In memoriam des Schuldirektors Otto Bruckner
In der Familienforschung stößt man nicht nur auf Namen und Spuren seiner Ahnen. Wie sich herausstellte, war der Schuldirektor meiner Großtante Emma ein bedeutender Förderer des Kesmarker Schulwesens.
Durch die Neugierde auf ihr Leben und ihre Zeit erfuhr ich anhand des Fotos ihres Schulausweises mehr über ihre Schule sowie ihren Schuldirektor. Ein regelrechter Wegweiser zu weiteren Informationen fand sich auf diesem Foto.

Die alten Zeilen auf dem Foto lauten: „Diese Fotographie ist mit Emma Hecht, Schülerin der 1. Bürgerklasse, identisch. Kesmark, den 9. Jänner 1920. Bruckner, Direktor.“
Im Internet suchte ich nach „Bürgerschule“ und „Direktor Bruckner Kesmark“. Tatsächlich fand sich auf der slowakischen Webseite des Kesmarker Museums ein interessanter Artikel über ihn.
Zur Bürgerschule erfuhr ich, dass sie einen mittleren Bildungsweg darstellte. Sie war eine städtische Pflichtschulvariante mit höherem Bildungsangebot. Zusätzlich fanden sich in der Karpathen-Post zahlreiche informative und würdigende Artikel nicht nur über sein Wirken an der evangelischen Mädchenbürger- und Volksschule in Kesmark.
Ein wahrlich großer Förderer
Otto Bruckner (*5. Oktober 1875 in Oberschützen, Kaisertum Österreich; †12. August 1965 in Kesmark/Kežmarok, ČSSR) war weit mehr als ein guter Pädagoge und Schuldirektor. Vor allem die Bildung der Mädchen lag ihm sehr am Herzen.


evangelischen Mädchenbürgerschule und evangelischen Volksschule in Kesmark. (Foto: Museum Kesmark)
Damals konnte man noch von einer – mit deutscher Unterrichtssprache – geradezu „internationalen“ Schule sprechen, denn in der Zips lebten seit jeher verschiedene Nationalitäten.
Laut Bruckner hatte die Evangelische Bürgerschule im Jahre 1927: „209 Schülerinnen mit zusätzlich 34 aus dem Handelskurs. Davon waren 113 evangelisch, 55 katholisch, 68 jüdisch, 214 deutsch, 4 slowakisch und 28 ungarisch. Davon kamen täglich 130 von außerhalb mit der Bahn zur Schule.“
Gegründet wurde die Schule 1895 auf Beschluss der Kesmarker evangelischen Kirchenversammlung. In der Zips war sie die zweite ihrer Art. 1905/06 wurde ein kaufmännischer Kurs für Mädchen und junge Frauen eingeführt. Otto Bruckner – dessen Bruder Karl Bruckner bereits vor ihm als Direktor in Kesmark tätig war – unterrichtete dort ab 1919. 1920 wurde er Direktor.
1930 führte er in den Räumen der Schule eine Berufsschule für Frauenberufe ein, mit Unterrichtsfächern wie Stenografie, Buchhaltung, Maschinenschreiben, Warenanalyse, Geschäftskorrespondenz, Gastronomie und Kochen auf dem Lehrplan.
Obgleich diese Schule in jenen Tagen die einzige ihrer Art in der Slowakei war, war er nicht zufrieden. Denn er beklagte, dass die körperliche Ertüchtigung leide, weil eine Turnhalle fehle. Auf seine Initiative hin erhielt die Schule 1932 einen eigenen Anbau für eine Turnhalle.
1936 ging Bruckner nach 38 Jahren Lehrertätigkeit in den Ruhestand. Zu diesem Anlass widmete ihm die Karpathen-Post in der Ausgabe vom 5. September einen ehrenden Bericht mit einer Länge von über einer Seite.
Dadurch erfuhr ich noch mehr über ihn. 1913 setzte er die Trennung der Bürgerschule von der Handelsschule (durch Bau eines eigenen Schulgebäudes) durch. Doch zogen 1914 in die Räume der neuen staatlichen Knabenbürgerschule, durch Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht die Schüler, sondern ein Kriegsspital des Roten Kreuzes ein. Als Reservist wurde Bruckner in den Kriegsdienst einberufen. Nach einigen Monaten wurde er jedoch als wirtschaftlicher Leiter des genannten Kriegsspitals zurückbestellt. So kam er seinem Dienst im Kriegsspital, aber auch dem als Lehrer seiner Schule nach, die durch den bedingten Lehrermangel sehr litt. Diese anstrengende doppelte Arbeitsbelastung meisterte er so gut, dass er für die ausgezeichnete Leitung des Kriegsspitals eine sehr hohe Auszeichnung erhielt.
Er war der Neubegründer des Zipser Deutschen Lehrervereins und führte diesen als langjähriger Obmann dem deutschen Lehrerbund der Republik zu. Auch war er Mitbegründer des Kesmarker Deutschen Bezirksbildungsausschusses, dem wohl ersten seiner Art in der Slowakei. Zudem war er Mitanreger von Landwirtschaftskursen in Kesmark. Vieles mehr hatte Otto Bruckner geleistet und bewirkt, jedoch ist der vorgegebene Rahmen viel zu klein, um all das an dieser Stelle aufführen zu können.
So mag es auch nicht verwundern, dass kurz nach seiner Pensionierung im September 1936 anlässlich der Jahresschau des Deutschen Bezirksbildungsausschusses Kesmark Bürgermeister Strobel im Namen der Kesmarker deutschen Bevölkerung an ihn das Ansuchen richtete, sein Ehrenamt im Bezirksbildungsausschuss beizubehalten. Denselben Antrag stellte im Namen der deutschen landwirtschaftlichen Bevölkerung der Oberzips der Sekretär des Zipser deutschen Bauernbundes Wilhelm Freyer.
Kurz vor seinem 90. Geburtstag wurde er 1965 in Kesmark von einem Auto angefahren und tödlich verletzt.
Dank und Lohn
Einmal mehr gelang es mit „nur“ einer Notiz auf einem alten Foto und ausgiebiger Suche, dank Archivierung und Forschung, nicht nur mehr über das Leben und die Zeit meiner Großtante zu erfahren, sondern auch über eine wichtige Persönlichkeit, die weit mehr als nur ihren Lebensweg kreuzte. Von der unermüdlichen Arbeit und den Mühen Otto Bruckners haben viele einstige Zipser Schülerinnen und Schüler profitiert. Dies spiegelt sich auch bei meiner Großtante wider, die in den 1930er Jahren als Gouvernante unter anderem in Donaufeldburg/Dunaföldvár in Ungarn tätig war.

Übersetzt: Nach- und Vorname: Hecht Emma
Staatsangehörigkeit: Tschechoslowakisch
Geburtsdatum: 28.03.1910
Geburtsort: Matheocz (Matzdorf)
Religion: evangelisch
Familienstand: Ledig
Beruf: Gouvernante
Genaue Adresse hier: Dunaföldvár (Donaufeldburg)
Gebührende Anerkennung
In der Zeit des Sozialismus geriet Otto Bruckner in Vergessenheit. Doch später erinnerte man sich wieder an ihn. Im Jahre 1997 wurde die „Hotelová akadémia Otta Brucknera Kežmarok“ (Hotelakademie Otto Bruckner Kesmark) nach ihm benannt. Sie war 1990 aus der ehemaligen evangelischen Mädchenbürgerschule hervorgegangen.
