Carolin Margraf, Elisa Vaughan und Róbert Čunderlík

„Mich interessieren die Geschichten hinter den Menschen.“

In unserer Karpatenblatt-Redaktion in Pressburg/Bratislava hatten wir einen besonderen Besuch aus Sathmar – Elisa Vaughan, die als ifa-Kulturmanagerin beim Demokratischen Forum der Deutschen tätig ist. Sie hat einen vielfältigen Studienhintergrund: Kulturwissenschaften, Literaturwissenschaften sowie Masterabschlüsse in German Comparative Literature und Public History. Sie hat die Slowakei zum ersten Mal besucht und da haben wir die Gelegenheit genutzt und mit ihr ein Interview geführt.

Im Gespräch erfahren Sie:

  • warum Kulturmanagement für Elisa Vaughan mehr ist als ein Beruf,
  • welche Rolle Jugendliche bei ihrer Arbeit spielen,
  • welchen Herausforderungen die Sathmarer Schwaben sich heute stellen,
  • warum ihre Arbeit für sie „vielseitig, spannend und abenteuerlich“ ist.

Mit deinem akademischen Hintergrund hättest du auch in der Forschung oder an einer Universität arbeiten können. Warum hast du dich stattdessen für Kulturmanagement entschieden?

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich eine Zeit lang darüber nachgedacht habe. Ich habe gemerkt, dass ich es brauche, mit Menschen im Dialog zu sein. Ich mag auch keine Routine. Ich liebe es, dass jeder Tag anders ist. Ich treffe viele verschiedene Menschen. Zum Beispiel arbeite ich mit einer jungen Künstlerin aus Fienen im Kreis Sathmar. Sie macht die Zeichnungen für ein Buch, an dem wir arbeiten. Das ist ein Mitmachbuch für Kinder und Jugendliche voller Geschichten über die Sathmarer Schwaben und deren Kulturerbe.

Das ist bestimmt nicht das einzige Projekt.

Bestimmt nicht (lächelt). Ich habe das Zukunftsforum ins Leben gerufen. Da haben wir immer wieder verschiedene Referentinnen und Referenten eingeladen, unter anderem von der Europa-Universität Viadrina sowie die deutsche Botschafterin in Rumänien. Dann habe ich noch zahlreiche weitere Projekte im Bereich der politischen Bildung sowie der Medienbildung. Zum Beispiel haben wir gemeinsam mit meiner Kollegin einen Workshop zum Thema Storytelling durchgeführt.

Hast du auch ein Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?

Vor ein paar Wochen haben wir einen Schreibworkshop mit der Bestsellerautorin Iris Wolff durchgeführt. Elf Schülerinnen waren dabei und sie ist auf jede Schülerin eingegangen. Das war eine wirklich schöne Erfahrung.

War das einer der Momente in deinem Leben, in denen du gesagt hast: „Genau deshalb mache ich diesen Beruf?”

Auf jeden Fall. Ich habe eben viel Kontakt mit den Jugendlichen und es gab einfach sehr viele schöne Augenblicke. Das galt auch für den Storytelling-Workshop. Am Ende des Workshops haben die Jugendlichen gefragt, ob sie uns umarmen können, weil sie gemeint haben, sie hätten einfach so eine schöne Zeit gehabt. Und solche Momente sind natürlich wichtig, weil man merkt, dass die Workshops, die man anbietet, die Jugendlichen erreichen.

Wie war dein erster Eindruck, als du nach Rumänien gekommen bist?

Vorher hatte ich keinen Bezug zu den Sathmarer Schwaben. Ich war auch zum ersten Mal in meinem Leben in Osteuropa, als ich nach Rumänien gezogen bin. Kennengelernt habe ich die Menschen zunächst in Interviews. Ich war sofort interessiert und wir sind schnell ins Gespräch gekommen. Mich interessieren die Geschichten hinter den Menschen. Ich wollte verstehen, was Schwäbischsein für die Jugendlichen bedeutet, welche Rolle ihre Familiengeschichte spielt und wie ihre Identität dadurch geprägt wird. Daraus ergaben sich immer neue Fragen. Deshalb bin ich auch sehr oft in die deutsche Schule mit ihren rund 900 Schülerinnen und Schülern gegangen und habe den Austausch gesucht.

Das klingt großartig. Aber wo ist der Haken?

