Mit dem ersten Licht des Tages

Rebeka Handulová ist 19, kommt aus Telgárt und wirkt, als hätte sie das Rezept fürs echte Leben längst gefunden. Sie besucht ein slowakisch-deutsches Gymnasium, trainiert Kickboxen, singt im Folklore-Ensemble ihres Heimatortes – und steht mit dem ersten Licht des Tages auf, um die Tiere zu versorgen. Während viele in ihrem Alter davon träumen, „endlich wegzukommen“, träumt sie davon, zu bleiben. Zwischen Stall und Schule, Tradition und Träumen, spricht sie mit uns über harte Arbeit, weiche Werte und die Kunst, tougher zu sein als die meisten Jungs.

Du bist mitten im Abiturjahrgang – Stress, Vorfreude, Chaos? Wie fühlt sich diese Phase für dich an?

Ehrlich gesagt – schrecklich. (lacht) Es ist unglaublich viel Stoff. Ich mache ja zwei Abiture, das slowakische und das deutsche. Besonders Biologie ist intensiv und zusätzlich bereite ich mich auf die Aufnahmeprüfungen für die Veterinärmedizin vor. Ich hoffe einfach, dass alles gut geht – und dass ich’s überstehe. (lacht)

Warum hast du dich für Veterinärmedizin entschieden?

Ich wollte schon immer mit Tieren arbeiten. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Wir haben eine kleine Farm und das ist einfach meine Welt. Ich möchte selbstständig sein, nicht in einem 9-to-5-Job feststecken. Ich sehe mich nicht in einem Büro, sondern draußen, in Bewegung, mit den Händen in der Erde und den Tieren um mich herum. Das ist echtes Leben. Und das Schönste daran: Ich könnte in Telgárt bleiben.

Viele in deinem Alter zieht es eher in die Städte. Du dagegen willst dort bleiben, wo du aufgewachsen bist. Was bedeutet Telgárt für dich?

Alles. Wenn ich mit meinem Hund über die Wiese gehe oder im Winter im Schnee liege und in den Himmel schaue, bin ich einfach glücklich. Telgárt ist mein Zuhause – nirgends sonst finde ich so viel Ruhe. Ich kenne hier jeden Baum, jeden Weg, jede Stimme.

Das Landleben wird oft mit Klischees verbunden – Einsamkeit, harte Arbeit, Langeweile. Für dich scheint es genau das Gegenteil zu sein. Kannst du dir ein Leben in der Stadt überhaupt vorstellen?

Schwer! Auf die Uni in der Stadt freue ich mich ehrlich gesagt nicht besonders – aber es muss sein. Ich verstehe nicht, warum viele beim Gedanken an das Landleben in Panik geraten. Zwischen Beton zu leben, ist für mich keine große Sache – eher das Gegenteil von Freiheit. Hier gehe ich auf den Balkon, grüße die Kuh, frage sie, wie sie geschlafen hat, rede mit den Tieren. Wenn ich auf die Straße gehe, treffe ich Nachbarn, man redet miteinander. Das Leben ist hier vielleicht härter, aber die Menschen sind sich einfach näher.

Wie sieht bei euch auf dem Bauernhof ein ganz normaler Tag aus?

Ich habe nur einen Teil der Arbeit – wir helfen alle zusammen. Morgens gehe ich mit dem Hund, füttere die Hasen, reinige die Käfige, lasse die Hühner raus. Im Winter ist es schwieriger – mein Vater füttert das Vieh, man muss die Ställe sauber halten, den Tieren Futter und Wasser geben. Im Sommer müssen wir Zäune reparieren und manchmal reißen die Kühe aus. Dann laufen wir ihnen über drei Wiesen hinterher. Und du musst gehen – jeden Tag, ob du willst oder nicht. Keine Ausreden. Das erfordert viel Einsatz, aber es lohnt sich.

Was hat dich dieses Leben gelehrt, was anderen in deinem Alter vielleicht fehlt?

Auf jeden Fall Disziplin und Verantwortung. Und Ausdauer. Wenn man einen Bauernhof hat, kann man nicht einfach von einem Tag auf den anderen aufhören. Und so sehe ich auch das Leben: Wenn man etwas hat, soll man es pflegen und nicht beim ersten Misserfolg aufgeben. Das gilt für Tiere genauso wie für Beziehungen, Freundschaften oder Träume.

Deine Heimat prägt dich stark – auch durch die Musik und die Traditionen. Welche Rolle spielt Folklore in deinem Leben?

