Schätze bewahren, Wissen teilen: Das Digitale Forum Mittel- und Osteuropa und sein jüngstes Projekt
Ein Gesangbuch, das einer Frau auf der Flucht zum Familienstammbuch wird. Ein Zunftbuch, dessen Einband aus einem mittelalterlichen Choralpergament gefertigt wurde. Wanderbücher, die drei Generationen einer Pressburger Kupferschmiedefamilie auf ihrem Weg zum Meistertitel begleiteten. Dokumente wie diese sind es, die das Digitale Forum Mittel- und Osteuropa (DiFMOE) in seinem jüngsten Projekt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.
DiFMOE geht auf eine Mitte der 2000er Jahre in Pressburg/Bratislava geborene deutsch-slowakische Initiative zurück. 2008 institutionalisierte sich der Verein in München mit dem Ziel der Konservierung und digitalen Publizierung historischer deutsch- und mehrsprachiger Druckerzeugnisse des östlichen Europa. Heute zählt DiFMOE über 70 Kooperationspartner; seine frei zugängliche Digitale Bibliothek umfasst etwa 2,5 Millionen Seiten, darunter die Pressburger Zeitung (1764-1929), die Karpathen-Post (1880-1942) und die Kaschauer Zeitung (1838-1914).
Neue Schätze für die Digitale Bibliothek
Von Mai bis Dezember 2025 realisierte DiFMOE das Projekt „Digitales Kulturerbe: Präsentation und Zugang durch Innovation“, gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales über das Haus des Deutschen Ostens. Herzstück des karpatendeutschen Projektteils ist die neue Sammlung „Schätze des Karpatendeutschen Kulturwerks“, entstanden in enger Zusammenarbeit mit ihm. Die ausgewählten Dokumente sind in fünf Untersammlungen gegliedert: Alltagskultur und Vereinsleben, Geschichte und Erinnerung, Literatur und Sprache, Religiöses Leben sowie Handwerk und Zünfte.
Letztere dürfte viele Leserinnen und Leser besonders fesseln. Darunter finden sich die drei Wanderbücher der Kupferschmiedgesellen Schmidt aus Pressburg, die drei Generationen einer Handwerkerdynastie bezeugen: Carl Schmidt hält darin seine Wanderjahre 1838-1841 fest; ein Meister bescheinigt ihm im April 1839 – beglaubigt mit rotem Wachssiegel –, er habe 33 Wochen lang „treu und fleißig“ gearbeitet. Daneben stehen ein Zunftprivileg Kaiserin Maria Theresias für die Zipser Schneiderzunft (1777), die Chronik der Metzgerzunft von Leutschau (1650-1782) mit ihrem farbenprächtigen Wappen und das Schuhmacherzunftbuch aus Zipser Bela (1649-1689), dessen Einband aus einem wiederverwendeten mittelalterlichen Choralpergament noch heute Notenzeichen und lateinische Lettern zeigt – um nur einige der digitalisierten Stücke zu nennen.

Tief berührend ist ein Fund aus der Untersammlung „Geschichte und Erinnerung”: ein „Neuvermehrtes allgemeines Gesangbuch”, 1773 in Pressburg gedruckt. Darin beginnt die Autorin im Januar 1945 in einem Flüchtlingslager Geburts- und Sterbedaten ihrer Familienmitglieder festzuhalten, um sie über die Wirren der Flucht zu retten. Bis in die 1960er Jahre wurde die Chronik weitergeführt. Die Untersammlung „Literatur und Sprache“ bewahrt dagegen landschaftstypischen Humor u.a. in Eugen Binders „Ernst und Scherz fürs Zipser Herz” (1931) und Aurel Henschs in Zipser Mundart verfassten „Schmaläunes lustige Geschichten“ (1919).
![Erste Seite der Familienchronik, begonnen im Flüchtlingslager Gostau [?], Januar 1945. (Karpatendeutsches Kulturwerk / DiFMOE)](https://karpatenblatt.sk/wp-content/uploads/2026/06/difmoe2-674x1024.png)
Benesch, Grenzbote und deutschsprachige Judaika
Weitere Aufnahmen des Pressburger Fotografen Viktor Benesch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bereitgestellt vom Slowakischen Nationalmuseum – Museum der Kultur der Karpatendeutschen in Pressburg/Bratislava, ergänzen die bereits bestehende Sammlung seiner Werke – nach Pressburg diesmal mit Fokus auf Reisefotografie. Dank Georeferenzierung lassen sich die Bilder nun auch über die Kartenansicht der Digitalen Bibliothek aufrufen. Den Zeitungsbestand bereichern außerdem Jahrgänge des „Grenzboten: Deutsches Tagblatt für die Karpatenländer“ aus den 1940er Jahren, die ein Schlaglicht auf die auch im Slowakischen Staat gleichgeschaltete deutsche Presse der Kriegszeit werfen. Die Originale stellte das Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg bereit.
Aus der Israelischen Nationalbibliothek wurden deutschsprachige Judaika eingebunden – überwiegend handschriftliche Korrespondenzen zwischen Pressburg und Pest sowie Gemeindedokumente, die jüdisches Leben und jüdische Netzwerke im Raum Pressburg vom 19. Jahrhundert bis in die Zwischenkriegszeit beleuchten. Die Quellen belegen, wie selbstverständlich Deutsch als Schrift- und Verkehrssprache jüdischer Lebenswelten in der Region war.
Insgesamt wurden über 300 Dokumente und 25.000 Seiten verarbeitet. Darüber hinaus umfasste das Gesamtprojekt die technische Modernisierung der Digitalen Bibliothek, die Georeferenzierung von Bilddokumenten sowie die Integration von Gottschee-Fotografien aus dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München. Die Langzeitsicherung der Digitalisate übernimmt die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne.
Jan Schrastetter
