Johannes Lendershammer – Stadtrichter in schwierigen Zeiten
Wie sah das Leben in Modern/Modra um das Jahr 1700 aus? Wie lebten die Menschen in einer Stadt, deren Bevölkerung damals zu einem großen Teil deutschsprachig war? Einen kleinen Einblick in diese Zeit möchte ich am Beispiel meines Vorfahren Johannes Lendershammer geben, der damals zu den angesehenen Persönlichkeiten der Stadt gehörte.
Modern war bereits vor 1241 eine königliche Siedlung. Im 14. Jahrhundert erhielt die Stadt grundlegende Stadtrechte und entwickelte sich vor allem dank des Handels, des Handwerks und des Weinbaus weiter. Eine wichtige Rolle spielten dabei deutsche Siedler. Sie brachten fortschrittliche Handwerkstechniken, neue Formen des Handels und auch die für Städte typische Form des Weinbaus mit. Seit dem 15. Jahrhundert bemühte sich Modern darum, sich aus der Abhängigkeit von der Grundherrschaft zu lösen. Im Jahr 1607 erhob Rudolf II. die Stadt schließlich zur freien königlichen Stadt. Im 17. Jahrhundert erlebte Modern vor allem dank des Weinbaus und des Weinhandels eine wirtschaftliche Blüte. Kriege und antihabsburgische Aufstände sorgten jedoch immer wieder für schwere Rückschläge. Die Bevölkerung war überwiegend evangelisch, gleichzeitig setzte langsam eine zunehmende Slowakisierung ein. Im 18. Jahrhundert gewann im Zuge der Rekatholisierung auch die katholische Bevölkerung wieder an Bedeutung.

Modern um das Jahr 1700
Um 1700 war Modern eine freie königliche Stadt mit einer bereits gut entwickelten Selbstverwaltung. An ihrer Spitze stand der Stadtrat (Rath), der gewöhnlich zwölf Mitglieder hatte. Er erließ die städtischen Verordnungen und kümmerte sich um die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Angelegenheiten der Stadt. Daneben gab es eine gewählte Gemeindevertretung, die die Bürgerschaft repräsentierte. Zu den wichtigsten Amtsträgern gehörten der Stadtrichter (richtár), der an der Spitze der Stadt stand und gleichzeitig den Stadtrat leitete, der Bürgermeister (mešťanosta), der für das städtische Vermögen und die wirtschaftlichen Angelegenheiten zuständig war, sowie der Stadthauptmann, der für Ordnung und Sicherheit, die Stadtmauern und den Brandschutz verantwortlich war. Die städtischen Ämter wurden vor allem von Bürgern ausgeübt, also von Einwohnern, die das Bürgerrecht besaßen. Wahlen fanden jedes Jahr Anfang Januar statt. Nach ihrer Wahl mussten die Amtsträger einen Eid ablegen. Zum täglichen Leben der Stadt gehörten auch zahlreiche bezahlte Beamte und Bedienstete – zum Beispiel Marktmeister, Weinbergmeister, Kellermeister, Waldaufseher, Nachtwächter und Feuerbeschauer.
Doch auch die königliche Macht spielte eine immer größere Rolle. Seit 1690 war bei den Wahlen der städtischen Amtsträger ein königlicher Kommissar anwesend. Er kontrollierte nicht nur die Wahlen, sondern auch die Verwaltung und die Finanzen der Stadt. Dahinter stand vor allem das Bestreben der Habsburger, ihre Kontrolle über die königlichen Städte zu verstärken und die Rekatholisierung voranzutreiben. Trotzdem waren in Modra noch 1706 etwa drei Viertel der Haushalte evangelisch. Die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt beruhte vor allem auf dem Weinbau, der Weinproduktion und dem Weinhandel, aber auch auf Handwerk und Handel. Neben den Handwerkern, die in Zünften organisiert waren, gab es eine wohlhabende Schicht von Bürgern und Patriziern.

