Vertreibung als Mahnung und Auftrag lebendig erhalten

Vertreibung als Mahnung und Auftrag lebendig erhalten

Mit zehn Jahren musste ich mein geliebtes Heimatdorf Schwedler/Švedlár verlassen, an das ich mich mit zunehmendem Alter recht häufig erinnere und dabei viele Bilderinnerungen vor mir sehe, die ich nicht nur mit ungezählten, abgespeicherten Gedanken verbinde, sondern denen ich auch gefühlsmäßig nachspüre. Auf diese Weise werden in meiner gelebten Gegenwart Erinnerungen aus der Vergangenheit noch einmal lebendig (aktualisiert) und erneut zu einem Teil meines gegenwärtigen Lebens.

Vertreibung aus Schwedler/Svedlar
Sommer 1944 in Schwedler: Fredi, Laci, dahinter Lona, Ella u. a.

Offenbar prägen diese Kindheitserfahrungen meine Haltung, die ich mit Rachel Hanan, Überlebende des Holocaust, zu vertiefen versuche. Es geht um existentielle Fragen, die ich aus meinem Verständnis heraus nicht nur für mich als überaus bedeutsam ansehe, sondern auch als eine Lebensaufgabe verstehe, die das eigene Leben mit einer tiefen Sinnhaftigkeit erfüllt.

Einführende Impulse

Als Heimatvertriebener weise ich auf Lebenszusammenhänge hin, die in unserer so schnelllebigen, hektischen, ständig im Wandel befindlichen und auf formale Fakten hin orientierten Zeit oft übersehen, vielleicht verdrängt oder vergessen werden. Denn auch ich trage Verantwortung dafür, dass das Andenken an die Vertreibung lebendig erhalten bleibt: als Mahnung und Auftrag für eine Zukunft, die sich stets aus der davorliegenden Zeit ableitet.

Deshalb ergänze ich den Beitrag „Die Welt mit Freude und Humor erkunden“, der im Karpatenblatt 11/2025, S. 16, erschienen ist und sich an Viktor Frankls Sinnlehre orientiert. Hier geht es nicht um ein selbstgerechtes, nur an den eigenen Wünschen und Vorstellungen ausgerichtetes, ichbezogenes Machen, um Abrichten entsprechend dem gerade aktuellen, modernistischen Zeitgeist und um das Eintrichtern gesellschaftlich erwarteter Normen, sondern um ein sozial geprägtes Miteinandersein im ursprünglichen Schöpfungsgeist, von dem sich viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen verabschiedet haben.

Gerade die Zeit, in der wir jetzt leben, ist bei vielen Menschen durch ungebremsten Konsum, eine ausschließlich selbstbezogene Spaßorientierung, Anstrengungsvermeidung, wann immer es Schwierigkeiten gibt, sowie durch eine kaum noch erkennbare Belastbarkeit gekennzeichnet. Hinzu kommen Kurzsichtigkeit, die nur auf aktuelle Zielerreichung ausgerichtet ist, ohne dabei sinnverbundene Bedingungsgefüge zu beachten, ebenso Dummheit durch Unwissen sowie eine egozentrische Lebenseinstellung, bei der sich Menschen nur um sich selbst kümmern, beziehungsweise drehen und dabei systemische Vernetzungen nicht mehr sehen (wollen).

Viele sorgen daher nur noch für eine persönliche Komfortzone, die sie mit aller Macht aufrechterhalten und mögliche Veränderungen nicht zulassen wollen — vielleicht auch nicht mehr können, weil ihre Lebensgestaltung und ihre Sichtweisen auf das eigene Leben sowie auf das Leben um sie herum zu einem starren Denk- und Verhaltensmuster geführt haben wie hinter Gefängnismauern. Ich glaube, dass sie beim Verlassen ihrer Komfortzone auch ihre innere Leere entdecken würden, und davor haben sie verständlicherweise Angst. Es ist schlimm, traurig und besorgniserregend zugleich.

