Evakuierung der Deutschen aus der Slowakei

Neuerscheinung zur Evakuierung der Deutschen aus der Slowakei

„Evakuierung der Deutschen aus der Slowakei 1944/45. Verlauf, Kontext, Folgen“ lautet der Titel einer neuen Publikation von Martin Zückert, Michal Schvarc und Martina Fiamová. Sie umfasst fast 300 Seiten und wurde vor kurzem vom Slowakischen Nationalmuseum – Museum der Kultur der Karpatendeutschen auf Slowakisch herausgegeben.

Die vom SNM – Museum der Kultur der Karpatendeutschen im Rahmen der Reihe „Acta Carpatho-Germanica“ als 24. Band herausgegebene Publikation ist aufgrund der Aktualität des Themas Migration und Flucht aus durch Kriege bedrohten Gebieten von gesellschaftlicher Bedeutung. Daher ist die Absicht der Autoren zu würdigen, sich den betreffenden Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu widmen. In dem behandelten Forschungsfeld ist die vorgelegte Arbeit auf sehr wertvolle und der Öffentlichkeit bislang wenig bekannte Tatsachen ausgerichtet. Sie bietet zweifellos ein geschlossenes Bild der Problematik sowohl aus historisch-geografischen Zusammenhängen als auch aus gesellschaftlichen und sozialen Aspekten.

Wie die Autoren betonen, besteht das Ziel der Publikation darin, „am Beispiel der Evakuierung der Deutschen aus der Slowakei die Zusammenhänge und den Einfluss zwischen der Flucht der deutschen Bevölkerung und den Verhältnissen im Land selbst zu untersuchen, wo gleichzeitig hunderttausende Slowaken migrierten und weitere flüchtende Gruppen ankamen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Frage, inwieweit die nationalsozialistische Nationalitätenpolitik und die Kampfhandlungen der deutschen Armee im letzten Kriegsjahr die Flucht und Evakuierung der Zivilbevölkerung beeinflussten.“

Die Publikation ist in drei Hauptkapitel gegliedert, denen eine umfangreiche Einleitung vorangestellt ist. Die einzelnen Kapitel sind wiederum in Unterkapitel unterteilt. Die Autoren stützen sich auf umfangreiche und präzise Forschungen in Archiven in der Slowakei, in Tschechien, Deutschland und Österreich, wovon die Auflistung der Archivquellen und der verwendeten Literatur zeugt.

In der Einleitung bietet Martin Zückert dem Leser einen Blick auf die gesamte Problematik, die Dimensionen und den Kontext der Evakuierungsmaßnahmen, die Komplexität der Situation sowie des gesamten Prozesses, der in der ganzen Region Mitteleuropas in seiner Gesamtheit und Vielschichtigkeit ablief, mit dem Ziel, die Evakuierungen auf dem Gebiet der Slowakei in den Jahren 1944 und 1945 in einen größeren historischen Rahmen einzuordnen und sie im Kontext der slowakischen Geschichte und der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs wahrzunehmen.

Das erste Kapitel, verfasst von Michal Schvarc, beginnt mit der Geschichte der Karpatendeutschen im 1939 ausgerufenen Slowakischen Staat. Er beschreibt das Bestreben der Deutschen Partei unter der Hegemonie des nationalsozialistischen Deutschlands, die Deutschen im Land zu einen. Daran schließt sich die Darstellung der Ereignisse ab Sommer 1944 an, als deutsche Einheiten die Slowakei besetzten. Es folgt die Einordnung der Evakuierung der deutschen Bevölkerung aus Mittelost- und Südosteuropa in den Kontext der nationalsozialistischen Nationalitäten- und Umsiedlungspolitik sowie ein vergleichender Blick auf die Evakuierung der Deutschen aus der Slowakei. Die Darstellung der Evakuierung stützt sich auf umfangreiche Quellenstudien, wobei auch regionale Unterschiede berücksichtigt werden. Schließlich skizziert er die Bedingungen der Evakuierten im Deutschen Reich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Zum Schluss befasst er sich mit der rechtlichen Aufarbeitung dieser Ereignisse am Kriegsende und mit deren Untersuchung nach 1945 im Kontext von Kriegsverbrechen, da sich unter den Evakuierten und Flüchtlingen auch Täter befanden, insbesondere was die Verfolgung der jüdischen Bevölkerungsgruppe betrifft.

Martina Fiamová widmet sich im zweiten Kapitel den Evakuierungsmaßnahmen des Slowakischen Staates im Kontext der Einordnung der Ereignisse der Jahre 1944/45 in die weiteren Zusammenhänge der politischen Entwicklung in der Slowakischen Republik. Es folgt eine Analyse des rechtlichen Rahmens der Evakuierungen sowie der ersten organisatorischen und praktischen Schritte. Sie beschreibt die Situation der ankommenden Flüchtlinge in der Slowakei sowie die Evakuierung der Slowaken aus Polen, bedingt durch den Warschauer Aufstand. Von Schlüsselbedeutung für das Thema ist die Darstellung der Evakuierung ab Sommer 1944, bei der es nicht nur um den Schutz der Bevölkerung, sondern auch um die Sicherung materieller Güter ging. Das Kapitel endet mit einem Blick auf das Verhalten der Exponenten des Slowakischen Staates und der regimenahen Gruppen, die kurz vor Kriegsende nach Westen flohen.

Im abschließenden dritten Kapitel widmet sich Martin Zückert der Frage, inwieweit die Evakuierungen die Separierung oder Verfolgung von Individuen oder Gruppen ermöglichten. Außerdem befasst er sich mit den Folgen der doppelten Evakuierung – also die Maßnahmen der deutschen Behörden gegenüber der deutschen Bevölkerung in der Slowakei und die Räumung von Gebieten durch den Slowakischen Staat – unter den Bedingungen der multiethnischen und konfessionell vielfältigen Slowakei. Schließlich behandelt er auch die Frage des Erinnerns an den Evakuierungsprozess in der Bundesrepublik Deutschland und in der Slowakei.

Rastislav Filo/Red