Treffen bei deutscher Literatur in Einsiedel an der Göllnitz

Literaturkränzchen in Einsiedel an der Göllnitz

Ein besonderer Nachmittag voller Erinnerungen, Literatur und Dankbarkeit: Am Dienstag, dem 17. Juni, trafen wir uns in Einsiedel an der Göllnitz/Mníšek nad Hnilcom, um über deutsche Poesie und Prosa zu sprechen.

Die Redaktion des Karpatenblatts veröffentlichte an diesem Tag online den Artikel „Die blutige Nacht an den Schwedenschanzen“. Im Juni jährte sich das Massaker von Prerau zum 80. Mal. Wir haben in Stille der 267 Karpatendeutschen gedacht, die in der Nacht vom 18. auf den 19. Juni 1945 in Prerau/Přerov erschossen wurden – unter ihnen auch vier Menschen aus unserem Ort.

Kleine Freuden und große Gedanken

Unser Gespräch über Literatur begannen wir mit Theodor Fontanes Gedicht „So muss man leben!“. Er war ein deutscher Schriftsteller, Journalist, Erzähler und Theaterkritiker und lebte von 1819 bis 1898. Das Gedicht ermutigt uns dazu, auch die kleinen Freuden des Lebens zu schätzen.

So muß man leben!

Die kleinen Freuden aufpicken,

bis das große Glück kommt.

Und wenn es nicht kommt,

dann hat man wenigstens

die „kleinen Glücke“ gehabt.

Dieses Gedicht passte gut zu unseren Gesprächen über Glück, Erinnerung und das Privileg, gemeinsam diesen besonderen Nachmittag zu verbringen. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich von Glück sagen, dass ich heute am Literaturkränzchen teilnehmen kann und dass wir gemeinsam der Opfer von Prerau gedenken konnten. In so einem Zug fuhr auch meine Familie einst aus der Evakuation in Karlsbad nach Hause, aber wir kamen gut an.

Unsere kleine Literaturausstellung blickte auf das Schöne zurück, über das wir in den letzten Jahren gesprochen haben. Wir befinden uns bereits im 26. gemeinsamen Lesejahr. So viele Dichter, Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger und literarische Werke haben wir dabei kennengelernt. Gut, dass es das Karpatenblatt gibt! Wir haben die Seiten gesammelt, auf denen es um unser Literaturkränzchen ging. Sie erinnern uns an das Schöne.

Ein Zitat von dem deutschen Dichter und Schriftsteller Jean Paul, der von 1763 bis 1825 lebte, bringt es auf den Punkt: „Die Erinnerung ist ein Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“

Literarische Begegnungen

Zum Erinnern brachte uns auch die Karpatenpost-Ausgabe vom November 2013. Darin kann man den Artikel „Besuch in Stoß und Einsiedel“ lesen. Pfarrer Andreas Metzl aus Tübingen schrieb darin von seinem Besuch bei uns: „In Einsiedel machte ich einen Besuch bei Frau Ilse Stupák. Ich bewundere die ehemalige Lehrerin, dass sie nun schon über viele Jahre in Einsiedel ein zweimonatliches Literaturkränzchen veranstaltet. In dem nicht sehr großen, sehr interessierten Kreis werden klassische und moderne Dichter und Schriftsteller vorgestellt und Kostproben gelesen. Durch Frau Stupáks lebendige Berichte im Karpatenblatt gewinnt dieses Literaturkränzchen eine große Ausstrahlungskraft weit über die Gemeinde hinaus, ja sogar bis in die Bundesrepublik. Entsprechend interessant gestaltete sich mein Besuch mit gegenseitigem Austausch über alte und neue Literatur.“

Eine schöne und unvergessene Erinnerung ist für uns auch das Ostergeschenk, das wir im März 2020 erhalten haben. Prof. Dr. Ferdinand Klein hat jeder Frau vom Literaturkränzchen die „ZIPSER TRILOGIE – Potoken und Mantaken dazähln“ geschenkt. Gerne erinnern wir uns auch an die gemeinsamen Nachmittage mit deutscher Poesie und Prosa in unserem Haus der Begegnung, an denen Prof. Dr. Ferdinand Klein mit seiner Frau Dr. Hanka Klein-Krušinová teilnahmen. Vor kurzem hat er uns auch das Buch „Als Heilpädagoge im Ost-Welt-Dialog – Persönliche und berufliche Erfahrungen eines Karpatendeutschen“ geschickt. Wir danken ganz herzlich dafür!

