Kultur- und Begegnungsfest 2025

Mit Kindern Erinnerungskultur pflegen

Die von Lucia Vlčeková und Mgr. Juliana Pálešová bildreich gestalteten Beiträge im Karpatenblatt 07/2025 zum Kultur- und Begegnungsfest in Kesmark/Kežmarok zeigen: Kinder und Erwachsene gestalten singend und tanzend in rhythmischen Bewegungen eine Welt der Freude, die im Menschsein zu finden ist und auf die uns der Neurowissenschaftler Gerald Hüther aufmerksam macht. Im fröhlichen Gestalten liegt eine Kraft, die Erinnerungen Raum“ gibt, in denen „Menschen einander näherkommen“.

Diese Erinnerungskultur heißt „nicht nur, das Vergangene zu bewahren, sondern es weitergeben – leise, von Herz zu Herz, damit es nicht im Gestern hängen bleibt, sondern in uns weiterlebt“, dem Machen die Stirn bietet und so auf die Zeitsituation durch ein fröhlich-schöpferisches künstlerisches Gestalten antwortet.

Aspekte zur Zeitsituation

Heute dominiert im gesellschaftlichen Leben und in den Sozialwissenschaften ein technokratisch-ökonomisches Menschenbild, das für das spätere Weiterkommen nützlich sein soll und als Kompetenzförderung gefordert wird. Hier werden lebendige Beziehungszusammenhänge auf messbare Fakten reduziert, die man analysieren und kategorisieren kann und den subjektiven Sinn des Handelns weitgehend ignorieren. Dadurch blendet man schon im Ansatz Gefühl und Wille des individuellen Menschen aus.

Diese Praxis der Starken ist mit Eile verbunden und der feinfühlenden Herzensbildung fehlend, die gerade unsere Zeit braucht. Besonders Kinder benötigen ein Wissen und Können, ein Denken, Fühlen und Wollen, das ihnen hilft, im Leben selbst Orientierung zu finden, zufrieden und glücklich zu sein. Wie können wir ihnen diese schöpferische Selbstbildung ermöglichen?

Hilfreiche Impulse

Für den führenden Neurobiologen Gerald Hüther, Gründer der Akademie für Potenzialentfaltung ist dem Menschen Gelegenheit zu geben, dass er seine Entwicklungsmöglichkeiten von Anfang an bis zum Lebensende selbst ausbilden kann.

Gerald Hüther
Gerald Hüther, geb. 1951 (Foto: www.gerald-huether.de)

Hüther und das Team der Akademie gehen von der Grundüberzeugung aus, dass die volle Potenzialentfaltung der Menschen nur dann möglich ist, wenn sie sich einander als Subjekte begegnen, sich also nicht gegenseitig zu Objekten ihrer Bewertungen, Erwartungen, Interessen oder Maßnahmen machen.

Die Hochschule für Potenzialentfaltung breitet sich inzwischen auf den gesamten deutschsprachigen Raum aus. Sie bildet in kleinen und größeren Lebenseinheiten eine einladende Gemeinschaft des friedlichen Zusammenlebens.

Das Forscherteam erkennt, dass

  • im Grunde alle Menschen versuchen, ihr Leben mit anderen so zu gestalten, dass sie glücklich sind.
  • unser Leben kein Zustand, sondern ein Entwicklungsprozess ist und deshalb kein Mensch glücklich sein kann, wenn er sich nicht selbst weiterentwickelt.
  • das in jedem Menschen angelegte Entwicklungspotenzial weitaus größer ist als die Fähigkeiten, die sie sich in ihrer Lebenswelt bisher anzueignen imstande waren.
  • kein Mensch in der Lage ist, die in ihm angelegten Potentiale allein, also ohne andere Menschen, zu entfalten.
  • die Mitglieder einer Gemeinschaft oder Gruppe jederzeit in der Lage sind, ihr Zusammenleben so zu wandeln, dass die Entwicklung der in ihnen angelegten Potentiale nicht länger unterdrückt wird.
  • qualitativ herausragende, kreative und innovative Leistungen nur von Lebens- und Arbeitsgemeinschaften erbracht werden können, deren Mitglieder einander dazu einladen zu ermutigen und zu inspirieren.

Wir erkennen

Die Akademie für Potenzialentfaltung handelt gegen das heute dominierende Dogma„Survival of the Fittest“ und spricht von einer Orientierung an „unseren Eltern und Großeltern“. Sie waren imstande menschlicher, verantwortungsbewusster, achtsamer, weitsichtiger und vor allem liebevoller“ miteinander umzugehen.

Nach Hüthers Erkenntnissen ist das menschliche Gehirn von Anfang an enorm offen, grundsätzlich bis ins hohe Alter: Die in der inneren Organisation des Gehirns angelegte Freude am eigenen Entdecken und gemeinsamen sinnstiftenden Gestalten bleibt grundsätzlich erhalten. Es gibt Menschen, die deshalb arbeiten, weil sie gerne tätig sind. Ihnen geht es nicht darum eine höhere Position in der Karriereleiter zu erreichen, sondern um Freude am schöpferischen Tun.

Geboten ist ein Zurück zu den schöpferischen Wurzeln, zum Verstehen des individuellen Menschen, damit er zusammen mit anderen wachsen, spielen und lernen kann. Hier wird im schöpferischen rhythmischen Gestalten eine Kultur des Erinnerns gepflegt, die uns die beiden Beiträge zum Kultur- und Begegnungsfest in Kesmark ans Herz legen. Hier verbinden sich Kinder und Erwachsene und gestalten ein fröhliches Miteinander, das Zukunft verheißt und der Macht des Bösen aus ihren veranlagten Kräften die Stirn bieten.

Und ich frage: Sind nicht gerade Kinder, die aus ihren tief veranlagten rhythmisch-musikalischen Kräften heraus eine Welt im fröhlichen Miteinander gestalten wollen, die Lehrmeister der älteren/alten Menschen? Hier verbinden sich Menschen und gestalten aus ihren ursprünglichen Fähigkeiten heraus eine Welt der Freude, Hoffnung und Zuversicht. Dem kann nur der widersprechen, der den anderen Menschen durch die Macht des Wortes beherrschen will. Bleiben wir miteinander mit Herzenskraft und sozialer Kompetenz auf dem Weg, denn diese Herzensbildung ist mehr als Wissen. Pflegen wir diese Erinnerungskultur, dann können wir sagen: Im Herzen sich miteinander finden heißt Menschen über alle äußeren Grenzen hinweg verbinden.

Prof. Dr. Ferdinand Klein