„Man kann nicht durch geschlossene Türen in die Zukunft schauen.“
Als sich Róbert Čunderlík (20), Lehramtsstudent für Geschichte und Deutsch an der Comenius-Universität in Pressburg/Bratislava und neuestes Mitglied unserer Karpatenblatt-Redaktion, mir gegenübersetzte, wirkte er leicht nervös. Mit einem entschuldigenden Lächeln bat er mich, nicht zu viel zu erwarten. Schon nach wenigen Fragen waren diese Zweifel verschwunden. Statt das neueste Mitglied unserer Redaktion kennenzulernen, saß mir jemand gegenüber, der sich nur selten mit der naheliegendsten Erklärung zufriedengibt. Jemand, der Zusammenhänge sucht, unterschiedliche Perspektiven zulässt und lieber einen Gedanken weiterdenkt, als vorschnell zu einem Schluss zu kommen.
Im Gespräch erfahren Sie,
- warum Geschichte weit mehr ist als Vergangenheit,
- weshalb guter Unterricht mit Neugier beginnt,
- wie aus einem Geschichtswettbewerb der Wunsch entstand, Lehrer zu werden,
- und warum Róbert seine Zukunft bewusst in der Slowakei sieht.
Unsere Gesellschaft scheint geradezu besessen von der Zukunft zu sein. Künstliche Intelligenz, Innovation, Fortschritt – ständig geht es um Morgen. Hat Geschichte in so einer Welt überhaupt noch einen Platz?
Mehr denn je. Viele denken, dass Geschichte nur mit der Vergangenheit zu tun hat. Ich sehe das anders. Es gibt einen Satz, den ich sehr mag: „Man kann nicht durch geschlossene Türen in die Zukunft schauen.“ Das klingt vielleicht ein bisschen abgedroschen, aber ich glaube, da ist etwas Wahres dran. Wenn wir nicht wissen, woher wir kommen, wird es unglaublich schwer zu verstehen, wohin wir gehen.
Glaubst du, dass sich unsere Generation genug für Geschichte interessiert?
Zumindest mehr als man manchmal denkt. Geschichte bedeutet ja nicht, dass jeder wissen muss, welche Schuhgröße Napoleon hatte. Viel wichtiger ist doch, dass wir verstehen, wie unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern gelebt haben. Ich glaube, dafür interessieren sich viele junge Menschen.
Mehr Sorgen mache ich mir um die Generationen, die jetzt nachkommen – oder besser gesagt darum, wie Geschichte an sie vermittelt wird.
Warum?
Weil Geschichte oft so unterrichtet wird, als wäre sie ein Telefonbuch. Jahreszahlen. Namen. Die Schüler lernen, wann etwas passiert ist, aber kaum, warum es bis heute wichtig ist. Ich hatte einmal eine Lehrerin, die wie eine wandelnde Enzyklopädie war. Sie wusste unglaublich viel, und ich hatte riesigen Respekt vor ihrem Wissen. Aber sie konnte es einer Schulklasse einfach nicht vermitteln. Da habe ich gemerkt: Fachwissen allein reicht nicht.



Was reicht denn?
Neugier. Ich würde viel weniger auswendig lernen lassen und viel mehr Fragen stellen. Stell dir vor, du lebst im Mittelalter. Wie würdest du diesen Konflikt lösen?
In dem Moment geht es plötzlich nicht mehr nur um Fakten. Man muss Entscheidungen treffen. Man muss nachdenken.
Du verlangst deinen Schülerinnen und Schülern ziemlich viel Fantasie ab. Drehen wir den Spieß um: In welcher Epoche würdest du selbst gern leben?
Im Mittelalter. Die meisten denken dabei sofort an Könige oder Schlachten. Ich lese unglaublich gern über ganz gewöhnliche Streitigkeiten. Jemand hat eine Kuh gestohlen, Nachbarn streiten sich um ein Stück Land oder ein Dorfgericht entscheidet über einen kleinen Konflikt, der für die Beteiligten alles bedeutet hat. Wenn nicht das Mittelalter, dann wohl das 19. Jahrhundert.
Also keine Ritter, sondern Kuhdiebe?
(lacht) Genau. Die Geschichten ganz normaler Menschen erzählen oft mehr über eine Zeit als die großen Schlachten.
Es gibt diesen berühmten Satz: „Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ Wie viel Wahrheit steckt darin?
Verlierer schreiben selten darüber, dass sie verloren haben. Und die Sieger erzählen ihre Geschichte natürlich gern aus ihrer eigenen Perspektive. Genau deshalb finde ich Geschichte so spannend. Man liest nie einfach nur Fakten, sondern versucht herauszufinden, warum jemand etwas genau so erzählt hat und nicht anders.
Das macht den Job als Historiker nicht gerade einfacher.
Überhaupt nicht. Genau deshalb sollte man keiner Quelle blind vertrauen. Man muss immer fragen: Wer hat das geschrieben? Warum? Unter welchen Umständen? Ich hoffe, dass ich genau das irgendwann auch meinen Schülerinnen und Schülern mitgeben kann: nicht alles sofort zu glauben. Ich denke, das ist heute fast wichtiger denn je. Nicht nur für Historiker, sondern für jeden von uns. Informationen sind überall. Man muss lernen, Dinge zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung bilden.



