leser könnten einwenden, dass der Darstellung der Geruch von Narzissmus, Selbstverliebtheit oder Selbstbewunderung anhafte. Doch in neueren Beiträgen zu Forschung und Lehre wird der Selbstdarstellung des Wissenschaftlers Raum gegeben, da sie zu einem erheblichen Erkenntnisgewinn für die Lebenspraxis beitragen kann. Der Beitrag kann auch als Denkanstoß zur Demokratiekrise und zunehmenden Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen verstanden werden.
Unterwegs
Als 1944 meine Eltern und ich – damals als zehnjähriges Kind – aus meinem geliebten Dorf Schbaadla/Schwedler vertrieben wurden, waren wir heimatlos. Ein Jahr Flucht folgte. Wir konnten unser Leben retten. Mein Vater starb an den Folgen des Ersten Weltkriegs, meine Mutter war sehr arm und ich musste in den Ferien arbeiten.
Mit 18 Jahren führte mich mein Weg in die Heil- und Pflegeanstalt Bruckberg bei Ansbach (Oberfranken). Dort betreute ich in den Sommerferien eine heterogene Gruppe von 18 mehrfachbehinderten Erwachsenen, die zum Teil erheblich traumatisiert waren. Diese Menschen hatte mir der Anstaltsleiter anvertraut.
Ich machte prägende pflegerische und erzieherische Erfahrungen: Einen Monat lang lebte ich mit diesen Menschen Tag und Nacht zusammen und versuchte, mich auf jeden Einzelnen einzustellen. Ich war bemüht, den vielen, oft völlig überraschenden problematischen Situationen möglichst angemessen zu begegnen. Dabei lernte ich ihre liebenswürdigen Seiten, aber auch ihre schwierigen kennen.
Ich versuchte, mich von belastenden Situationen zu distanzieren, ihnen aber zugleich etwas Positives abzugewinnen und sie zum Guten zu wenden. Gespräche mit anderen Betreuern waren dabei hilfreich. Besonders ermutigte mich das Handeln der Diakonissinnen, die mir mit einem bejahenden Lächeln begegneten und trotz ihres hohen Alters unermüdlich arbeiteten. Ihr von Herzen kommender Dienst motivierte mich.
Nach dem Abitur und dem zweijährigen Studium am Institut für Lehrerbildung in Bamberg unterrichtete ich als Lehramtsanwärter im Schuljahr 1956/1957 eine 5. Klasse mit 46 Schülern. Ohne hinreichende Praxiserfahrungen wurde mir diese Aufgabe anvertraut.

Von 1957 bis 1961 war ich zunächst als Lehramtsanwärter und nach der Zweiten Staatsprüfung als Lehrer an der kleinen einklassigen Dorfschule Pommer (Oberfranken) tätig. Ich hatte den Unterricht für die Jahrgänge 1 bis 8 vorzubereiten; im Schuljahr 1959/60 (siehe Bild) fehlte der 8. Jahrgang.

Ich nahm 1995 erfolgreich an einem Preisausschreiben teil und führte unter anderem an: „Es waren harte Jahre, die mir oft das Letzte abverlangten. Ich war den umfangreichen Aufgaben zunächst nicht gewachsen. Viele Enttäuschungen hatte ich zu verkraften. Sie spornten mich jedoch an. Ich lernte die Kinder vor dem Hintergrund ihrer Familien zu verstehen. Es war für mich beglückend zu erleben, wie meine Schule im Laufe der Jahre zu einer familienähnlichen Gemeinschaft zusammenwuchs und wie die größeren Kinder auf die kleineren erzieherisch einwirkten.“
Die jährlichen staatlichen Prüfungen in der Abschlussklasse bestätigten den Weg meiner sozialpädagogisch orientierten Arbeit. Bei der Entfaltung der individuellen Begabung des Kindes darf nicht allein sein Intellekt „gezüchtet“ und für den späteren Beruf fit gemacht werden. Die Schule muss vielmehr danach streben, das Kind auf verinnerlichte Lebensziele hin zu erziehen, seine Urteils- und Denkfähigkeit zu fördern und den sozialen Aspekt der Bildung – das Miteinander und das Füreinander – zu stärken.
Von September 1961 bis Juli 1962 studierte ich am „staatlichen heilpädagogischen Ausbildungslehrgang für Hilfsschullehrkräfte“ in München. Danach war ich zwei Jahre an der Hilfsschule in Forchheim (Oberfranken) tätig und wechselte anschließend an die Hilfsschule in Erlangen (Mittelfranken).
Aufbau einer Bildungseinrichtung für Kinder mit geistiger Behinderung
Von 1964 bis 1980 stellte ich mich in Erlangen einer besonderen Aufgabe: dem Aufbau und der Leitung einer Bildungseinrichtung für Kinder mit geistiger Behinderung. Diese Kinder wurden damals noch weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt und galten als bildungsunfähig.
Gemeinsam mit Eltern und engagierten Mitarbeitern begann ich in einer ausgedienten Fabrikbaracke mit der vorschulischen und schulischen Bildungsarbeit – zunächst noch am Rande der Legalität. Es begann ein gemeinsamer „Kampf um ihr Bildungsrecht“. Eltern, die anfangs eher zurückhaltend waren, vertrauten uns ihre Kinder an. Mit ihnen setzten wir uns für das Bildungsrecht von über 130 Kindern und Jugendlichen ein. Der oft schwierige Weg führte auch zu Auseinandersetzungen mit Politik und Öffentlichkeit. Wir luden Politiker des Bayerischen Landtags in unsere Schule ein.

Endlich, 19 Jahre nach dem Ende der Diktatur der Inhumanität, konnten wir an die Tradition der deutschen Hilfsschularbeit anknüpfen und die Bildungseinrichtung für geistig behinderte Kinder in ihrer sozialen und therapeutischen Gestalt auf- und ausbauen.
Zu Beginn meiner Aufbauarbeit hielt ich einen öffentlichen Vortrag, aus dem ich zitiere: „Wir Erzieherinnen und Erzieher sind überzeugt: Im aktiven Begleiten und Mitgestalten des Lebens der uns anvertrauten Menschen zeigt sich unsere solidarische Haltung, für die das Dichterwort steht: Auf steiler Straße traf ich jüngst ein Mädchen, den kleinen Bruder auf dem Rücken tragend. ‚Ei‘, sprach ich, ‚Kind, da trägst du eine schwere Last!‘ Darauf sah verwundert mich das Mädchen an und sprach: ‚Mein Herr, ich trage keine Last, ich trage meinen Bruder.‘“

Menschen, die wir tragen, sind Teil des Ganzen. Sie gehören zu uns und wir gehören zu ihnen. Sie sind in die menschliche Gemeinschaft hineingeboren – in Familie, Gemeinde, Staat und Gesellschaft. Die Würdegarantie des Grundgesetzes gibt ihnen den notwendigen Schutz. Gerade im Dienst für diese Menschen versuche ich bis heute, ohne hochtrabende Worte zu schreiben und sinnzentriert zu handeln.
Prof. Dr. Ferdinand Klein