Der Haken ist, dass es über die Sathmarer Schwaben noch immer zu wenig Literatur gibt. Wer heute in einer Buchhandlung nach Romanen oder anderen literarischen Werken Schwäbischer Autorinnen und Autoren aus Sathmar sucht, wird kaum fündig. Das finde ich sehr schade. Deshalb wünsche ich mir, dass künftig mehr Geschichten aus der Perspektive der Sathmarer Schwaben entstehen, nicht nur Sachbücher, sondern auch fiktionale Literatur. Mit unserem Mitmachbuch für Grundschulkinder machen wir bereits einen ersten Schritt. Es soll Kindern spielerisch zeigen, wer die Sathmarer Schwaben sind, woher sie stammen und welche Traditionen sie pflegen.

Man hört oft, Minderheiten müssten ihre Traditionen bewahren, aber darf sich eine Tradition auch verändern?

Ich denke schon. Traditionen verändern sich immer. Mit jeder Generation kommt etwas Neues hinzu. Es ist wichtig, die Tradition zu bewahren, aber nicht zu jedem Preis. Wenn junge Menschen das Gefühl haben, dass bestimmte Elemente nicht mehr zu ihnen passen, sollte dafür Raum sein. Wenn etwa ein Rock aus dem 19. Jahrhundert für junge Frauen heute keine Rolle mehr spielt und sie lieber eine Hose tragen möchten, sollte das möglich sein. Es geht nicht darum, Traditionen um jeden Preis unverändert zu bewahren, sondern ihnen Raum zu geben, sich mit neuen Generationen weiterzuentwickeln.

Wie lässt sich dieser Spagat schlagen?

Vor allem wenn wir jetzt über die Sathmarer Schwaben sprechen, ist es wichtig, die Traditionen beizubehalten, weil sie Erinnerungen und ein Gefühl der Zugehörigkeit schaffen. Gleichzeitig sollte man aber auch mit der Zeit gehen.

Wir haben viele Menschen, die teilweise ungarisch, teilweise rumänisch und teilweise schwäbisch sind. Deshalb sollte jeder seinen eigenen Mix finden und nicht nur strikt einer Identität folgen, sondern sie in ihrer ganzen Vielfalt leben.

Welche Rolle spielen die Beziehungen zwischen der Minderheit und der Mehrheit?

Es kommt natürlich darauf an, ob man die politische oder die kulturelle Ebene betrachtet. Im Kreismuseum Sathmar findet man die Sathmarer Schwaben in der Ausstellung nicht, obwohl sie die Stadt maßgeblich mitaufgebaut haben. Dass sie dort nicht vertreten sind, ist unglaublich tragisch und katastrophal.

Ich denke dabei oft an ein Gespräch mit einer 15-Jährigen zurück. Auf meine Frage, was es für sie bedeutet, schwäbisch zu sein, antwortete sie, dass ihr ihre schwäbische Identität sogar wichtiger sei als ihre ungarische. Sie hat Angst, dass sie sonst verloren geht. Das hat mich sehr beeindruckt.

Was müsste man deiner Meinung nach ändern, damit sich die deutsche Minderheit stärker vertreten fühlt?

Ich wünsche mir vor allem, dass ihre Geschichte stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt. Viele wissen kaum, was die Sathmarer Schwaben erlebt haben – von den Deportationen über die Zeit des Kommunismus bis hin zu den verschiedenen Formen der Diskriminierung. Diese Vergangenheit verdient mehr Aufmerksamkeit. Wenn sie sichtbarer wird und Menschen sich mit ihr auseinandersetzen, wächst auch das Verständnis für die deutsche Minderheit und ihren Platz in der Gesellschaft.

Die Sonderausstellung Everyday Danube
Elisa Vaughan beim Besuch der Ausstellung „Everyday Danube“ in der Slowakei.

Zum Schluss: Drei Worten, die deine Arbeit am besten beschreiben?

Vielseitig, spannend und abenteuerlich. Jeder Tag ist anders. Vor allem die Arbeit mit Kindern bringt ständig neue Begegnungen und Geschichten mit sich. Für mich ist vieles neu. Ich bin in einer Kleinstadt in Deutschland und teilweise in Dublin aufgewachsen und hatte zuvor keine Berührungspunkte mit den Traditionen der Sathmarer Schwaben. Deshalb birgt diese Arbeit jeden Tag eine neue Erfahrung.

Das Interview führte Róbert Čunderlík.