Man hat das Gefühl, dass du dir schon ziemlich genau überlegt hast, was für ein Lehrer du einmal sein möchtest. Wann fing das an?
Eigentlich hat alles mit Geschichtsolympiaden angefangen. In der achten Klasse habe ich zum ersten Mal einen Bezirkswettbewerb gewonnen – meinen ersten Wettbewerb überhaupt. Das war ein großartiges Gefühl.
Also hat dich am Anfang vor allem der Ehrgeiz gepackt.
(lacht) Wahrscheinlich schon. Aber das hat sich irgendwann verändert.
Geschichte war plötzlich nicht mehr nur etwas, worin ich gut sein wollte. Sie hat mir geholfen, die Welt zu verstehen. Wenn mich heute jemand fragt, warum irgendwo Krieg herrscht oder warum ein Denkmal genau dort steht, erkläre ich das gern.
Du bist also der Freund, der ständig irgendwelche historischen Fakten erzählt, nach denen eigentlich niemand gefragt hat?
(lacht) Hundertprozentig.
Und irgendwann hast du gemerkt, dass dir das Erklären genauso viel Spaß macht wie das Lernen.
Genau. Schon auf dem Gymnasium habe ich angefangen, Unterrichtsmaterialien zu entwickeln und kleine Bildungsprojekte zu organisieren. Viele meiner Freunde haben sich zuerst gefragt, womit sie später am besten verdienen können. Ich nie. Mir war es wichtiger, einen Beruf zu finden, auf den ich mich morgens freue. Und genau dieses Gefühl vermittelt mir das Lehramt.
Warum gerade die Kombination aus Geschichte und Deutsch? Geschichte verstehe ich ja – aber warum Deutsch?
Geschichte war schon immer meine Leidenschaft. Deutsch war für mich die logische Ergänzung. An fast jeder Schule hört man: „Englisch ist ein Muss, Deutsch ist ein Plus.“ Das klingt zwar wie ein Werbeslogan, ist aber meiner Meinung nach richtig. Außerdem sprechen in der Slowakei längst nicht so viele Menschen gut Deutsch. Gerade deshalb kann diese Sprache viele Türen öffnen.
Und irgendwie hat dich genau das schließlich zum Karpatenblatt geführt.
Ich hoffe, ich fliege jetzt nicht direkt wieder raus… (lacht) Vorher kannte ich das Karpatenblatt tatsächlich überhaupt nicht. Einer unserer Lektoren an der Universität hat mich auf das Praktikum hingewiesen. Als ich hörte, dass ich dort Geschichte und Deutsch miteinander verbinden kann, war ich sofort interessiert. Zum ersten Mal musste ich mich nicht zwischen beidem entscheiden.



Dein Weg hätte genauso gut nach Deutschland führen können.
Darüber habe ich tatsächlich nachgedacht. Aber ich möchte nicht automatisch davon ausgehen, dass man die Slowakei verlassen muss, um etwas zu erreichen. Ich würde lieber versuchen, hier etwas zu verändern.
Du scheinst ziemlich viel Vertrauen in dieses Land zu haben.
Das habe ich. Ich glaube einfach, dass die Slowakei ein Land mit enormem Potenzial ist. Wir unterschätzen uns oft.
Und wie sieht dein Plan für die nächsten Jahre aus?
Ich möchte einfach ein guter Lehrer werden. Etwas tun, das mir wirklich Spaß macht. Und bis dahin möchte ich einfach so viel wie möglich mitnehmen – im Praktikum, mit der deutschen Sprache und überall dort, wo ich etwas Neues lernen kann. Mehr Plan habe ich ehrlich gesagt gerade gar nicht.
Nach all den großen Fragen bleibt eigentlich nur noch eine übrig. Pumpkin Spice Latte?
(lacht) Noch nie getrunken.
Das Gespräch führte Lucia Vlčeková.
