Welten verbinden – von antiker Philologie bis zur Bühnenkunst
Er studiert griechische Philologie und klassische Archäologie in Würzburg, wo er auch einer anderen Leidenschaft nachgeht – dem Theater. Im Karpatenblatt-Gespräch berichtet Johannes Lukas Kern, wie er sein Studium mit der Kunst der Schauspielerei, Regie und Forschung verbindet.
Johannes, danke für deine Zeit. Studium, Forschung und Theater – das klingt nach einem vollen Terminkalender. Wie schaffst du es, all das unter einen Hut zu bringen?
Das ist oft relativ schwer zu bewerkstelligen. Manchmal sprinte ich von einer Univeranstaltung zu einer Theaterprobe und oft wäre daneben auch noch ein interessanter Vortrag zu hören. Da bleibt manches auf der Strecke, aber ich muss einfach Prioritäten setzen. Momentan liegt mein Schwerpunkt eindeutig auf der Uni, genauer gesagt meiner Masterarbeit. Das heißt aber nicht, dass die anderen Hobbys nicht mehr existieren, sie sind nur etwas zurückgefahren.
Dein letztes Theaterstück „Amerika“ von Franz Kafka ist bei den Leuten richtig gut angekommen. Die Aufführungen waren völlig ausverkauft und wir hatten Glück, dass wir dich auf der Bühne sehen konnten. Worauf führst du diese Resonanz der Zuschauer zurück?
Kafka ist in Deutschland einfach eine große Sache. Viele lesen bereits „Die Verwandlung“ in der Schule und kennen daher Autor und Stil. Bekanntheit ist – noch vor der Qualität des Stückes – enorm wichtig für das Publikum. Dazu kam, dass 2024 der 100. Todestag des Autors war, was zusätzlich für einiges Interesse gesorgt hat. Und natürlich war das Stück auch gefällig inszeniert, mit der Crème de la Crème der Würzburger Off-Theater. Der Inhalt des Stückes, eine Kritik am Kapitalismus, auf Kafkas verquere Art, ist dabei eher in den Hintergrund getreten.
Wie ist es dazu gekommen, dass du als Student und Jungforscher so eine große Leidenschaft fürs Theater entwickelt hast?
Es ist ein guter Ausgleich für die langen Tage am Schreibtisch. Oft ist Theater mit Bewegung verbunden, dazu muss man kreativ sein – das ist eine super Sache, wenn man den Rest der Zeit mehr oder weniger das Gegenteil macht. Außerdem hat es mir geholfen, meine Schüchternheit zu überwinden – inzwischen zählen meine Vorträge zu den lebendigsten des Instituts.
Du hast auch „Die Perser“ von Aischylos inszeniert. Inwiefern haben die „Inhalte der antiken Zeit“ beim Inszenieren dieses Stücks geholfen?
Die antike Gedankenwelt unterscheidet sich in vielen Aspekten von unseren heutigen Ansichten, insbesondere was soziale oder moralische Fragen anbelangt. Aber die Gefühle der Menschen sind immer gleich geblieben. Trauer ist Trauer, ob sie eine heutige Mutter oder die Perserkönigin Atossa empfindet. Es ist einfacher, Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren, wenn man weiß, worauf es in der Antike ankam. Wir haben kein antikes Reenactment gemacht, sondern eine an heutige Gewohnheiten angepasste Fassung.



Gibt es Überschneidungen zwischen deinen Aktivitäten? Etwa zwischen der griechischen Sprache und den Theatertexten – oder hältst du diese Welten bewusst getrennt?
Im Gegenteil, ich versuche die Welten zu verbinden. Manchmal gelingt das so offensichtlich wie im Falle der Perser, manchmal kann aber auch antikes Gedankengut in meine Stücke einfließen. Andererseits hilft Theatererfahrung enorm, vor Menschen zu performen, was man in der Forschung auch häufig tun muss.
Heißt das, dass du bewusst Elemente aus deinen Studien in deine Regiearbeit und umgekehrt Theatererfahrungen in deine Forschung einfließen lässt? Kannst du uns ein Beispiel nennen, wie ein philologischer Befund direkt eingeflossen ist?
In der überlieferten Textfassung von Aischylos war uns die Darstellung der großen Schlacht und der Niederlage der Perser zu knapp gehalten, daher haben wir den obskuren antiken Dichter Timotheos ausgegraben, der eine erstaunlich moderne Schilderung der Schlacht bietet: „Und immer wenn die zurückgeworfene Gischt aus seinem Mund quoll, mit heiseren Worten und einem verzweifelten Verstand, in ohnmächtigem Zorn die Zähne knirschend, stürmte und tobte er gegen das Meer, das sein Leben raubte.“ So konnten wir den antiken Gedanken treu bleiben und dennoch Dinge verändern und anpassen.
Welcher Forschungsschwerpunkt interessiert dich derzeit besonders – und warum?
Ich beschäftige mich besonders gerne mit eher abgelegenen Quellen, im Hellenismus und der Spätantike. In beiden Epochen gab es ein Aufblühen einer Literaturgattung, die man heute wohl als Phantastik bezeichnen würde. Diese wird in den letzten Jahren zunehmend untersucht und dem schließe ich mich nur zu gerne an. Die Voraussetzungen und Interessen am Lehrstuhl sind dafür hervorragend geeignet.
Es ist kein Geheimnis, dass du im September an die slowakische Grenze reist. Dürfen wir dich denn auch in unserer Region begrüßen?
Das klingt so, als sei ich ein Star, den jubelnde Massen am Straßenrand erwarten (Lachen). Ich wollte mir schon immer mal Bratislava ansehen, habe viel über die Schönheit der Stadt gehört, und von Wien ist es nur ein Katzensprung dorthin, also sicherlich!
Du wirst dann sicherlich erstaunt sein, wie viel von den deutschen Spuren immer noch in der Slowakei zu sehen ist. Hattest du vor unserem Gespräch schon von der aktiven deutschen Minderheit gehört?
Ich habe mich vor einiger Zeit mit den Deutschen in Schlesien auseinandergesetzt, weil meine Familie väterlicherseits aus der Gegend kommt. Dabei habe ich vor allem viel über die Hussiten gelesen, die noch am ehesten eine Verbindung in die heutige Slowakei haben; Pressburg spielt dabei ja auch eine gewisse Rolle in den Kreuzzügen. Ich muss aber ganz ehrlich zugeben, dass mir nicht bewusst war, dass die Karpatendeutschen heute immer noch eine so aktive Community bilden, und ich freue mich, dass ich nun mehr über ihre lebendige Kultur und Geschichte lernen kann.
Was sind deine nächsten Projekte – auf der Bühne oder im Hörsaal?
Im August spielen wir Julius Caesar von Shakespeare, noch so eine Verbindung meiner beiden Interessen. Die Frage, was man alles tun darf, um die Freiheit und Sicherheit zu bewahren, wird heute, als sei es ein Klischee, auch in den Medien heiß diskutiert. Daneben strebe ich eine Doktorarbeit an, die sich mit dem antiken Briefroman über den grausamen Tyrannen Phalaris von Akragas beschäftigen soll. Aber das ist bisher nur ein Luftschloss.
Vielen Dank für das Gespräch und wir wünschen dir viel Erfolg bei deinen Aktivitäten. Wir sehen uns bei Caesar!
Das Gespräch führte Richard Jakeš.
