Was haben ein Zipser Sachse und deutsche Filmstars gemeinsam?
Wer das elegante Schwarz-Weiß-Porträt meines Vaters betrachtet, denkt unwillkürlich an die großen Kinostars der Wirtschaftswunderjahre. Die stolze, weltmännische Pose mit fokussiertem Blick, der perfekt sitzende, edle Zwirn mit adrett gefaltetem Einstecktuch und die Top-Qualität der Aufnahme zeugen davon, wie er wirklich war: durch und durch ein echter Mann von Welt – nicht nur für den Moment eines besonderen Fotos.

Tatsächlich gibt es davon noch einige mehr. Meine Mutter und ich scherzten deshalb schon immer: „Papas Autogrammkarten!“
Obwohl ein großer Cineast, wurde er kein Filmstar. Er wurde Maler – in dritter Generation, als Sohn und Enkel der Malermeister Rudolf und Karl Hecht. Später wurde er mit einem Getränkehandel Kaufmann. Sein Lebensweg war von den großen historischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts geprägt und seine Biografie kreuzte sich dennoch auch mit der Welt des Films.
Gemeinsames mit Stars
Die deutsche Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek und mein Vater wurden beide am 2. August 1931 in der Tschechoslowakei geboren. Sie in Komotau in Nordböhmen und mein Vater in Matzdorf in der Nordslowakei. Ebenso flohen beide aus ihrer Heimat – Frau Kubitschek kurz nach dem Krieg zuerst nach Köthen in der DDR und mein Vater 1944 nach Markt Schwaben bei München.
Immer, wenn ich die Kubitschek († 1. Juni 2024) sah oder von ihr hörte, musste ich an meinen Vater denken, denn dann fiel mir genau das wieder ein.

Ebenso muss ich an meinen Vater denken, wenn ich die Autogrammkarte der Schauspielerin Marianne Hold (*15. Mai 1933 in Ostpreußen, heute Polen; †11. September 1994 in Lugano, Schweiz) betrachte. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs floh sie mit ihrer Mutter, wie mein Vater mit seiner Mutter, nach Innsbruck.
Ihren Durchbruch hatte sie 1956 mit „Die Fischerin vom Bodensee“. Es ist eine besondere Fügung, denn Hold hatte 1964 einen Mann geheiratet, der 1928 in Pistyan/Piešťany in der ehemaligen Tschechoslowakei, heute Slowakei, geboren wurde. Dieser wurde als der spätere Schauspieler Frederick Stafford, bekannt aus Filmen wie dem Hitchcock-Film „Topas“, bekannt.
Als junger Geselle in den 1950er Jahren erzählte mir mein Vater, wurde die Firma, für die er damals arbeitete, zu einem Auftrag von Marianne Hold in München bestellt.
Ein besonderes Trinkgeld
Bei jener Begegnung, die fest in unsere Familiengeschichte eingegangen ist, muss ich dann auch zwangsläufig an den Film „Die Fischerin vom Bodensee“ denken. Mein Vater hat die Geschichte besonders gern erzählt, wenn der Film im Fernsehen lief.
Als der Meister schon weg war, bat sie ihn: „Rudi, magst du mir bitte noch die paar (großen) Blumenkästen streichen?“ Dafür hat er anschließend 20 Mark Trinkgeld von ihr bekommen. Mein Vater betonte: Das war viel Geld damals.

Rechts: Dritter von rechts als junger Malergeselle in München in den 1950er Jahren.
Ein schweres Erbe
Mein Vater erlernte nicht nur das Malerhandwerk und das Vergolden. Als Kind der Tatra und Rudolf Hechts war er natürlich ein leidenschaftlicher Ski- und Motorradfahrer. Auch im Landschaftsmalen und im Trompetenspielen probierte er sich.
Als ich ihn als Kind einmal fragte, warum er denn nicht mehr Motorrad und Ski fährt, war seine Antwort: „Jetzt bin ich verheiratet, mit Kind und selbständig. Das wäre jetzt viel zu gefährlich, und darum habe ich mit dem Skifahren aufgehört und mein Motorrad verkauft.“

Besondere Anerkennung
Mit der Aufnahme meines im Karpatenblatt erschienenen Artikels über meinen Vater, „Warum es so wichtig ist, Zeitzeugen zu befragen“ (20. Juni 2022), in das Zeitzeugenarchiv der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin Anfang 2026 ist mir als Sohn und Chronist der Karpatendeutschen auf höchster deutscher Archiv-Ebene eine besondere Form der Anerkennung zuteilgeworden. Dies macht den Artikel nun dauerhaft für die Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich.

Der Fleiß begleitete meinen Vater ein Leben lang. Vom angestammten Malerhandwerk hin zum erfolgreichen Kaufmann bewies er genau jene Ausdauer und Flexibilität, die seine gesamte Generation auszeichnete und auch mich in jeglicher Hinsicht im positiven Sinne stark geprägt hat.
Aber auch seine tolerante, weltoffene wie auch sehr liebevolle und fürsorgliche Art meiner Mutter und mir gegenüber sowie die Verbundenheit mit der Zips – der alten Heimat, wie er immer sagte – haben mich ebenfalls geprägt. Genauso wie unsere häufige Kino- und Konzertbesuche – von Künstlern wie Prince oder The Rolling Stones etwa – und unser Um-die-Häuser-Ziehen. Ich sage nur: „Wenn der Rudi mit dem Sohne…“
Nachruf
Man möge davon halten, was man will, jedoch will ich es abschließend gesagt haben: Mein Papa war nicht nur mein Papa und Zipser Sachse, er war mein bester Freund, mein Mentor, mein Held, mein Gott. Und obwohl er schon 2007 verstarb, fehlt er mir immer noch so sehr, so unglaublich sehr.
