„Scrollen Sie! Ich schreibe Gedichte.“

Während andere nach dem Abi TikTok-Videos drehen oder auf Malle Cocktails schlürfen, veröffentlicht Dávid Dzimko mit zwanzig Jahren seinen ersten Gedichtband – über Regen, Schmerz und unerwiderte Liebe. Sensibel, unbequem ehrlich und eher im Hemd als im Hoodie zweifelt er offen an seiner Generation – und glaubt dennoch unbeirrbar an die Kraft der Sprache. Wir haben mit ihm gesprochen: über Wörter, Wut und warum er sich manchmal fühlt wie eine leuchtende Nadel im Heuhaufen.

Dávid, während andere in deinem Alter ihre Sommer-Playlists zusammenstellen, hast du gerade einen Gedichtband veröffentlicht. Warum ausgerechnet Lyrik?
Alles begann mit Wortexperimenten. Zuerst habe ich es mit Prosa versucht und ein Manuskript über die Liebe an einen Verlag geschickt – ohne Erfolg. Dann habe ich gemerkt, dass mir Lyrik viel mehr Freiheit lässt: für Gedanken, Form, Gefühl. Ich habe mich in der Lyrik einfach wiedergefunden.

„Spočítaj mi môj dážď“ – „Zähl für mich meinen Regen“, heißt dein Buch. Was steckt hinter diesem Titel?
Der Titel ist eine Metapher. Es geht um Tränen, Enttäuschung, Wut – und um eine Hoffnung, die aus zwei unerfüllten Lieben erwachsen ist. Am stärksten aber: das Weinen. Der Regen steht für Tränen und für die letzte, eigentlich unmögliche Bitte, jemand möge sie zählen.

Alle Gedichte wirken sehr persönlich. Schreibst du über dich selbst?
Die Gedichte erzählen keine klassische Geschichte, aber zusammen formen sie ein Bild aus Splittern meiner Wirklichkeit. Zwei Lieben, die offen blieben. Spuren, die sich nicht verwischen ließen. Vielleicht ist es eher ein leiser Schattenriss meines Inneren als eine Erzählung.

Viele sagen, man müsse viel erlebt haben, um schreiben zu können. Wie siehst du das?
Ich glaube das nicht. Kunst ist kein Handwerk, bei dem man besser wird, je mehr man erlebt hat. Viel wichtiger ist, wie etwas gesagt wird. Selbst eine einfache Idee kann große Wirkung entfalten – wenn sie sprachlich originell formuliert ist. Ich mag dieses Vorurteil nicht, dass man erst lang leben muss, um gut schreiben zu dürfen.

Du teilst deine Texte auch online. Wie schwer ist es, mit Gedichten auf Social Media aufzufallen?
Sehr schwer. Lyrik wird kaum gelesen, obwohl sie viel zu sagen hat. Der Markt richtet sich nach Trends – vor allem bei jungen Leuten. Um überhaupt wahrgenommen zu werden, muss man sehr aktiv sein. Aber ich habe auch Menschen gefunden, die ähnlich schreiben wie ich – das verbindet.

Was bedeutet es für dich, heute ein junger Dichter zu sein? Trägst du eher die Aura eines modernen Bohémiens oder fühlst du dich manchmal wie aus der falschen Zeit gefallen?
Bohémien – da muss ich lachen. So habe ich mich nie gefühlt. Eher wie jemand, der nicht in diese Zeit passt. Vielleicht nicht einmal in diese Welt. Auch im Alltag habe ich ganz andere Sorgen als viele Gleichaltrige. Während sie überlegen, welches McFlurry sie sich um 14 Uhr bei McDonald’s holen, suche ich stundenlang das eine Wort für eine Zeile, das alles trägt.

Was treibt dich beim Schreiben an?
Ganz klar: das Loswerden. Ich bin es gewohnt, nicht gehört zu werden. Aber ich muss sagen, was ich sagen will – nicht das, was andere hören möchten.

