„Wein ist ein Medium für unsere Geschichte“

„Wein ist ein Medium für unsere Geschichte“

Weinbau gehört seit Generationen zum Leben der Familie Brutler im nordrumänischen Bildegg, rumänisch Beltiug. Der Ort ist eng mit der Geschichte der Sathmarer Schwaben verbunden. Katharina Brutler wuchs selbst mit der Arbeit im Weinberg auf; schon ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern waren Winzer. Heute führt ihr Sohn Edgar diese Tradition fort. Im Karpatenblatt-Gespräch gibt er einen Einblick in das Winzer-Leben, seine Familiengeschichte und die Auswirkungen des Klimawandels.

Wie wurde der Wein in Bildegg früher hergestellt?

Vor ungefähr 100 Jahren war die Herstellung noch ganz anders organisiert. In den Weinbergen standen kleine Häuschen, bei uns im Dorf ungefähr 60. Sie wurden „Scheutoas“ genannt, also Presshäuser. Die eigentliche Hauptarbeit fand draußen im Weinberg statt. Heute bringen wir die Trauben zu uns und machen alles im Keller. Das ist einfach praktischer.

Welche Rebsorten wachsen in euren Weinbergen?

Dort wachsen viele verschiedene Rebsorten. Eine Spezialität der Region ist der Grünspitz. Von dieser Sorte gibt es eigentlich nur den deutschen Namen, weil Bildegg früher ein überwiegend deutsches Dorf war und die Rebsorte in anderen Teilen Rumäniens kaum vorkommt. Woher sie genau stammt, wissen wir aber bis heute nicht.

Welche Bedeutung hatte der Wein für Ihre Familie?

Mein Großvater hat den Wein unglaublich geliebt. Er hat einmal zu mir gesagt, dass eine Familie mit zwei Kindern im Jahr tausend Liter Wein braucht. Dabei ging es ihm nicht nur um das Trinken, sondern um das Ganze drumherum: die Arbeit, die Geselligkeit und die Gemeinschaft. Mein Großvater hat sehr archaisch gearbeitet. Sein Wissen war das, was er wiederum von seinem Großvater gelernt hatte. Schriftlich festgehalten wurde davon fast nichts. Er hat kaum etwas in den Wein hineingegeben. Die Menschen hier im Dorf haben früher sehr naturbelassen gearbeitet, auch weil alles, was man zusätzlich hätte verwenden können, Geld kostete. Außerdem sind die Schwaben sparsam: Sie benutzen lieber nichts, wenn es auch so funktioniert.

Warum verzichten Sie heute bewusst auf viele Hilfsmittel bei der Weinherstellung?

Ich will einfach guten Wein machen, mit so wenig Manipulation wie möglich. Für mich ist deshalb die Arbeit im Weinberg das Entscheidende. Wenn ein Weinberg ein gewisses Alter erreicht hat, reichen die Wurzeln tiefer in den Boden. Die Reben können Wasser besser aufnehmen und haben Zugang zu einem größeren Vorrat an Nährstoffen. Dadurch werden auch die Weine komplexer.

Sie sind in Deutschland aufgewachsen. Welche Rolle spielte Ihre schwäbische Herkunft damals für Sie?

Ich bin in Augsburg aufgewachsen. Wir haben Rockmusik gehört, Bier getrunken und mit 15 Zigaretten geraucht. Ich war also ein schlimmer Junge. Das mit Rumänien empfand ich damals eher als Klotz am Bein. Wenn meine Eltern zu den Großeltern nach Rumänien gefahren sind und sich hier um den Wein gekümmert haben, hatte ich keine Lust darauf. Ich wollte einfach Stefan Müller heißen und nicht auffallen. Ich wollte diese ganze Geschichte eigentlich nicht haben, weil ich sie damals nicht mit meiner Identität vereinen konnte. Das hat sich erst gerändert, als ich Anfang 20 war. Ich werde das Weingut jedenfalls ganz sicher nicht aufgeben.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf Ihre Arbeit?

Der Klimawandel ist ein unglaublicher Einschnitt. Er ist einfach da. Er hat massive Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Landwirtschaft funktioniert – nicht nur im Weinbau. Neue Schädlinge kommen aus anderen Gebieten und können sich inzwischen hier ansiedeln. Wir müssen deshalb Techniken entwickeln, um damit umzugehen. Nur zu bewässern ist keine langfristige Lösung. Außerdem ist das Grundwasser hier teilweise schon weg.

Vermarkten Sie Ihre Weine als rumänische, deutsche oder schwäbische Weine?

Natürlich ist es rumänischer Wein. Wir sind auf rumänischem Gebiet und die Trauben wachsen hier. Aber ich finde diese Einteilung in italienischen, deutschen oder rumänischen Wein manchmal übertrieben. Wir sollten über Wein vielleicht ähnlich sprechen wie über Menschen und ihre Identität. Nicht nur über eine nationale Kategorie, sondern über die einzelnen Personen, Geschichten und Einflüsse dahinter.

Bezeichnen Sie Ihren Wein manchmal ausdrücklich als schwäbischen Wein?

Nein, eigentlich nicht. Wenn ich unsere Familiengeschichte erzähle, dann kommt die Geschichte der Schwaben natürlich vor. Aber ich verwende „schwäbischer Wein“ nicht als ausdrückliche Bezeichnung oder Vermarktungsstrategie. Viele Geschichten aus der Vergangenheit wurden bei uns mündlich weitergegeben. Ich weiß nicht immer, welche davon historisch vollständig belegt sind. Die Ansiedlung der Schwaben ist dokumentiert, aber über das alltägliche Leben oder die Arbeit meiner Familie gibt es nur wenige Aufzeichnungen. Meine Großmutter hat einige Lieder hinterlassen, aber keine Tagebücher. Mein Großvater hat nicht Buch darüber geführt, wie er Wein machte.

Hat sich Ihre Beziehung zu dieser Familiengeschichte durch den Wein verändert?

Ja, sehr. Als Jugendlicher konnte ich damit wenig anfangen. Heute ist der Wein für mich ein Medium. Er steht für unsere Familie, für die Region und für die Menschen, die hier vor uns gelebt haben. Unsere Großeltern und Urgroßeltern waren einfache Bauern, die ihren Lebensunterhalt verdient haben. Heute verkaufen wir den Wein in die ganze Welt. Die Erinnerungen, mein Großvater und die Geschichte der Familie schwingen im Geschmacksbild mit. Der Wein ist ein Medium für all diese Emotionen.

Das Gespräch führte Elisa Vaughan. Sie ist, ifa-Kulturmanagerin beim Demokratischen Forum der Deutschen in Sathmar