Kultur statt Diktatur: Jugend im demokratischen Dialog
Unter diesem Titel fand ein außergewöhnliches internationales Projekt im Rahmen des Förderprogramms „Perspektive Donau“ der Baden-Württemberg Stiftung statt, an dem rund zwanzig junge Menschen im Alter von 15 bis 30 Jahren aus verschiedenen Ländern teilnahmen. Dank KuBIK e.V., dem Verein zur Förderung von Kultur, Bildung, Integration und Kunst, erhielten die Teilnehmer die Möglichkeit, eine Woche lang in Österreich und der Slowakei in die Welt von Kunst, Kultur und Politik einzutauchen.
Schon der Name des Projekts ist von tiefgreifender Symbolik: Die Donau ist nach der Wolga der zweitgrößte und wichtigste Fluss Europas, der durch mehrere Hauptstädte der EU fließt – ein Sinnbild für die lebendige, kreative Energie der jungen Generation.
„Ziel unseres Projekts ist es, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich mit dem Schaffen von Künstlern und gesellschaftlich engagierten Persönlichkeiten auseinanderzusetzen, die unter diktatorischen Regimen in Österreich, Deutschland, Rumänien, Ungarn und auch in der ehemaligen Sowjetunion tätig waren“, erklärt Katharina Martin-Virolainen, Journalistin, Autorin und Leiterin des Projekts. „Wir haben ein spannendes Programm mit zahlreichen Workshops und Exkursionen vorbereitet, damit die Teilnehmenden verschiedene Medienformate ausprobieren können.“
Der zweite Projektleiter, Oleg von Riesen, der früher in Kasachstan lebte, ergänzt: „Wichtig ist vor allem, sich mit der Geschichte unserer Vorfahren zu beschäftigen und sich selbst besser zu verstehen – denn ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft.“
Aus mehreren Ländern, darunter auch aus den GUS-Staaten, wurden zwanzig Teilnehmer ausgewählt. Darunter nicht nur aktive Jugendliche des Vereins KuBIK aus Baden-Württemberg, sondern auch junge Menschen aus Temeswar in Rumänien und Budaörs in Ungarn sowie von der Berliner Sprach- und Integrationsgemeinschaft Riwwel.
Die Stadt des Walzers und des Kaffees
Der erste Tag des Projekts begann mit einem Kennenlernen, einer Einführung in das Projektthema sowie einem Workshop zu kreativen und innovativen Formaten. Viele waren überrascht zu erfahren, dass Kultur in der Geschichte auch für politische Zwecke missbraucht wurde – etwa in Diktaturen, wo sie als Werkzeug der Propaganda und Massenmanipulation diente.
Im Anschluss stand eine historische Stadtralley durch Wien auf dem Programm – ein spannendes Quiz, bei dem die Gruppen zwölf bedeutende Orte im Zentrum der Hauptstadt besuchen und dabei kreative Aufgaben lösen mussten.
Der zweite Tag stand unter dem Motto „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ und führte die Gruppe in das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands.
Tag drei: Das brüderliche Pressburg
Am dritten Tag führte die Reise von Wien in die slowakische Hauptstadt Pressburg/Bratislava. Übrigens: Diese beiden Städte sind nicht nur Partnerstädte, sondern auch die geografisch nächsten Hauptstädte Europas – nur 55 Kilometer liegen zwischen ihnen, weniger als eine Stunde Fahrt. Bis 1936 verband die beiden sogar eine Straßenbahnlinie!




In Pressburg besuchten die Teilnehmenden das Slowakische Nationalmuseum – Museum der Kultur der Karpatendeutschen. Dort lernten sie die Geschichte, Kultur und Gegenwart der Karpatendeutschen kennen und erforschten die Beziehungen zu anderen deutschsprachigen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa.
„Im Museum konnten wir viele authentische Exponate sehen“, berichtete Julia Gorbunov. „Der Museumsdirektor erzählte uns wenig bekannte Fakten über das Leben der Karpatendeutschen, die – wie viele andere ethnische Minderheiten – um den Erhalt ihrer Sprache, Kultur und Identität kämpfen mussten.“
In der Dauerausstellung trafen die Teilnehmenden nicht nur Museumsdirektor Rastislav Fiľo, sondern auch Katrin Litschko, Chefredakteurin der Zeitschrift Karpatenblatt, sowie den ifa-Kulturmanager beim Karpatendeutschen Verein Yannick Baumann.
„Spannend war für mich vor allem, historische Parallelen in Fragen der kulturellen Identität zu ziehen“, erzählte Daria Merei. „Ich trage einen alten kasachischen Nachnamen, bin aber in Moskau geboren und aufgewachsen, wo ich mich professionell mit moderner Choreografie beschäftigt habe. Gleichzeitig bin ich Deutsche und bin im März mit meiner Familie nach Deutschland gezogen, wo ich die Schule abgeschlossen habe. Später möchte ich Modedesignerin werden.“
Das Mittagessen fand an einem außergewöhnlichen Ort statt – einem Restaurant, das früher einmal ein Theater war. Serviert wurden deftige slowakische Spezialitäten: Krautsuppe mit Räucherfleisch, heimische Würste, im Ofen geschmorte Rippchen, Brimsennocken (Bryndzové halušky) mit Schafskäse und Speck, Käse-Knoblauch-Suppe im Brotlaib, süße Desserts und natürlich slowakisches Bier.
Bei der anschließenden Stadtführung beeindruckte besonders die Pressburger Burg – eine mächtige Burg auf dem Hügel mit einem atemberaubenden Blick über die Stadt und die Donau. Auch das historische Zentrum begeisterte – eine fröhliche, festliche Atmosphäre, überall Musik, Straßenkünstler, Kunsthandwerker und der Duft regionaler Küche.
Exkurs in die Geschichte Österreichs
Am letzten Tag besuchten die Teilnehmenden das Haus der Geschichte Österreichs, das mit seinen ständigen und Sonderausstellungen die Entwicklung des Landes von der Zeit des Habsburgerreichs über die Erste Republik, den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland, die Gründung der Zweiten Republik bis in die Gegenwart nachzeichnet.
Beim gemeinsamen Abschlussessen wurden die Erlebnisse der Woche reflektiert. Der Medienworkshop sei für viele zu einer Plattform des persönlichen Ausdrucks und der kreativen Selbstverwirklichung geworden. Maria Kulikov, Projektmanagerin im soziokulturellen Bereich, die vor zweieinhalb Jahren aus der Region Jaroslawl nach Deutschland gezogen ist, zog Fazit: „Das Thema des Projekts regt wirklich zum Nachdenken an – nicht nur im Spiegel der eigenen Familiengeschichte, sondern im Kontext ganzer Epochen.“
Text & Fotos: Elena Paschke
