Mit Kindern an das Massaker von Prerau erinnern

Mit Kindern an das Massaker von Prerau erinnern

„Erst aus der Erinnerung erwächst Verantwortung und aus Verantwortung entsteht Zukunft“. Mit diesem Leitgedanken des Präsidenten des Bundes der Vertriebene Stephan Mayer, Mitglied des Bundestages, versuche ich seit meiner Emeritierung (1997) als Karpatendeutscher Brücken zu schlagen zwischen Erlebnis- und Bekenntnisgeneration.

Als Vertriebener, der mit zehn Jahren sein geliebtes Schwedler/Švedlár verlassen musste, erinnere ich mit Kindern an das grausame und gefühllose Verbrechen an 267 unschuldigen Menschen, die vor 81 Jahren in ihre Heimat zurückkehren wollten. Die Erinnerungskultur ist unserer gemeinsamen Verantwortung aufgegeben, um die wir uns in der Ortsgemeinschaft Schwedler des Karpatendeutschen Vereins bemühten: Im Geist des Friedens mit Kindern tätig sein. Dadurch kann der unvorstellbaren Gewalt, dem Kriegshass und der kalten Gleichgültigkeit geantwortet werden, die besonders heute weltweit zum versöhnenden Handeln herausfordern.

Kultur des Erinnerns pflegen

Die Erinnerungsarbeit in Schwedler, die ich als Mitglied der OG zusammen mit der Vorsitzenden der OG Schwedler Ing. Gabriela Ivančová, in vier einwöchigen Kultur- und Bildungsseminaren mit Kindern aus der Unterzips von 2011 bis 2014 durchführte, unterstützte dankenswerterweise der Freistaat Bayern aus Haushaltsmitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen.

Nach Kriegsende im Mai 1945 geschah viel in Schwedler, über das lange Zeit der Mantel des Schweigens gelegt wurde. Deshalb begannen wir Bildungsseminare mit Unterzipser Jugendlichen und Grundschulkindern in Schwedler zu veranstalten, zu denen wir Zeitzeugen einluden, die oftmals unter Tränen anfingen, über ihre seelischen Verletzungen zu berichten.

Mit Kindern an die Tragödie von Prerau erinnern

Beim Kultur- und Bildungsseminar „In deutscher Sprache Heimat erleben“ mit Grundschulkindern aus der Unterzips (8. Juli 2013 – 13. Juli 2013) in der Begegnungsstätte der OG Schwedler des KDV fuhren wir (26 Kinder und 8 Erwachsene) mit einem Bus nach Dobschau/Dobšina, um mit ihnen an die Tragödie von Prerau/Přerov zu erinnern.

Nach dem Besuch des so liebevoll gestalteten und sehenswerten Bergbaumuseums führte uns der Weg in die Evangelische Kirche in Dobschau. Dort wurde am 25. Juni 1995 in einem feierlichen Gottesdienst die Gedenktafel zur Erinnerung an 110 Dobschauer enthüllt. Der Text in deutscher Sprache lautet: „Zum Andenken an die 110 Opfer aus Dobschau, die an der Schwedenschanze bei Prerau ermordet wurden.“ 

Wir erinnerten vor der Gedenktafel an die Dobschauer Opfer und alle 267 in Prerau ermordeten Karpatendeutschen. 78 Kinder (das Jüngste war 6 Monate alt), 120 Frauen (die Älteste war 90 Jahre alt) und 69 überwiegend ältere und nicht wehrdienstfähige Männer waren damals, sechs Wochen nach Kriegsende, zurück in ihre Heimat gefahren und wurden in der Nacht vom 18. auf den 19. Juni 1945 durch Soldaten des 17. Infanterieregiments aus Pressburg-Engerau erschossen.

Die Kinder hörten besonders den Worten von Frau Gömöryová, die ihre Familienangehörigen aus Dobschau an den Schwedenschanzen bei Prerau verloren hatte, aufmerksam zu. Ihre tiefen aus dem Herzen kommenden Worte über die Prerauer Gräueltat hatte die Kinder innerlich ergriffen. Sie fragten uns in der Kirche: Wie können Menschen so etwas nur machen? Wie konnte das passieren? Wir verharrten mit ihnen schweigend im Gebet. Diese Erfahrungen dürften in den Kindern lebendig bleiben und ihre Identität stärken.

Mit der Kraft der Liebe gestalten

Erinnern kann den Menschen die Kraft geben, dass derartige grauenhafte Taten nicht mehr geschehen und Versöhnung gelebt wird. Ich denke an einen ökumenischen Gottesdienst in Prerau im Jahr 1995, bei dem Pfarrer Andreas Metzl von der Botschaft der Versöhnung sprach, die der innerste Antrieb des Christen ist. Versöhnung leugnet oder bagatellisiert nicht die Schuld, sondern nimmt die Schuld ernst und überwindet sie durch die Kraft der Nächstenliebe, die uns die beiden Glocken zeigen.

Bei der Weihe der Versöhnungsglocken in Prerau
Bei der Weihe der Versöhnungsglocken in Prerau

Seit 2025 läuten die Glocken der Versöhnung am Turm der Sankt-Laurentius-Kirche in Prerau. An der großen Glocke, der Johannes Paul der II.-Glocke, sind die Namen der Familien der Opfer des Massakers verewigt und auch der Gemeinden, aus denen sie stammen. Die zweite Glocke trägt den Namen Franz von Assisi. Franziskus lebte nach dem Vorbild Jesu Christi. Seine geistige Haltung verstehe ich als eine stabile Brücke für eine friedliche Gestaltung des gemeinsamen Hauses Europa.

Fazit im Hinblick auf konkretes Handeln

Pflegen der Erinnerungskultur und Brücken schlagen zwischen der Erlebnis- und Bekenntnisgeneration ist der Politik und Pädagogik aufgegeben. Dies liegt Stephan Mayer (Präsident des BdV) und uns am Herzen.

Wir ermöglichten beim zeitaufwendigen Kultur- und Bildungsseminar der OG Schwedler den Kindern in der Tiefe ihres Herzens das Unbegreifliche mitzuerleben: Sie machten lebensbedeutsame Erfahrungen, die im Bewusstsein und in den Beziehungen der Menschen untereinander zu verorten sind. Unser Bemühen ermöglicht den Kindern das Stärken ihrer Identität, das gerade in unruhigen Zeiten geboten ist.

Prof. Dr. Ferdinand Klein