Noch Studentin. Schon Lehrerin.
Mit 21 beschäftigen sich die meisten Menschen mit Prüfungen, Abgabefristen und der Frage, was danach kommt. Vor einer Klasse zu stehen, Verantwortung zu übernehmen und Autorität auszustrahlen gehört da normalerweise nicht dazu.
Lenka Korenková ist 21 Jahre alt und studiert Lehramt für Informatik und Mathematik an der Comenius-Universität in Pressburg/Bratislava. Während sie selbst noch Studentin ist, unterrichtet sie bereits an einer berufsbildenden Schule. Dass sie heute unterrichtet, war aber lange alles andere als selbstverständlich.
Im Gespräch erfahren Sie:
- warum ihr Traum vom Unterrichten beinahe früh geplatzt wäre,
- wie es sich anfühlt, Schüler zu unterrichten, die nur wenige Jahre jünger sind als man selbst,
- wie sich Uni-Leben und Lehrerrolle gegenseitig beeinflussen
- und warum gute Lehrer keine perfekten Menschen sind.
Du hast dich für ein Lehramtsstudium entschieden – einen Beruf, der oft kritisiert, unterschätzt und ständig hinterfragt wird. Warum Unterrichten? Warum gerade dieser Weg?
Manchmal frage ich mich das selbst. (lacht) Aber ehrlich gesagt, wusste ich das sehr früh. Schon in der Grundschule war für mich klar, dass ich unterrichten möchte. Nicht wegen eines idealisierten Berufsbildes, sondern weil es sich richtig angefühlt hat, Dinge zu erklären, Strukturen zu schaffen und Zusammenhänge verständlich zu machen. Damals habe ich mir den Kindergarten vorgestellt. Heute unterrichte ich an einer berufsbildenden Schule. Der Rahmen hat sich verändert, die Motivation nicht.
Dein Weg ins Lehramt war jedoch alles andere als geradlinig. An einem Punkt wurde er sogar grundsätzlich infrage gestellt, oder?
Ja, und zwar sehr deutlich. Ich wollte ursprünglich an eine pädagogische Fachschule wechseln. Als unsere Bildungsberaterin erfahren hat, dass ich aufgrund von Dyslexie und Dysgraphie offizielle Nachteilsausgleichsnachweise hatte, war das Gespräch praktisch beendet.
Es ging nicht um meine Noten. Nicht um meine Motivation. Allein diese Dokumentation hätte gereicht, damit meine Bewerbung nicht einmal angenommen worden wäre. Über meine Fähigkeiten wurde gar nicht gesprochen – nur über das, was auf dem Papier stand. Das war keine offene Diskussion, sondern eine klare Grenze.
Wie hat sich diese Situation für dich angefühlt?
Endgültig. Und das war schrecklich, wirklich schrecklich. Man weiß ganz genau, wer man sein will. Man sieht sich selbst schon dort. Und dann sagt jemand plötzlich: “Nein, geht nicht.” Das hat mich sehr getroffen.


Und trotzdem hast du deinen Weg ins Lehramt gefunden. Hast du dich während des Studiums je benachteiligt gefühlt aufgrund der Dyslexie und Dysgraphie?
So sehe ich das nicht. Nachdem der erste Schock vorbei war, habe ich viel an mir gearbeitet. Ich habe mehr gelesen, mehr geübt, mich selbst gefordert. Das hat Zeit und Energie gekostet, aber ich glaube, wenn man etwas wirklich will und hartnäckig genug ist, kann man sehr viel erreichen. Von den vier Dokumenten, die ich ursprünglich hatte, ist nur noch eines übrig geblieben – und das nutze ich nicht einmal. Ich habe nicht das Gefühl, es zu brauchen. Diese Papiere definieren mich nicht.
Du studierst Informatik und Mathematik – zwei Fächer, die nicht gerade zu den beliebtesten gehören. Warum diese Kombination?
Zum Teil war das eine pragmatische Entscheidung. Ich habe eine Handelsakademie besucht, dadurch waren viele Fächer automatisch ausgeschlossen. Mathematik war das Fach, das mir am nächsten lag – logisch, klar, verlässlich. Danach habe ich überlegt, welches zweite Fach sinnvoll dazu passt. Ich habe alles gestrichen, was mich nicht interessiert hat oder mich unnötig überfordert hätte. Informatik blieb übrig. Und das hat gepasst.
Du unterrichtest Schüler, die nur wenige Jahre jünger sind als du selbst. War das anfangs einschüchternd?
Sehr. (lacht) Ein paar Tage vor meiner ersten Stunde war mir richtig schlecht. Der Altersunterschied beträgt vielleicht vier oder fünf Jahre. Meine Schüler sind im Grunde so alt wie meine jüngeren Geschwister. Plötzlich soll man führen, Grenzen setzen und ernst genommen werden. Ich habe deshalb sehr bewusst über Distanz nachgedacht – vor allem über die Frage, ob man siezt oder duzt. Ich habe mich für das Siezen entschieden. Diese Grenze war für mich notwendig.
Ist es als junge Frau schwieriger, diese Autorität durchzusetzen?
Ich glaube schon. Meiner Erfahrung nach wird männlichen Lehrern Autorität oft automatisch zugeschrieben. Frauen müssen sie sich erst erarbeiten. Es wird mehr getestet, mehr hinterfragt, häufiger ausgelotet, wie weit man gehen kann. Respekt entsteht nicht von selbst. Man muss ihn sich aktiv aufbauen.
Haben die Schüler deine Grenzen getestet?
Am Anfang ja. Sie haben auch nach meinem Instagram-Profil gefragt. Aber damit habe ich gerechnet. Schon bevor ich zu unterrichten begann, habe ich alles gelöscht, was man als weniger repräsentativ sehen könnte. Alle meine Accounts sind privat. Als sie gefragt haben, ob ich sie als Follower annehme, habe ich gesagt: vielleicht nach dem Abitur. Es gibt Dinge, die sie nicht wissen müssen.


