Literaturkränzchen in Einsiedel an der Göllnitz
Am Dienstag, dem 28. April 2026, fand unser Literaturkränzchen in Einsiedel an der Göllnitz/Mníšek nad Hnilcom statt. Das Treffen stand noch ganz im Nachklang der Gedenkfeier zum 120. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer, die wenige Tage zuvor in der evangelischen Kirche in Wagendrüssel/Nálepkovo begangen worden war.
Unsere kleine Bücherausstellung war ebenfalls dieser Feier gewidmet und bildete den Auftakt des Nachmittags. Wir sahen sie uns zuerst gemeinsam an und fanden darunter auch eine Predigt aus Kippenheim bei Lahr im Schwarzwald. In ihr legte der evangelische Pfarrer Matthias Kreplin eindrucksvoll die Frage „Wer bin ich?“ aus, die Dietrich Bonhoeffer in seinem gleichnamigen Gedicht gestellt hat. Auf den ausgestellten Fotos waren Bonhoeffer und seine Verlobte Maria von Wedemeyer zu sehen, daneben lag das Buch „Bonhoeffers große Liebe“ von Fabian Vogt.
Bonhoeffer im Mittelpunkt
Passend dazu begannen wir unser Literaturkränzchen mit dem Gedicht „Wer bin ich?“. Dietrich Bonhoeffer schrieb es im Juli 1944 im Militärgefängnis Berlin‑Tegel und legte es einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge bei. Das Gedicht war ausschließlich für Maria von Wedemeyer bestimmt. Darin beschreibt Bonhoeffer seine Gefühle nach einem Besuch seiner Verlobten mit folgenden Worten:
„Wie der Hauch des warmen Atems, sich in kühler Morgenluft auflöst, so zerrinnt dein Bild.“
In diesem Zusammenhang erwähnten wir auch den Roman „Der Kelch des Zorns“ von Mary Glazener. Die Autorin lebte zehn Jahre in Deutschland, recherchierte sorgfältig und arbeitete mit hervorragenden Quellen.
Ein Artikel über die Gedenkfeier zum 120. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) wurde bereits auf der Webseite des Karpatenblattes veröffentlicht. Die Frauen von der Singgruppe Spitzenberg hatten die Feier in Wagendrüssel/Nálepkovo musikalisch mitgestaltet. Darüber kamen wir ins Gespräch. Frau Lehrerin Magda Cölder spielte uns fast die gesamte Gedenkfeier auf ihrem Handy vor. Wir hörten aufmerksam zu und hatten das Gefühl, auf diese Weise selbst daran teilzunehmen.
Anschließend lasen wir gemeinsam Bonhoeffers berühmtes Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, das er im Dezember 1944 während seiner Gestapohaft schrieb. Es ist der letzte erhaltene Text aus seiner Feder und berührte uns alle tief:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Siegfried Lenz und die Kraft der Erzählung
Im weiteren Verlauf des Nachmittags wandten wir uns Siegfried Lenz zu, dem sich in letzter Zeit auch mehrere Fernsehsender gewidmet hatten. Siegfried Lenz wurde am 17. März 1926 in Lyck in Ostpreußen geboren und verstarb am 7. Oktober 2014 in Hamburg. Er zählt zu den bekanntesten deutschsprachigen Erzählern der Nachkriegs‑ und Gegenwartsliteratur und wurde oft als „Jahrhundertschriftsteller“ bezeichnet.
Als sein bedeutendstes Werk gilt der vielfach übersetzte und verfilmte Roman „Deutschstunde“ aus dem Jahr 1968, mit dem er auch international berühmt wurde. Große Aufmerksamkeit fand zudem seine erste Kurzgeschichtensammlung von 1955 mit dem Titel „So zärtlich war Suleiken“. Die neuartige Erzählweise und der Einsatz des masurischen Dialekts haben ihm bis heute eine treue Leserschaft eingebracht. Aus dem Buch „Erzählungen“ wählten wir die Geschichte „Die Maske“ aus, in der Siegfried Lenz mit Worten eine eindrucksvolle Beschreibung der norddeutschen Küste zeichnet.
Literarische Wege und Erinnerungen
Ein weiterer Programmpunkt führte uns zu Büchern, die man immer wieder gern zur Hand nimmt. Dazu gehört auch „Ja, nein, vielleicht“ von Doris Knecht. Über die slowakische Zeitschrift „Slovenka“ gelangten wir gedanklich in die Schweiz, nach St. Gallen, in jene Bibliothek, in der Doris Knecht einst aus ihrem Roman gelesen hat. Die Bibliothek der Abtei St. Gallen, eine der größten und ältesten Bibliotheken Europas, ist im UNESCO‑Register eingetragen und fasziniert mit ihrem prächtigen Barocksaal und ihren jahrhundertealten Handschriften.
Im Programm durfte auch Joseph von Eichendorff nicht fehlen. Er wurde 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien geboren und starb 1857 in Neiße. Eichendorff war einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Romantik und zählt bis heute zu den meistvertonten deutschsprachigen Dichtern. Er studierte Jura in Halle, Heidelberg, Berlin und Wien. Aus seiner Studentenzeit stammt der Abschiedsgruß an Heidelberg: „Adieu, liebes Plätzchen, wo ich so viele schöne, ewig unvergessene Stunden genoß.“
Seine Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“, erschienen 1826, gilt als Meisterwerk der Romantik. Daraus lasen wir ebenso wie aus dem berühmten Gedicht „Mondnacht“, das ein vollendetes Wunder der deutschen Sprache ist.
Das Karpatenblatt veröffentlichte am 23. April 2026 online die traurige Nachricht „In dankbarer Erinnerung an Dr. Ondrej Pöss“. Wir gedachten Seiner mit einer Schweigeminute.
Zum Abschluss lasen wir das Gedicht „Das Flüstern des Frühlings“ von Sophia Pašová, Schülerin der 4. Klasse des Gymnasiums in Göllnitz/Gelnica, vor und setzten damit einen besonders stimmungsvollen Schlusspunkt unter unser Literaturkränzchen.
Ilse Stupák
