„Man muss sich vor allem treu bleiben.“

Alexandra Kurinská ist 24 und gehört zu den Menschen, die ihren Weg nicht über Abkürzungen, sondern über Beharrlichkeit gefunden haben. Sie sang früh – ohne Bühnenlicht, an Orten, die sich nach Klang anfühlten. Heute studiert sie am Konservatorium in Graz und bewegt sich in einer Kunstwelt, die viel verlangt und wenig verzeiht.

Sie hat im Büroflur im Schlafsack geschlafen, Nebenjobs gestemmt, Umwege akzeptiert und Erwartungen widersprochen. Dennoch klingt ihr Gesang, als käme er aus Leichtigkeit. Zwischen Kunst und Konkurrenz, Alltag und dem Wunsch nach Freiheit spricht sie mit uns über Stimmen, Räume – und den Mut, sich selbst treu zu bleiben.

Wie hat eigentlich deine musikalische Reise begonnen?

Meine musikalische Reise begann, als ich vierzehn war. Ich war immer ein bisschen eine Quasselstrippe, ständig am Reden und vor mich hin Singen. Lustig ist, dass meine Oma eine Freundin hat, die Wahrsagerin ist. Und sie hat ihr damals vorausgesagt, dass ich einmal eine berühmte Sängerin werde. (lacht)
Meine erste Gesangslehrerin war dann tatsächlich die Schwiegertochter dieser Wahrsagerin. Sie hat so schön über klassische Musik gesprochen, dass ich völlig verzaubert war. Ich hatte das Gefühl, in eine reinere, schönere, edlere Welt einzutauchen. Da wusste ich sofort: Das ist es. Mehr will ich gar nicht.

Du hast am Konservatorium in Neutra/Nitra angefangen und bist später nach Pressburg/Bratislava gegangen. Wie haben sich deine Anfänge dort angefühlt?

Als ich die Schule beendet hatte, sagte mir eine Lehrerin, ich müsse unbedingt nach Bratislava kommen, sonst würde sie mich nicht weiter unterrichten. Ich hatte aber überhaupt kein Geld, meine Eltern standen auch nicht wirklich hinter dieser Entscheidung. Ich hatte kein Zimmer, keinen Job – später dann mehrere gleichzeitig, um alles zu schaffen. Es war unglaublich anstrengend.
Schließlich vermittelte sie mir eine Schlafmöglichkeit in einem Büro. Ich habe dort drei Monate lang im Schlafsack auf dem Boden geschlafen. Es gab kein warmes Wasser. Und der Hausverwalter fand mich… sagen wir: etwas zu interessant. Am Ende ist aber alles gut ausgegangen. Ich bin von dieser Lehrerin weggegangen und habe mir eine andere Unterkunft gesucht. Und ich habe unglaublich viel daraus gelernt.

Konnten deine Eltern das erahnen oder hast du ihnen davon erzählt?

Nein. Ich wollte ihnen das nicht erzählen. Nicht, weil ich ihnen nicht vertraue – sie sind einfach ganz andere Typen: analytisch, bodenständig, aus einem nicht-künstlerischen Umfeld. Sie wollten ursprünglich, dass ich Ärztin werde oder etwas „Solides“. Meine Mutter mochte diese Lehrerin von Anfang an nicht, aber ich wollte es damals nicht sehen. Vielleicht war es auch dieser Gedanke im Hinterkopf: Ich habe mir diesen Weg ausgesucht, also muss ich ihn auch alleine schaffen.

Du bist dann in Bratislava geblieben und hast an der Comenius-Universität Lehramt studiert – nicht Gesang. Was hat dich zu dieser Entscheidung gebracht?

In der Slowakei ist es ehrlich gesagt kein guter Plan, nur Gesang zu studieren. Das macht man nur, wenn man komplett verrückt ist. (lacht) Ich wollte etwas in der Hand haben, falls es mit dem Singen nicht klappt. Hier bekommt man Jobs vor allem dann, wenn man die richtigen Leute kennt. Oder wenn man schon als Kind im Theater war. Oder wenn man ein Wunderkind ist. Talent alleine reicht aber nicht – Kontakte sind genauso entscheidend. Ich kenne Leute, die an den besten Schulen im Ausland waren, mit enormen Erfahrungen, und trotzdem wurden sie hier ignoriert oder schlecht behandelt.

Und wenn man keine Kontakte hat – welche Wege bleiben einem dann?

(lacht) Naja… man kann TikToker werden und Videos drehen.

Warum hast du es noch nicht ausprobiert?