Johannes Lendershammer – vom Bäcker zum Stadtrichter
In diese Welt wurde auch mein Vorfahr Johannes Lendershammer hineingeboren. Er stammte aus der Moderner Familie Lendershammer. Seine Eltern waren Leonhardt Lendershammer († 1709) und Maria, geb. Hofs (1623–1690). Die Familie war evangelisch und deutschsprachig.
Johannes erlernte das Handwerk des Weißbäckers. Im damaligen Bäckerhandwerk wurde zwischen Weiß- und Schwarzbäckern unterschieden. In vielen Städten – auch in Pressburg/Bratislava – bildeten sie sogar zwei getrennte Zünfte. Die Weißbäcker arbeiteten mit fein gemahlenem und gesiebtem Weizenmehl. Dieses Mehl war damals teuer und galt als Luxusprodukt. Sie backten deshalb nicht das alltägliche Brot, sondern vor allem feines Weißgebäck, Semmeln, Kipferl, Brezeln, Kuchen, Gugelhupf und anderes hochwertiges Festtagsgebäck. Die Schwarzbäcker hingegen verwendeten vor allem Roggen-, Gersten- oder grob gemahlenes Weizenmehl mit einem hohen Anteil an Kleie. Sie waren in erster Linie die Brotbäcker und stellten die großen, schweren Laibe aus dunklem oder schwarzem Roggenbrot her, die zur täglichen Ernährung gehörten. Das Bäckerhandwerk war ein wichtiger Teil des städtischen Lebens und der Wirtschaft von Modern, die neben dem Weinbau auch von Handwerk und Handel geprägt war.
Am 22. November 1673 heiratete Johannes Lendershammer Susanna Zuschrotter, die aus einer bedeutenden Moderner Familie stammte. Die Trauung fand in der örtlichen evangelischen Kirche statt. Beide Familien gehörten zum deutschsprachigen evangelischen Bürgertum von Modra. Die Familie Zuschrotter war zudem seit Generationen eng mit der Stadtverwaltung und dem Weinbau verbunden. Durch seine Heirat kam Johannes also in eine Familie mit einer langen Tradition des öffentlichen Wirkens in Modra.

Im Jahr 1696 war Johannes bereits Senator, also Mitglied des Stadtrates. Gemeinsam mit Michael Obislay unterzeichnete er am 26. September ein Verzeichnis der Immobilienbesitzer der Stadt Modra.
Auch sein Siegel aus dem Jahr 1698 erzählt etwas über sein Leben. Es zeigt noch deutlich sein Handwerk: zwei Löwen, die eine Brezel halten, dazu die Initialen I. L. für Johannes Lendershammer. Das Siegel ist ein wichtiger Beleg dafür, dass er Bäckermeister war. Gleichzeitig zeigt es, dass er bereits ein wohlhabender und angesehener Bürger der Stadt war.

Stadtrichter in den Jahren der Katastrophe
Den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erreichte Johannes Lendershammer als Stadtrichter von Modern in den Jahren 1705 bis 1708. Der Stadtrichter war der höchste Vertreter der Stadt, leitete den Stadtrat und hatte wichtige richterliche und exekutive Aufgaben. Auch wenn das Amt eher einen ehrenamtlichen Charakter hatte, gehörte der Stadtrichter zu den angesehensten Persönlichkeiten einer Stadt.
Lendershammer übernahm dieses Amt allerdings zu einem denkbar schwierigen Zeitpunkt. Gerade in diesen Jahren erschütterte der Aufstand von Franz II. Rákóczi das Königreich Ungarn – und Modern wurde von einer der größten Katastrophen ihrer neueren Geschichte getroffen. Zu Beginn des Jahres wurde die Stadt von den Kuruzen eingenommen. Nach der Niederlage der Aufständischen bei Tyrnau/Trnava musste Modern kaiserliche Soldaten aufnehmen. In jedem Haus wurden ungefähr zehn Soldaten einquartiert, die von den Einwohnern versorgt werden mussten. Die finanzielle Belastung war enorm. Die Stadt musste sich deshalb von ihren wohlhabenderen Bürgern 2.314 Gulden leihen. Einer der Geldgeber war auch Johannes Lendershammer. Am 19. März kehrten die Aufständischen zurück. Modern weigerte sich, zu kapitulieren. Daraufhin brannten sie zunächst die Vorstädte und anschließend auch die Stadt selbst nieder. Der Brand zerstörte fast alle Häuser. Für Modern begann damit eine schwere Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs. Johannes Lendershammer stand somit als Stadtrichter an der Spitze der Stadt, als Modern eine ihrer größten historischen Katastrophen erlebte.
Doch auch in diesen schwierigen Jahren hatte Johannes noch weitere wichtige Aufgaben. In den Jahren 1705 und 1706 war er gleichzeitig Weinbergmeister der Stadt. Dieses Amt – auch „viničný majster“ oder „Pereg“ genannt – spielte im Weinbau von Modra eine wichtige Rolle. Der Weinbergmeister leitete das sogenannte Pereger Amt (Slávne perecké právo), das für die Verwaltung der Weinberge und des Weinberggebietes zuständig war. Er überwachte die Einhaltung der Weinbauordnungen und die ordnungsgemäße Bearbeitung und Pflege der Weinberge. Auch die Arbeit der Arbeiter und Weinbergwächter fiel in seinen Zuständigkeitsbereich. Zusammen mit den Beisitzern des Pereger Amtes kümmerte er sich unter anderem um Nachbarschaftsstreitigkeiten, die Aufteilung und Bewertung von Weinbergen sowie um Verstöße gegen die Weinbauordnung.
Auch nach dem Brand blieb er im öffentlichen Leben
Auch nach der Katastrophe von 1705 verschwand Johannes Lendershammer nicht aus dem öffentlichen Leben. Im Jahr 1710 war er erneut Mitglied des Stadtrates und gleichzeitig Waisenvater. Dieses Amt war für die damalige Stadtgesellschaft von großer Bedeutung. Wenn Eltern oder zumindest der Vater starben, erbten minderjährige Kinder häufig ein Vermögen, das sie selbst noch nicht verwalten konnten. Der Waisenvater kümmerte sich darum, dass dieses Vermögen bis zur Volljährigkeit der Kinder in ihrem Interesse verwaltet wurde. Er achtete darauf, dass die Waisen nicht benachteiligt wurden, und vertrat sie in rechtlichen Angelegenheiten, etwa bei Erbschaften oder Vormundschaften. In vielen Städten gab es dafür eigene Waisenbücher oder Register. Das Amt des Waisenvaters war somit ein wichtiger Bestandteil des städtischen Rechts und der sozialen Fürsorge.
Doch auch das Jahr 1710 brachte für Modern eine neue Katastrophe: die Pest. Die Krankheit breitete sich in der Stadt aus. Ganze Familien starben. Viele Weinberge blieben ohne Menschen, die sie bearbeiten und später die Trauben ernten konnten.
Ein neues Siegel – ein Zeichen des gesellschaftlichen Aufstiegs
Besonders interessant ist auch sein Siegel aus dem Jahr 1714. Während das ältere Siegel noch eindeutig auf sein Bäckerhandwerk hinweist, zeigt das neue Siegel nun ein Wappen mit einem gekrönten Helm und einer Helmzier sowie wieder die Initialen I. L. Das Wappen ist ein sichtbares Zeichen für den gesellschaftlichen Aufstieg Lendershammers. Es steht zweifellos auch mit seiner Tätigkeit im Stadtrat in Zusammenhang. Mitglieder des Stadtrates einer königlichen Stadt konnten mit „Dominus“ beziehungsweise „Herr“ angesprochen werden und hatten die Möglichkeit, um eine Nobilitierung oder zumindest um die Verleihung eines erblichen Wappens zu ersuchen.