Was meinst du damit, dass du es gewohnt bist, nicht gehört zu werden?
Wenn man nicht mitschwimmt, wird man oft nicht ernst genommen. Viele Menschen denken, wer aus der Reihe tanzt, ist komisch – und verliert an Glaubwürdigkeit. Alle reden davon, wie wichtig es sei, ‚anders‘ zu sein – aber dann laufen sie alle in weißen T-Shirts herum. Ich mit meinen Hemden falle auf – und nicht jeder mag das.

Hast du das Gefühl, dass junge Menschen heute oft nicht ehrlich sind?
Ich würde es so sagen: Wenn ich unserer Generation ein Genre zuordnen müsste, dann wäre es wohl Slam Poetry auf einem Platz voller Handys – mit Livestream auf Instagram. Wer laut genug streamt, was viele gerne hören, kann schnell berühmt werden – auch ohne künstlerischen Anspruch. Und dann nennen sie sich Dichter. Aber mit echter Dichtung hat das oft wenig zu tun. Und manchmal haben wir mit der Ehrlichkeit wenig zu tun.

Lass uns kurz raus aus der Literaturblase: Du hast gerade dein Abi gemacht – wie fühlt sich das an? Mehr „endlich frei“ oder eher: „Okay, und jetzt?“
„Endlich frei“ habe ich mich vielleicht drei Tage gefühlt – dann musste ich mich direkt auf die Aufnahmeprüfung für Medizin vorbereiten. Ich hatte zwar schon während der Abi-Zeit dafür gelernt, aber die Prüfung war zwei Wochen nach dem Abschluss – also musste ich nochmal richtig ran. Während andere schon jobben oder auf Mallorca sind, habe ich weiter gelernt. Am Ende war ich so überarbeitet, dass selbst das Lernen ein Kampf wurde. Ich war leer, konnte kaum schlafen. Jetzt ist es besser, alles ist gut ausgegangen. Aber die Tage nach der Prüfung waren brutal.

Und was kommt jetzt?
Ich beginne im Herbst mit dem Medizinstudium in Hradec Králové. Bis dahin möchte ich mein Buch promoten, Lesungen organisieren, mich mit anderen Autoren vernetzen. Es steht noch vieles offen – aber Pläne gibt es einige.

Schreibst du ausschließlich auf Slowakisch – oder reizt dich auch Deutsch? Können wir vielleicht etwas von dir auf Deutsch erwarten?
Ich habe auch auf Englisch und Deutsch geschrieben. Aber am wohlsten fühle ich mich auf Slowakisch – besonders wegen Reim und Klang. Dafür braucht man ein tiefes Sprachgefühl – und das fehlt mir im Deutschen manchmal noch. Aber ich plane schon einen zweiten Band.

Und wie wäre es mit einem kleinen Geschenk für unsere Leserinnen und Leser – würdest du nicht doch eines deiner Gedichte ins Deutsche holen? Nur eine kleine Kostprobe?

Gerne. Hier ist Mesiac – Mond:

Mond

Du sollst der Mond am Nachthimmel sein,
wie eine Fackel in der dunkelsten Nacht,
damit der barfüßige Pilger sich nicht verirrt,
er, eine leuchtende Nadel im Heuhaufen.

Doch der Mond reflektiert nur Licht,
wie eine Schafherde, die nur Dämpfe regnen lässt,
doch die Fackel erlischt langsam,
Feuer nur luxuriöse Glückseligkeit.

Mesiac

Si vraj mesiac na nočnej oblohe,

ako fakľa tmavých najtmavších nocí,

tak že nestratí sa pútnik bosý,

on, blišťavá ihla v sennom stohe.

No mesiac len svetlo odráža,

ako len prší pary stádo,

no fakľa pomaly zhasína,

oheň len luxusné blaho.


Zum Schluss die letzte Frage, die wir allen in der Serie „Unerhört“ stellen: Magst du Pumpkin-Spice-Latte?

Das habe ich tatsächlich noch nie probiert – ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das schmeckt. Wahrscheinlich bleibe ich lieber bei meinem klassischen Kaffee.

Das Gespräch führte Lucia Vlčeková.