Jüdische Ärztin Alžbeta Littmann

Wenn sich ein jüdisches und ein deutsches Familienschicksal kreuzen

Dieser Artikel ist nicht nur das Resultat meiner Familienforschung, er ist die jüngste daraus folgende Ursache meiner Spurensuche, deren Auslöser im Ganzen nicht nur die Zeit des Zweiten Weltkriegs ist.

Der aufmerksame Karpatenblatt-Leser wird sich erinnern, wie ich 2025 in Prag von meinem Cousin Viliam (Enkel meiner Großtante Emma Hecht) erfuhr, dass der jüdische Arzt Dr. Julius Littmann, bevor er und seine Frau sich verstecken mussten, in Krompach/Krompachy seine Wertsachen Emmas Mann Jan Priščák zur sicheren Aufbewahrung gab. Kurz nach Ende des Krieges wurde Jan aufgrund der Beneš-Dekrete – Kollektivschuld aller Deutschen, Enteignung und Zwangsaussiedlung aus der wieder gegründeten Tschechoslowakei – verhaftet und in ein Internierungslager in Göllnitz/Gelnica gebracht, weil er Deutscher war. Im Lager erlitt er einen Schlaganfall; der gerufene Arzt war Dr. Littmann. Auch seine Frau hatte überlebt.

Wie es dazu kam

Auch in der Slowakei kam es zur Judenverfolgung, da sie ab 1939 als „Slowakische Republik“ ein faschistischer, mit „Hitler-Deutschland“ verbündeter Staat war.

Dr. Vojtech Tuka am Schreibtisch links (auch als „Schlächter der slowakischen Juden“ bekannt), rechts Reichsminister des Auswärtigen von Ribbentrop bei der Unterzeichnung des Deutsch-Slowakischen Vertrags (dem über das Schutzverhältnis zwischen dem Deutschen Reich und dem Slowakischen Staat) im März 1939.
Dr. Vojtech Tuka am Schreibtisch links (auch als „Schlächter der slowakischen Juden“ bekannt), rechts Reichsminister des Auswärtigen von Ribbentrop bei der Unterzeichnung des Deutsch-Slowakischen Vertrags (dem über das Schutzverhältnis zwischen dem Deutschen Reich und dem Slowakischen Staat) im März 1939.

In der Tschechoslowakei waren Juden grundsätzlich rechtlich gleichgestellt. Dies änderte sich 1939 in der Slowakei radikal und verschärfte sich mit dem „Judenkodex“ im September 1941. Damit wurde die systematische Diskriminierung verschärft, die 1942 in großen Transportwellen in die Vernichtungslager gipfelte.

Zwei besondere Ausnahmen

Mit dem ersten Transport der Slowakei, der am 25. März 1942 Deutschendorf/Poprad verließ, wurden 999 junge Frauen und Mädchen nach Auschwitz deportiert. 110 davon waren aus Krompach. Nach diesem Transport wurden auch Männer und ganze Familien deportiert. Insgesamt wurden zwischen März und Oktober 1942 rund 57.700 Juden deportiert – zwei Drittel der Gesamtpopulation. Nach dem Krieg sollen von den einst 282 Juden in Krompach nur noch fünf oder sechs geblieben sein.

Hierzu sind Silvester Valent und Pavel Kubovčík zu nennen, haben sie doch unter Lebensgefahr jüdische Mitbürger in den umliegenden Wäldern und Kellern Krompachs versteckt.

Eine starke Motivation

Was aus dem Ärztepaar Littmann wurde, beschäftigt mich. Es folgt jedoch zunächst das Ergebnis meiner Forschung zu Frau Littmann.

Alžbeta Littmann, geb. Wiener, geboren am 15. Juni 1899 in Sillein/Žilina, studierte Allgemeinmedizin an der deutschen medizinischen Fakultät der Karls-Universität zu Prag. Von 1927 bis 1943 war sie als Kinderärztin in Krompach tätig und 1942 auch in Sillein. In Krompach lernte sie ihren Mann Julius kennen. Ab Ende 1944 mussten sie sich notgedrungen verstecken.