Treffen mit deutscher Literatur in Einsiedel an der Göllnitz/Mnisek nad Hnilcom
Blick auf unsere kleine Literatur-Ausstellung

Erinnerungen und Austausch

„Die Literatur ist immer ein Trost“ schrieb uns einmal Thilo Krause in einer E-Mail. Der deutsche Dichter schickte uns vor einiger Zeit seinen Gedichtband „Was wir reden, wenn es gewittert“. Er wurde 1977 in Dresden geboren und lebt mit seiner Familie in Zürich. Der Gedichtband ist 2018 erschienen und wurde ein Jahr später mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. Bei unserem Treffen lasen wir das Gedicht „Zürich, um Null“.

Auf dem Programm unseres Literaturkränzchens hatten wir auch den deutschen Schriftsteller und SPIEGEL-Bestsellerautor Ewald Arenz. Er wurde am 26. November 1965 in Nürnberg geboren, hat englische und amerikanische Literatur sowie Geschichte studiert und arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Seit Beginn der 1990er Jahre publiziert er und erhielt zahlreiche Auszeichnungen für sein literarisches Werk. In seinem neuen Roman „Zwei Leben“ (2024) erzählt Ewald Arenz von zwei Frauen, die auf dem Dorf leben, aber selbst bestimmen möchten, wie ihr Leben verläuft.

Dietmar Grieser und sein Lieblingsautor

Bei unserem Literaturkränzchen sprachen wir auch über Prof. Dietmar Grieser. Er wurde am 9. März 1934 in Hannover geboren und ist ein österreichischer Autor von Sachbüchern, Journalist sowie Rundfunk- und Fernsehautor. Seit 1957 lebt er in Wien. Dietmar Grieser wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, der Eichendorff-Literaturpreis und der Donauland-Sachbuchpreis. Er selbst bezeichnet sich als Literaturreporter. Uns schickte Prof. Dietmar Grieser seinen Roman „Der Onkel aus Preßburg“ (2009). Das Buch und ein netter Brief erreichten uns im Juni 2013. Wir lasen den Roman mit Freude und sprachen darüber – etwas Herrliches! Danach wechselten wir noch Briefe mit ihm.

Für unser Treffen hatten wir dieses Mal sein Buch „Kein Bett wie jedes andere“ ausgewählt. Der Untertitel lautet: „Möbel, die Geschichte machten“ (1998). Wir suchten uns den Abschnitt über „Josef Hoffmanns Malkasten für Gustav Klimt“ aus. Es war sehr interessant zu erfahren, was der Maler in diesem Kasten aufbewahrte.

Im Internet fanden wir auch ein interessantes Interview mit Prof. Dietmar Grieser, in dem wir erfuhren, dass Hermann Hesse auch sein Lieblingsautor war. Grieser sagte: „Hermann Hesse war für mich eine wichtige Figur. Und wenn ich mich an einem Autor festbeiße, will ich alles haben. Später, als ich Geld hatte, habe ich sogar Aquarelle von Hesse gekauft. Das konnte man damals noch.“ Zum Abschluss blätterten wir im Buch „HESSE – Mit der Reife wird man immer jünger“. Es enthält Betrachtungen und Gedichte über das Alter, mit Fotografien von Martin Hesse, herausgegeben von Volker Michels. Das Gedicht „Stufen“ lasen wir dann gemeinsam. Auch das Lied „Fliege mit mir in die Heimat“ ruft viele schöne Erinnerungen wach – deshalb haben wir es zum Abschluss wieder gesungen!

Ilse Stupák