Zum Beispiel?
Da komme ich wohl nicht drum herum, oder? (lacht) Sie müssen nicht sehen, dass ihre Lehrerin am Abend mit Uni-Freunden auf einer Party war und am nächsten Morgen konzentriert vor ihnen steht – nach zwei Stunden Schlaf, angetrieben von Koffein, Disziplin und Adrenalin. Das müssen sie wirklich nicht wissen.
Du wechselst täglich die Rolle: Lehrerin am Vormittag, Studentin am Nachmittag. Wie verändert das deinen Blick auf Bildung?
Er wird realistischer. Ich verstehe Lehrer heute viel besser. Ich weiß, wie es ist, vor einer Klasse zu stehen und eine Frage zu stellen, auf die niemand antwortet. Ich weiß, was einem in solchen Momenten durch den Kopf geht.
Gleichzeitig fällt es mir schwerer, Lehrer als unantastbare Autorität zu sehen – vor allem, wenn sie anfangen zu moralisieren. Und das Lustige ist: Mir ist vollkommen klar, dass ich als Lehrerin wahrscheinlich genauso handeln würde. Ich würde auch moralisieren. Und als Studentin würde ich genauso reagieren wie andere Studierende. Ich sehe beide Seiten sehr deutlich.
Es gibt diese alte Vorstellung, dass Lehrer fehlerlos sein müssen – immer vorbereitet, immer souverän, immer mit der richtigen Antwort. Glaubst du daran?
Nein, ganz sicher nicht. Natürlich gibt es Lehrer, die fachlich extrem stark sind, echte Experten, vor allem an Universitäten. Manche betreten einen Hörsaal und können jedes Thema scheinbar mühelos erklären. Das bewundere ich. Aber diese Vorstellung von permanenter Kontrolle und Fehlerlosigkeit ist irreführend. Unterricht ist nicht perfekt. Lehrer sind keine Maschinen. Wir haben auch schlechte Tage. Wir sind müde. Wir bringen Dinge mit, die nichts mit Schule zu tun haben. Problematisch wird es dann, wenn man so tut, als dürfte all das nicht existieren.
Studierende, die bereits unterrichten, werden oft kritisch gesehen. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Ich glaube, vieles davon kommt aus Unsicherheit. Es gibt sehr feste Vorstellungen davon, wie ein Lehrer zu sein hat – und wer diese Rolle „schon“ einnehmen darf. Aber ehrlich gesagt: Nichts bereitet einen besser auf das Unterrichten vor als das Unterrichten selbst. Theorie ist wichtig, aber sie ersetzt keine reale Situation. Keine Klasse. Keine Dynamik. Und wenn man gute Kollegen hat – so wie ich – lernt man unglaublich viel.


Du hältst es also nicht für falsch, schon im Bachelor zu unterrichten?
Nein. Wenn jemand unterrichten will, sich bereit fühlt und die grundlegenden pädagogischen Voraussetzungen mitbringt, sehe ich keinen Grund zu warten. Auch ein Lehrer mit vierzigJahren Berufserfahrung kann schlecht unterrichten. Alter allein macht niemanden gut.
Was macht für dich einen guten Lehrer aus?
Das ist eine schwierige Frage, weil es keine eindeutige Antwort gibt. Jeder Schüler braucht etwas anderes. Es gibt kein Universalrezept. Unterricht hängt stark von der Persönlichkeit ab. Ein introvertierter Mensch wird kein lauter Entertainer und das ist auch nicht notwendig. Was wirklich zählt, ist Empathie. Die Fähigkeit, die Perspektive der Schüler einzunehmen, Zusammenhänge zu erkennen und Dinge, die nicht wesentlich sind, nicht zu überdramatisieren.
Schüler erinnern sich selten an Inhalte, sondern daran, wie sie sich im Unterricht gefühlt haben. Diese Momente bleiben. Und genau dort wird Unterrichten heikel – denn ein Lehrer kann prägen, aber auch entmutigen. Manchmal, ohne es zu merken. Deshalb ist Unterrichten eine extreme Herausforderung. Um es gut zu machen, muss man mit sich selbst im Reinen sein.
Wo liegt also die eigentliche Macht eines Lehrers?
In den kleinen, menschlichen Momenten. Wenn ein Schüler sagt: „Ich hasse Mathe“, und am Ende des Jahres sagt er immer noch nicht, dass er es liebt – aber: „Okay, es hat zumindest Sinn ergeben“ – dann ist das enorm viel. Denn mit jeder Stunde kann man die Begeisterung für ein Fach wecken oder für immer ersticken.
Und eine letzte, sehr wichtige Frage: Pumpkin Spice Latte oder normaler Kaffee?
Normaler Kaffee. Ich bin Studentin und Lehrerin – für saisonale Stimmungen bleibt keine Zeit.
Das Gespräch führte Lucia Vlčeková.