Eigentlich wollte ich! (lacht) Aber ich bin nicht der Typ für dauernden Exhibitionismus.

Aber erfordert Oper nicht auch einen gewissen „Exhibitionismus“? Immerhin stehst du am Ende auf einer Bühne.

Klar. Am Ende kann ich ja schlecht behaupten, dass Oper völlig frei von Exhibitionismus wäre – vor allem nicht, wenn man sich für eine Rolle auch mal auszieht. Aber es ist eine konservativere Form davon. Im Opernhaus präsentierst du dich Institutionen und einem Publikum, das ein bisschen konservativer ist als der durchschnittliche TikTok-Zuschauer. Aber ja… manchmal wirft eine Opernsängerin tatsächlich die Kleider für eine Rolle ab.

Gibt es eine Rolle, für die du dich – im Namen der Kunst – so weit entblößen würdest, dass sogar ein Hauch Sünde dazugehört?

(lacht) Für jede Rolle, bei der es wirklich Kunst ist. Ich betone: Kunst, nicht „Content“. Seelische und – wenn’s die Story verlangt – auch körperliche Entblößung gehören manchmal dazu. Aber das ist etwas völlig anderes, als sich für ein paar Likes vor der Kamera zu räkeln. Wenn ich mich entblöße, dann, weil es der Figur dient – nicht, weil irgendein Algorithmus meint, ich sollte „mehr Engagement generieren“.

Und gleichzeitig ist die Bühne ja eine Welt voller Rollen, Glanz, manchmal auch ein bisschen Täuschung und Maskenspiel. Woran hält man sich als Künstlerin wirklich fest?

Eine meiner Lehrerinnen hat mir einmal etwas gesagt, das ich nie vergessen habe:
dass man sich – bei allem Lärm um Erfolg, Erwartungen und Prestige – vor allem selbst treu bleiben muss. Dass die eigene Stimme nicht nur technisch, sondern auch innerlich geschützt werden sollte. Gerade weil dieses Umfeld manchmal toxisch sein kann, darf man nicht zulassen, dass es einen verändert oder verbiegt.

Du bist jetzt seit ein paar Monaten am Johann-Joseph-Fux-Konservatorium in Graz. Wirkt das Umfeld eher unterstützend – oder spürt man auch Konkurrenz, vielleicht sogar eine gewisse Toxizität?

Ich bin noch nicht lange hier, aber ich fühle mich großartig. In Graz sind alle sehr freundlich und menschlich. Vielleicht auch, weil es für die meisten von uns gerade noch nicht um große Rollen geht. Aber ja, Oper kann sehr rivalisierend sein. Das habe ich schon in Nitra und Bratislava erlebt.

Dein Aufenthalt in Graz hat ja auch einen klaren Zweck: Du bereitest dich hier auf die Aufnahmeprüfungen für Operngesang an der Universität vor. Welche Anforderungen erwarten dich?

Man braucht zuerst ein Sprachzertifikat – viele überrascht das. Dann folgt die Gehörbildung: Melodien notieren, Rhythmen erkennen, Zweiunddreißigstel, Sechsachteltakt und so weiter. Und natürlich vorsingen. Ich würde jedem raten, sich vorher einen Professor oder eine Professorin auszusuchen und sich persönlich vorzustellen. Es gibt so viele Bewerber, dass man sich nicht nur auf den Eindruck bei der Prüfung verlassen sollte. Und man muss mit seinem Lehrer harmonieren – sonst wird es schnell zur Qual.

Du sagst, Harmonie sei entscheidend. Warum hat gerade dieses Verhältnis so großes Gewicht?

Weil Stimme und Gesang extrem persönlich sind. Nicht einmal ein Arzt kommt dir so nahe wie dein Gesangslehrer – zumindest philosophisch betrachtet. Dein Atem, dein Klang, jede Spannung verrät etwas über deine Seele. Die Beziehung ist absolut zentral.

Und wenn wir schon von der Seele sprechen: Was ist dein größter Traum?

Ich wollte immer im Theater arbeiten und Stücke machen, die die Gesellschaft ansprechen – und vielleicht ein Stück weit verändern. Und das durch Gesang. Die Oper scheint mir eine der reinsten, am stärksten transzendierenden Formen zu sein. Mein Traum ist es, genau das zu tun – und frei zu sein.

Und zum Schluss eine Frage, die vielleicht nicht ganz so transzendental ist – aber ohne sie wäre „Unerhört?!“ nicht unerhört: Pumpkin Spice Latte – ja oder nein?

(lacht) Ach… doch, ja. Ich leugne nichts.

Das Gespräch führte Lucia Vlčeková.