In den Jahren 1714 und 1715 bekleidete Johannes Lendershammer schließlich das Amt des Bürgermeisters. Er war damit für wichtige wirtschaftliche Angelegenheiten der Stadt, das städtische Vermögen und die Grundstücke sowie für die Aufsicht über das Weinbergamt verantwortlich.
Auch seine Verbindung zum Bäckerhandwerk blieb bestehen. Ein externer Katalog ungarischer Zunftdokumente aus dem Jahr 1723 enthält einen weiteren Hinweis auf seine Beteiligung an den Moderner Bäckerartikeln. Sein Name erscheint in der Einleitung der Zunftartikel, als die Moderner Weißbäcker ihre neuen Zunftartikel nach dem Vorbild der Pressburger Bäcker bestätigen ließen.

Das Ende eines langen Lebens
Am 19. Mai 1726 starb Johannes Lendershammer. Im Sterberegister von Modra wird er als „Herr“ und „Mitglied des Raths allhier“ – also als Mitglied des Stadtrates – bezeichnet. Dies zeigt deutlich, welchen gesellschaftlichen Rang er am Ende seines Lebens erreicht hatte.

Auch seine Söhne blieben dem Bäckerhandwerk treu. Sein Sohn Johannes Leonhardt Lendershammer († 1720) war ebenfalls Bäcker, ebenso wie sein Sohn Johann David. Die Familientradition setzte sich somit in jenem Handwerk fort, das Johannes Lendershammer einst den Weg in die städtische Gesellschaft eröffnet hatte.
Das Leben von Johannes Lendershammer ist damit ein schönes Beispiel für den gesellschaftlichen Aufstieg eines Bürgers im historischen Modern: Aus einem Bäckermeister wurde ein Senator, später Stadtrichter und schließlich Bürgermeister. Gleichzeitig war er Teil jenes deutschsprachigen und evangelischen Bürgertums, das in Modern um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert noch eine bedeutende Rolle spielte. Sein Leben fiel allerdings auch in eine Zeit, in der Modern schwere Veränderungen und Katastrophen erleben musste – Krieg, Aufstände, den verheerenden Brand von 1705 und schließlich die Pest. Johannes Lendershammer war nicht nur Zeuge dieser bewegten Zeit. Als Stadtrichter stand er mitten in den Ereignissen und trug in einer der schwierigsten Phasen der Stadtgeschichte Verantwortung für Modern und ihre Bürger.
Peter Jonáš
