Literaturkränzchen in Einsiedel an der Göllnitz
Der Herbst ist da – da kommen gute Bücher und gefühlvolle Gedichte gerade recht. Wir haben uns wieder in unserer Küche in Einsiedel an der Göllnitz/MnÃÅ¡ek nad Hnilcom getroffen, um solche Gedichte zu lesen und über gute Bücher zu sprechen.
Begonnen haben wir mit unserem Heimatdichter Karl Konrad. Er wurde 1874 in Einsiedel an der Göllnitz geboren und verstarb 1956 in der Heimat, in der er verblieben war. Karl Konrad hat eine größere Anzahl kleiner Gedichte für verschiedene Gelegenheiten geschrieben. Anlässlich der 700-Jahrfeier und des Sängerfestes 1930 in Einsiedel begrüßte er die Gäste mit seinem „Festgedicht“. Dieses schrieb er am 29. Juni 1930 in Einsiedel und wir haben unseren literarischen Nachmittag damit begonnen:
Festgedicht
Ihr lieben Gäste, seid willkommen!
In unsren Städtchens Mauern heut,
Dass zu der Gründler Fest Ihr kamet,
Darüber sind wir sehr erfreut.
Es mög Euch allen hier gefallen,
Wie’s unsern Ahnen einst gefiel.
Als sie vor siebenhundert Jahren
Sich wählten dieses Tal zum Ziel.
Wo sie sich dann auch niederließen
In dem damals noch düstern Wald,
Doch ihre Rodungsäxt’ erklangen
In diesen stillen Tälern bald.
Dieses Gedicht haben sich auch unsere Gäste am 4. August 2006 beim ersten Unterzipser Mantakentreffen mit großer Aufmerksamkeit angehört. Damals war auch der Enkelsohn von Karl Konrad, Dr. Peter Konrad, mit seiner Frau Angelika dabei.
Ein Schweizer Sprachspieler
Im weiteren Programm des Literaturkränzchens stellten wir den deutschsprachigen Schweizer Schriftsteller Robert Walser vor. Er kam 1878 in Biel im Kanton Bern zur Welt und verstarb 1956 nahe Herisau im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Robert Otto Walser stammte aus einer kinderreichen Familie und wuchs in Biel, das an der deutsch-französischen Sprachgrenze liegt, zweisprachig auf.
Von 1892 bis 1895 machte er eine Lehre bei der Kantonalbank von Bern in Biel. Danach arbeitete er kurz in Basel und lebte später in Stuttgart, wo sein Bruder Karl wohnte. Robert Walser debütierte mit Gedichten – viele davon erschienen 1909 im von Karl Walser illustrierten Band „Gedichte“. Wir haben daraus das Gedicht „Im Mondschein“ gelesen.
Auch über seinen Roman „Geschwister Tanner“ haben wir gesprochen. Es ist sein erster Roman, den er Anfang 1906 in Berlin in nur sechs Wochen schrieb. Robert Walser wird als großer Sprachspieler beschrieben. Zu seinen Bewunderern sollen Größen wie Franz Kafka, Hermann Hesse oder Robert Musil gezählt haben. Robert Walser sagte einmal: „Wenn Tage Abschied nehmen, so geben sie die wundervollen Abende dafür.“ Und die Abende sind da, um gefühlvolle Gedichte in die Hände zu nehmen. Wir haben auch das Gedicht „Der Schnee fällt nicht hinauf“ gelesen.


Im Rahmen unseres Treffens mit Literatur bereiten wir auch immer eine kleine Ausstellung vor.Â
In unserer Buchausstellung präsentierten wir ein größeres Werk mit Bildern der niederländischen Malerin Rachel Ruysch. Sie wurde 1664 in Den Haag geboren und verstarb 1750 in Amsterdam. Rachel Ruysch war eine bedeutende Stilllebenmalerin des Barocks und eine Künstlerin von europäischem Rang. Zu Lebzeiten war sie ein internationaler Star und verkaufte ihre Bilder in ganz Europa. Ihre Werke sind in bekannten Museen zu sehen, aber in diese Museen können wir nicht reisen. Doch in diesem Buch können wir blättern und so diese Herrlichkeiten bestaunen!
Thriller-Autor Sebastian Fitzek
In einem Interview im Februar-Karpatenblatt 2023 haben wir den Übersetzer und Pädagogen Andrej Zahorák kennengelernt. Darin sagt er: „Die pädagogische Tätigkeit und das Übersetzen ergänzen sich gegenseitig.“ Auf Seite 10 kann man sich mehrere Bücher von Sebastian Fitzek anschauen, die Andrej Zahorák übersetzt hat. Für unser Literaturkränzchen haben wir Fitzeks Roman „Die Therapie“ ausgewählt – die Originalausgabe stammt aus dem Juni 2006. Sebastian Fitzek wurde 1971 in Berlin geboren. Gleich sein erster Psychothriller wurde für den Friedrich-Glauser-Preis als bestes Debüt nominiert und begeisterte Kritiker und Leser. Der Roman belegte mehrere Wochen Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und wurde als sechsteilige Fernsehserie verfilmt.
Vor 150 Jahren geboren: Rainer Maria Rilke
Auch Rainer Maria Rilke war Teil unseres Nachmittagsprogramms. Er kam 1875 in Prag zur Welt. Rilke studierte Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie in Prag, München und Berlin. 1900 war er in Worpswede, wo er die Bildhauerin Clara Westhoff kennenlernte, die er 1901 heiratete. Am 29. Dezember 1926 starb Rilke in Val-Mont bei Montreux in der Schweiz an Leukämie.
Rilke war ein bedeutender Lyriker und Schriftsteller. Seine Gedichte, Briefe und Essays begeistern bis heute. Wir haben den Gedichtband „Sommer“ für unser literarisches Treffen zur Hand genommen – auf der Titelseite ist eine rosa Hortensie abgebildet. Im Internet suchten wir nach der „blau blühenden Gartenhortensie“ und lasen dazu ein Gedicht. An diesem Nachmittag konnten wir auf einem Handy auch eine weiße Hortensie und einen ganzen Strauch weißer Hortensien sehen. Da er heuer vor 150 Jahren geboren wurde, lasen wir zum Abschluss das gefühlvolle und schöne Gedicht „Lied vom Meer“ von Rainer Maria Rilke.
Die Frauen der Singgruppe „Spitzenberg“ hatten zu unserem Treffen auch einige schöne Lieder mitgebracht, die wir gut kennen und die oft gesungen wurden.
Ilse Stupák