Nach dem Krieg wirkte sie als Kinderärztin, Leiterin der Kinderberatungsstelle und von 1950 bis 1953 als Chefärztin der Kinderabteilung des staatlichen Krankenhauses in Krompach. Zudem machte sie sich um den Aufbau der Kinderabteilung und der Verbesserung der Gesundheitsversorgung in dieser Region verdient.

Ein geschichtsträchtiger Geburtsort

Vom 11. Dezember 1918 bis 3. Februar 1919 war der Sitz der vorübergehenden ersten slowakischen Regierung innerhalb der Tschechoslowakei in Sillein/Žilina. 1938 wurde dann am 6. Oktober ebenfalls dort die slowakische Autonomie innerhalb der Tschechoslowakei erklärt. Im März 1942 wurde ein Durchgangslager mit einer Kapazität von über 1.000 Menschen zur Deportation slowakischer Juden in das KZ Auschwitz errichtet. Bis Oktober 1942 hatten 26.384 Juden das Lager passiert.

Zudem war Žilina auch Schauplatz der ersten Kämpfe des Slowakischen Nationalaufstands, welcher durch Wehrmacht- und SS-Einheiten niedergeschlagen wurde und die Besatzung der Slowakei zur Folge hatte.

Was ist ein Jecke?

Frau Littmann war ein Jecke, was allein ihr deutschsprachiges Studium in Prag belegt. Ein Jecke – von „Jackett“ – ist ein „typisch jüdischer Deutscher“, der selbst im heißen Palästina ein Jackett trug, Deutsch sprach und die deutsche Ordnung und Gründlichkeit lebte, aber auch Heimweh nach Deutschland oder der deutschen Sprache und Kultur hatte.

Die anderen Juden dort fanden das alles sehr übertrieben und nutzten es als Schimpfwort. Damit waren nicht nur die aus Deutschland stammenden Juden gemeint, auch die deutschsprechenden Juden Osteuropas wurden Jecken genannt.

Heutzutage befassen sich nicht wenige von deren Nachfahren mit der deutschen Sprache und Kultur, reisen nach Deutschland, um das Land ihrer Väter zu besuchen, oder ziehen sogar ganz dorthin. Manche selbst noch im hohen Alter als Rückkehrer. Manche jener Nachfahren sagen jetzt sogar mit Stolz, dass sie Jecken sind.

Ein Foto der Gemeindechronik von Margareten/Margecany (2011) zeigt Tennisbegeisterte der 1930er Jahre, darunter auch Frau Littmann (gestreiftes Jackett) mit Sohn Peter (gestreifter Pullunder, † 1942 mit 13 an Meningitis) aus Krompach.
Ein Foto der Gemeindechronik von Margareten/Margecany (2011) zeigt Tennisbegeisterte der 1930er Jahre, darunter auch Frau Littmann (gestreiftes Jackett) mit Sohn Peter (gestreifter Pullunder, † 1942 mit 13 an Meningitis) aus Krompach.

Der „gelbe Schein“

Ein sogenannter „gelber Schein“ bzw. die „gelbe Legitimation“ (žltá legitimácia) konnte jüdischen Personen, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit als unentbehrlich galten, eine zeitweilige Ausnahme von den Deportationsmaßnahmen gewähren. Auch die Littmanns hatten einen solchen Schein. Solche Schutzregelungen verloren jedoch mit der Niederschlagung des Slowakischen Nationalaufstands im Herbst 1944 ihre Wirksamkeit. Von da an wurden all diejenigen, die einen gelben Schein hatten, gejagt, was zu einer erneuten Deportationswelle führte.

Besonderer Dank

Ein großes Dankeschön geht an die Gemeinden Krompachy und Margecany für die Unterstützung meiner Recherche sowie an Frau Mária Očvárová, ehemalige Gemeindeschwester der Stadt Krompach, die nicht nur zu Herrn Littmann einiges beantworten konnte, sondern mir auch noch zwei besondere Fotos gab.

Jüdische Ärztin Alžbeta Littmann
Frau Littmann vorne bei einem Treffen im Krankenhaus Ende der 1950er Jahre. Sie starb am 18. Februar 1979.

Eine denkwürdige Frage

Eine denkwürdige Frage kam mir bei meiner Recherche in den Sinn. Die sei aber bis zu meinem Bericht über Dr. Julius Littmann erst einmal zurückgestellt.

Norbert Hecht