Meine ganze Familie ist folkloristisch geprägt – für mich ist das etwas, das mich wirklich ausmacht. Unser Ensemble in Telgárt ist kein professionelles, sondern ein lokales, mit Menschen, die hier leben oder aufgewachsen sind. Für uns ist Folklore etwas sehr Persönliches, etwas, das man lebt, nicht nur aufführt. Kein Kunstprodukt, keine einstudierte Show. Es ist echt – unsere Lieder, unsere Sprache, unsere Geschichte. Auch dank unseres Dialekts, den wir hier noch sprechen. Leider ist das längst nicht mehr überall selbstverständlich.

Hast du das Gefühl, dass junge Menschen ihre Traditionen zu wenig pflegen?

Ja, auf jeden Fall. Wir wissen oft gar nicht zu schätzen, was wir haben – und wie schwierig es ist, Bräuche wirklich authentisch zu erhalten. Natürlich ist es schön, wenn professionelle Ensembles alte Lieder, Tänze und Rituale übernehmen, aber fast nie gelingt es, das Echte und Ursprüngliche weiterzugeben. Traditionen sind wie feine Fäden – wenn man sie nicht weiterknüpft, reißen sie einfach. Und wenn so viele junge Menschen wegziehen – wer soll sie dann weitertragen?

Deine Familie wirkt sehr eng – das merkt man sofort, wenn man euch zusammen sieht. Was haben dir deine Eltern beigebracht, was du später einmal weitergeben möchtest?

Dass Familie an erster Stelle steht. Auch wenn wir nicht immer viel hatten, haben meine Eltern uns alles ermöglicht. Es war manchmal streng, aber es hat mich stark gemacht. Meine Mutter ist mein engster Mensch – sie hat mir Liebe zur Familie, zur Natur, zum Glauben und zur Folklore vermittelt. Das möchte ich eines Tages weitergeben.

Neben Familie und Folklore spielt auch Sport eine wichtige Rolle in deinem Leben – und zwar kein ganz typischer. Wie bist du zum Kickboxen gekommen?

Mich haben schon immer härtere Sportarten interessiert. Vorher habe ich jahrelang Gymnastik gemacht und Kickboxen kam dann irgendwie zufällig. Ich wollte vielleicht auch beweisen, dass ich tougher bin als viele Männer. (lacht) Ich mag das Gefühl, mich selbst zu überwinden. Wenn man im Kampf am Limit ist, muss man irgendwoher noch Kraft holen. Das brauche ich wohl in allem, was ich mache. Im Januar sind es drei Jahre, seit ich angefangen habe.

Bei den slowakischen Meisterschaften hast du in den Disziplinen Low kick und K-1 den zweiten Platz geholt. Wie gehst du mit Niederlagen um?

Viele geben nach der ersten Niederlage auf, aber man muss diese Phasen durchmachen, um später gewinnen zu können. Warum sollte man siegen, wenn man sich noch nicht weiterentwickelt hat? Man muss sich aufraffen und härter arbeiten. Und das gilt nicht nur fürs Kickboxen.

Wurde dir schon gesagt, dass Kickboxen „nicht weiblich“ sei?

Meistens von Männern. (lacht) Ich höre das oft, aber zum Glück habe ich viele Menschen um mich, die mich unterstützen – und das ist das, was zählt.

Vielleicht sagen sie das nur, weil sie Angst hätten, gegen dich K.O. zu gehen?

Daran habe ich gar nicht gedacht, aber vielleicht! Obwohl ich mich natürlich nicht einfach so aus Langeweile prügle.

Wenn wir schon bei Männern sind – was fehlt vielen heutigen Männern deiner Meinung nach?

Männlichkeit. (lacht) Natürlich nicht allen, aber viele verhalten sich wie übergroße Kinder. „Hotel Mama“ bis dreißig, Verantwortung gleich null. Sie wollen nur Spaß – das finde ich schade. Und manche sind inzwischen richtige Männchen – stehen eine Stunde im Bad, gelen sich die Haare und ich denke mir nur: Um Himmels Willen, ein Mann darf doch nicht länger im Bad sein als ich!

Und zum Schluss – unsere unerhörtste Frage: Du lebst zwischen Bergen, Tieren und Traditionen. Kann da ein Pumpkin Spice Latte überhaupt mithalten?

Ich habe es probiert, aber ehrlich gesagt – begeistert hat es mich nicht. Ich bleibe lieber bei Kaffee mit Milch. Oder mit frischer Luft, Sonnenaufgang und einer warmen Kuh im Stall – das ist mein echtes Morgenritual.

Das Gespräch führte Lucia Vlčeková.