Davon dürfen wir uns aber nicht abschrecken oder ausbremsen lassen. Geboten ist eine Orientierung an Frankls lebendiger Lehre vom Sinn, die Orientierung, Hoffnung und innere Stärke vermittelt. In einer Welt, in der Menschen oft auf Zahlen und Funktionen reduziert werden, erinnere ich: „Der Mensch ist mehr.“ Er kann unheimlichem Grauen widerstehen – das zeigt uns Rachel Hanan.

Dem absoluten Grauen widerstehen

Die einführenden Denkanstöße vertiefe ich mit Hinweisen auf die Biografie von Rachel Hanan. Zusammen mit ihrer Familie wurde die 15-jährige Hanan, geboren in Unterwischau (Rumänien), in vier Konzentrationslager verschleppt. Fast ihre ganze Familie wurde ermordet. Ihr und den drei Schwestern gelang das scheinbar Unmögliche: Sie retteten sich gegenseitig und überlebten gemeinsam. 1947 wanderte sie nach Israel aus, heiratete und bekam zwei Kinder. Über 30 Jahre war sie als Sozialhelferin in sozialen Brennpunkten tätig und leitete einen großen Wohlfahrtsverband.

Rachel Hanan wollte keine „Überlebende bleiben, sondern wieder eine Lebende sein“. Ihre Seele konnte nicht besiegt werden, denn: „Ich selbst bin unbesiegt geblieben.“ Rachel Hanan litt nahezu lebenslang unter Albträumen. Nach und nach kam ihr die Erkenntnis, dass die rettende Kraft der Liebe über die Verzweiflung triumphieren kann. Mit dieser liebenden Haltung konnte sie dem absoluten Grauen widerstehen und sagt mit 93 Jahren, dass sie mit Viktor Frankls „Trotzmacht des Geistes“ ein „glücklicher Mensch“ ist. Trotz allem, was sie erleiden musste, hat sie den Glauben an den Menschen nicht verloren.

Die Biografie von Rachel Hanan
Die Biografie von Rachel Hanan

Fazit

Offenbar ist das Vergangene gegenwärtig, ob wir es wollen oder nicht, so wie die individuell erfahrene und erlebte Biografie jedes Menschen ihre Spuren hinterlässt. Rachel Hanans Sieg über die Mächte des Bösen schenkt Hoffnung für die nächste Generation. Daraus können wir Kraft zum Leben gewinnen, füreinander da sein und den Glauben an das Gute im Menschen pflegen. Hier geht es nicht um Machen, Abrichten und Eintrichtern, sondern um ein erfülltes, soziales, authentisches Miteinandersein im ursprünglichen Schöpfungsgeist.

Der heute bei vielen Menschen und Professionen frustrierte Wille zum Sinn birgt nach wie vor die Chance des Wandels, die es aus meinem Verständnis zu suchen und zu entdecken gilt: indem sich der Mensch einer Aufgabe verantwortlich hingibt, sich mit ihr in die Tiefe auseinandersetzt – auch wenn es schwer erscheint – transzendiert er sich auf die Sinnfrage hin, die kleine Kinder den Erwachsenen immer wieder lehren.

Zwei Fragen bleiben:

  • Wie wird sich bei der jüngeren und jüngsten Generation unter den Bedingungen der Zeit alles weiterentwickeln?
  • Kann das Erfahren der Erlebnisgeneration in eine Erinnerungs- und Gestaltungskultur gewandelt werden?

Es ist unser Vorbildverhalten, unsere Aufmerksamkeit auf das, was uns die Vergangenheit gezeigt hat, die die Gegenwart ohne Unterlass vor Augen hält. Zugleich ist es die Gewissheit, dass es immer gut ist, Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden, um eine sinnerfüllte Bodenhaftung zu besitzen, die dazu beitragen kann, der Zukunft ein menschliches Gesicht zu verleihen.

Prof. Dr. Ferdinand Kein