Wagendrüssel – Wie ein alter Ortsname Erinnerung bewahrt
Im 13. Jahrhundert riefen die ungarischen Könige deutsche Siedler in die Zips. Sie brachten genau jene Fähigkeiten und jenes Wissen mit, das man in dieser Bergregion dringend benötigte. Sie waren erfahren im Bergbau, Hüttenwesen, der Wasserkrafttechnik, im Handwerk und hatten eine ausgeprägte Organisationskultur.
Die Gegend um das heutige Wagendrüssel/Nálepkovo war reich an Gold und Silber, vor allem aber an Eisenerz. Das Tal bot Wasser für Hämmer und Mühlen, die umliegenden Wälder lieferten Holz für Holzkohle. Bald klangen die ersten Hammerwerke durch das Tal. Dass der Boden sumpfig war, störte niemanden – entscheidend war, dass man hier arbeiten konnte.
So entstanden die ersten Häuser auf kleinen trockenen Inseln zwischen den Moorflächen. Blockhäuser, Schmieden, Hämmer und später eine Kirche bildeten den Kern der Siedlung. Die Gemeinde war streng organisiert, und der Richter – im Dialekt „der Råchtar“ – hatte das Sagen. Ein alter Satz aus der Mundart zeigt das gut: „Der Råchtar hot g’sågt, morge gehn mir in d’Wååg Holz hole.“
Der Alltag war vielsprachig: Deutsch in der Gemeinde, Slowakisch im Handel, Ungarisch in der Verwaltung. Kein Wunder also, dass der Ortsname in zahlreichen Varianten überliefert ist – Wogendrëssel, Wäugendrëssel, Bogendrëssel, Vondrišel und sogar Merény, eine Ausgeburt übertriebener Magyarisierung. Jede Form erzählt ein Stück Geschichte – und ein Stück Aussprache.
Der erste Bestandteil: „Wagen-“
Der erste Teil des Namens hat nichts mit dem Wagen oder Fuhrwerk zu tun. Er geht auf das alte deutsche Wort „Woge“ zurück – ahd. wag, mhd. wac, wage –, das „bewegtes Wasser“, „stehende Wasserfläche“, später auch „Sumpf“ oder „Moor“ bedeutete. Diese Bedeutung lebt bis heute in Flurnamen wie Großer Wog oder Kleiner Wog bei Darmstadt weiter.
Auch um Wagendrüssel waren solche Landschaftsformen typisch. Westlich des Dorfes lagen – wie Leopold Grusz berichtete – ausgedehnte sumpfige Wiesen am linken Ufer des Flusses Göllnitz, die erst in jüngerer Zeit trockengelegt wurden. Östlich erzählte die Volkssage von einem Reiter, der mitsamt seinem Pferd im Moor versank. Die Mehrzahlendung -en in „Wagen-“ weist darauf hin, dass es sich um mehrere solcher sumpfigen Stellen handelte.
Der zweite Bestandteil: „-drüssel“
Nach dem Grimm’schen Wörterbuch bedeutet Drossel/Drüssel „Gurgel, Schlund, Kehle“, in der Toponymie (Ortsnamenkunde) aber vor allem „Schlucht“. Die älteren Formen – drozza, drozze, drüzzel – bestätigen diese Bedeutung. Auch B. Eberl und andere Forscher führen Drossel, Drüssel, Trizzel als Bezeichnungen für „Kehle, Schlucht“ an.
Und tatsächlich: Direkt bei Wagendrüssel zweigt aus dem breiteren Göllnitztal das viel schmälere, sich krümmende Tal des Eisenbaches ab – eine natürliche „Kehle“, die sich den frühen Siedlern als schluchtartige Passage zeigte.
Das Gesamtbild
Wagendrüssel bedeutet daher ursprünglich „Sumpfschlucht“ oder „moorige Talenge“. Der Name ist also keine Fantasieform, sondern eine präzise mittelalterliche Landschaftsbeschreibung – wahrscheinlich sogar ein älterer Flurname, der erst später zum Ortsnamen wurde.
Eine alte Sage erzählt von einem Reiter, der in den Mooren am Rand des Ortes verschwand. Im Dialekt hieß es schlicht: „Er isch in der Wååg verkomme.“ Solche Geschichten entstehen nur dort, wo die Landschaft gefährlich war. Sie sind kollektive Erinnerung – und Teil der Identität.
Warum der Name so viele Schreibweisen hat
In alten Urkunden begegnen uns zahlreiche Varianten des Namens. Das wirkt chaotisch, ist aber typisch für das Mittelalter: Man schrieb so, wie man hörte. Die Zipser Mundarten bewahren bis heute alte mittelhochdeutsche Formen, ostmitteldeutsche Lautungen, süddeutsche Wörter und slowakische Einflüsse. Sätze wie „’s Wätter kimmt nunder“ oder „Heint isch’s glått, pass åf!“ sind kleine sprachliche Fossilien.
Heute heißt der Ort Nálepkovo – ein Name aus dem 20. Jahrhundert. Doch Wagendrüssel lebt weiter: in Familienerinnerungen, in Archivalien, in der Mundart und in der regionalen Identität. Solche alten Ortsnamen sind sprachliche Denkmäler. Sie zeigen, wie die Landschaft früher aussah und wie die Menschen sie wahrnahmen.
Erinnerung, die weiterwirkt
Der Name Wagendrüssel ist mehr als ein historischer Begriff. Er ist ein Stück gelebter Erinnerungskultur der Zipser Deutschen. Er verbindet Generationen, macht Landschaft lesbar und zeigt, wie eng Sprache und Erfahrung miteinander verwoben sind. Solche Namen halten das Vergangene lebendig – damit wir das Gegenwärtige verstehen und das Kommende bewusst gestalten.
Oswald Lipták
