Die Welt mit Freude und Humor erkunden
Kinder wollen die Welt mit Freude und Humor erkunden – sie erwarten ein sinnerfülltes Handeln der Erwachsenen. Jedes Kind will sich von Geburt an auf einer sicheren Basis in seinem ureigenen Rhythmus spielerisch bewegen, autonom und eigenaktiv mit Freude, mit tief verankertem Humor die Welt erkunden. Dieses sinnzentrierte Handeln haben viele Erwachsene verlernt.
Sie können es gewinnen, wenn sie ihr Handeln am Handeln der noch „unverdorbenen Kinder“ und Viktor Frankls Sinnlehre orientieren. Hier geht es nicht um ein Machen, Abrichten und Eintrichtern, sondern um das Miteinandersein im ursprünglichen Schöpfungsgeist.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht
Was Humor nun wirklich ist, entzieht sich einer eindeutigen Definition. Humor kann aber beschrieben und an Beispielen erläutert werden. Humor wird als Gabe eines Menschen verstanden, der die Unzulänglichkeiten der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit begegnet. Dieser Mensch hat einen unverwüstlichen, einen goldenen Humor. Aber ein Mensch, der keinen Humor mehr hat, reagiert auf diese Situationen verärgert. Er ist nicht oder nur bedingt fähig, eine Schwierigkeit oder ein Missgeschick gelassen auf- und hinzunehmen. Humor wird als Heiterkeit, als Sinn für Freude und gute Laune beschrieben. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, ist eine Bemerkung, die uns sagt, dass wir, wenn uns etwas misslingt oder ein Missgeschick unterläuft, es nicht so ernst nehmen und darüber lachen sollten, also der Situation mit heiterer Gelassenheit zu begegnen haben.
Unzulänglichkeiten mit heiterer Gelassenheit begegnen
In meiner langjährigen pädagogischen Praxis durfte ich erfahren, dass es für Menschen kein besseres Lernziel gibt als „Freude erleben“. Freude am Erleben, Tun und Zusammensein ist der ursprüngliche Sinn der Erziehung. Und heute sprechen Psychiater vom „Lernziel: Neurose“ vor allem auch deshalb, weil viele Erwachsene verlernt haben, das lebensbejahende Lernen des Kindes zu achten und zu fördern, das in der Freiheit des Handelns seinen Grund hat.
Ein Lebensraum, in dem mit Freude gelernt wird, achtet die Kinder als Menschen in der sinnzentrierten Praxis. Hier fühlt sich der Lernende angenommen und geborgen, er erlebt die aufschließende und ordnende Kraft des Vertrauens in die eigene Person und in das eigene Tun sowie in die Person des Anderen und in dessen Tun.
Geboten ist eine Orientierung an Viktor Frankls Sinnlehre
Der Wiener Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl (1905-1997) erforschte den Willen zum Sinn in der Form seiner Frustration. Frankl leitete 14 Jahre die Abteilung für suizidgefährdete Frauen der Wiener Psychiatrischen Klinik. Er ging den Ursachen der Depression und des Selbstmordes nach und konnte den Patientinnen ein lebensrettendes Angebot machen. In den Konzentrationslagern Theresienstadt und Dachau hatte Frankl – von Hunger, Flecktyphus und Zwangsarbeit schwer gezeichnet und kaum mehr 40 Kilogramm Gewicht – die von ihm begründete Logotherapie und Existenzanalyse an sich selbst erprobt. Sie wird bis heute weltweit beachtet. Seine logotherapeutische Praxis wurde in Österreich von den Krankenkassen nicht anerkannt; erst mein Gutachten, das im „Internationalen Archiv für Heilpädagogik“ eingesehen werden kann, führte zum Erfolg.

Orientierung auf Sinn
Das Überleben ermöglichte ihm die Orientierung auf Sinn hin. Dank der menschlichen Urphänomene der Selbsttranszendenz und der Fähigkeit, sich von sich selbst zu distanzieren, konnte er sich über die Situation der unvorstellbaren Grausamkeit erheben, sich von ihr distanzieren, indem er sie objektivierte. Frankl erkannte und erprobte also in Extremsituationen, dass der Mensch ein Wesen ist, das auf ständiger Suche nach Sinn ist. Die menschlichen Grundkräfte der Selbsttranszendenz (der Existenz auf den Logos hin) und der Selbstdistanzierung (in Form der Fähigkeit zum Humor) ermöglichen jedem Menschen eine Sinn-Antwort auf seine Lebenssituation zu finden. Sinn ist keine abstrakte Kategorie, sondern eine konkrete und praktische Möglichkeit des Menschen, sich nach der Sinnperspektive zu orientieren.
Hier wird der Boden einer gemeinsamen Existenz sichtbar: Vertrauen wird geschenkt und Vertrauen wird erlebt. Dieses Erleben kann ganzmachend und aufrichtend wirken, weil hier der Sinn als Schöpfungssinn hervortritt. Daraus können Sicherheit und Geborgenheit, Freude und Zuversicht entstehen. Und das wechselseitige Vertrauen kann sich vertiefen, denn wo ich vertraue, handle ich selbst besser und wo mir vertraut wird, bekomme ich geistige Kräfte.
Fazit
Frankls Praxis ist durchdrungen von Güte im Herzen, von Humor und Freude. Sie baut auf dem Credo auf, dass auf jedes schmerzliche Leidensschicksal und jede Grenzerfahrung sinnvoll geantwortet werden kann. Der Mensch glaubt an einen Sinn, ob er will oder nicht. Und er hat diesen Sinn zu beantworten, indem er das Leben durch sein Tun sinnerfüllt verantwortet. Der heute bei vielen Menschen und Professionen frustrierte Wille zum Sinn birgt in sich die Chance des Wandels: Indem sich der Mensch einer Aufgabe verantwortlich hingibt, transzendiert er sich auf die Sinnfrage hin, die kleine Kinder den Erwachsenen lehren.
Prof. Dr. Ferdinand Klein
