Beitragsbild Stefanie Bose

Wie ich unverhofft in der Slowakei gelandet bin

Stefanie Bose ist Sprach- und Kulturmittlerin für Slowakisch und Tschechisch und übersetzt auch aus beiden Sprachen. Sie lebt in Leipzig, engagiert sich für die Städtepartnerschaft Leipzig – Brno und ist darüber hinaus in den Vereinen Leselust Leipzig e. V. und Slováci v Sasku e. V. (Slowaken in Sachsen) tätig. Lesen Sie im Artikel mehr über die Erfahrungen, die sie in diesem Frühjahr in der Slowakei gemacht hat.

Zum Slowakischen habe ich durch Zufall gefunden. Nach dem Abitur war ich auf der Suche nach einem Freiwilligendienst und bin in einem Projekt im ostslowakischen Tausendseelenort Bežovce gelandet, wo ich nach kurzer Zeit bekannt war, wie ein bunter Hund – beziehungsweise eine junge Frau, die sich aus Deutschland in den hintersten Osten der Slowakei verirrt hat. Slowakisch konnte ich damals noch nicht und habe es zunächst auch nicht gelernt, eher „Východniarsky“. Einen Sprachkurs für Ausländer gab es nicht.

Nach 1,5 Jahren, in denen ich deutsches Kleinstadtkind vielfältige spannende Erfahrungen gesammelt hatte (mit Kindern, Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, Roma, kirchlicher Jugendarbeit, gesamtslowakischen Ferienlagern und dem Leben im Dorf, …), bin ich mit ganz ordentlichen Sprachkenntnissen nach Deutschland zurück und habe in Leipzig unter anderem Westslawistik (Slowakisch, Tschechisch, Polnisch) und Ethnologie studiert. Slowakisch blieb immer meine liebste Sprache und hat den Grundstein für meine sprachliche Zukunft gelegt. Der Slowakei bin ich verbunden geblieben, habe zehn Jahre lang als Referentin für den Honorarkonsul der Slowakischen Republik in Leipzig gearbeitet (bis 2024) und bin u. a. als Projektmanagerin und Community-Dolmetscherin tätig. Seit circa zehn Jahren übersetze ich aus dem Slowakischen und Tschechien: Belletristik, Lyrik, journalistische und Fachtexte, inzwischen auch Untertitel und Drehbücher. Da die Sprachen recht ‚klein‘ sind, muss man breit aufgestellt und gut vernetzt sein, um entsprechende Aufträge zu erhalten. Die meisten können davon ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten.

Mein Tichý pobyt v Banskej Štiavnici – Stiller Aufenthalt in Schemnitz

Das erste Mal im Leben hatte ich mich für ein Residenzstipendium beworben und es erhalten. Im April 2025 durfte ich vier Wochen im Rahmen von Trojica AIR[1] (artist in residence) im wunderschönen mittelslowakischen Schemnitz/Banská Štiavnica arbeiten. Mein Übersetzungsprojekt: „Hotel Balkán“,das Debüt von Miroslava Kuľková (2023 KK Bagala). Das Buch erscheint 2026 im Verlag danube books auf Deutsch und ich freue mich darüber auch deshalb sehr, weil es endlich mein erstes ‚eigenes‘ Buch ist, keine Anthologie, Zeitschrift, Lyrik oder Kooperationsprojekt.

In der geräumigen Wohnung im historischen UNESCO-Stadtkern habe ich mich schnell eingelebt. Überrascht hat mich, dass es so still war. Die dicken Mauern ohne Fenster zu einer Hauptstraße machten das Domizil zu einer Oase der Einsamkeit und Ruhe. Keine Autogeräusche, kaum Stimmen (nur Vögel) und keine lärmenden Nachbarn. An den Nachmittagen habe ich die Umgebung erkundet, bin auf Berge gestiegen, den Spuren von Sládkovič und seiner Marina gefolgt, ins Museum gegangen und unter Tage auf den Spuren der Geschichte der deutschen Bergleute aus dem Mittelalter gewandelt. Meine erste Residenz hat mich bereichert, begeistert und motiviert, weiter zu übersetzen, auch wenn man damit nicht reich wird.

Highlight war das TRANZ-Festival[2] für literarische Übersetzung in Neusohl/Banská Bystrica, das von hochmotivierten, tollen Menschen organisiert wird, um am Übersetzungsprozess von Literatur beteiligte Menschen zu vernetzen und ein Podium zu geben. Die Atmosphäre war wunderbar und der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen besonders wertvoll. Beeindruckt hat mich das Engagement der Szene, gerade weil die Situation in der Kultur im Moment besonders schwierig ist und viele Projekte bedroht sind.

Auf dem Rückweg nach Deutschland habe ich noch einen Zwischenstopp in Trenčín eingelegt, um an einem Vernetzungstreffen mit deutschen und slowakischen Akteuren bezüglich des Kulturhauptstadtjahres 2026 teilzunehmen. Viele Ideen sind entstanden und ich freue mich, auch weiterhin zwischen der Slowakei und Deutschland vermitteln zu können.

Andere Länder, andere Sitten

Es tat sehr gut, mal wieder über den Tellerrand zu schauen. Amüsiert haben mich Kleinigkeiten, die bisweilen ins Auge (oder Ohr) fallen: wesentlich dünnere Ampelmännchen, amerikanisch klingenden Rettungssirenen, Wohnungen mit Toiletten ohne Waschbecken, Supermärkte und Läden, die auch sonntags öffnen, Bahntickets mit Festpreisen oder Regale mit ‚heimischer‘ Literatur im Buchladen – in Deutschland wüsste ich nicht, dass es ein Regal extra für deutsche Literatur gibt, maximal für Regionalia. Auch das im slowakischen ÖPNV gut funktionierende Internet oder dass die Züge, trotz Ersatzverkehr, relativ pünktlich waren.

Nach 15 Jahren wieder in die Ostslowakei zu reisen (im Anschluss an meine Residenz) war besonders spannend. In dieser Zeit hat sich so einiges geändert, aber die Herzlichkeit und der Sliwowitz waren immer noch da. Und wesentlich mehr Roma, die sich alte Häuser in den Dörfern des Ostens kaufen und oftmals pompös renovieren, weil sie im Ausland Geld verdienen. In einem Ort haben sie sich sogar beim Bürgermeister beschwert, dass die Slowaken (wahrscheinlich ältere Leute, die dort noch leben) ihre Häuser nicht in Schuss bringen und damit das Bild der Straße stören. Das hätte es früher nicht gegeben.

Stefanie Bose

Drei Buchentdeckungen – Was ich während meines Aufenthaltes gelesen habe: Literarische Reise durch die Slowakei von Ost nach West

Bratislava: Všetko, čo som ti nestihol povedať von Spevák Jakub

Banská Štiavnica: Tichý pobyt na ulici Gwerkovej-Göllnerovej von Anna Grusková

Košice: Sídlisko von Monika Nagyová

Weiterlesen oder hören:

Für das Slovenské literárne centrum haben die Autorin und ich ein Gespräch[3] geführt und in den Štiavnické noviny 9/2025 (S. 8) ist ein Interview mit mir erschienen.

Auch Radio Slowakei International hat am 15. Mai 2025 ein Interview mit mir gesendet.

Infos zu mir unter:

VdÜ  verzeichnis.literaturuebersetzer.de
DoSlov doslov.sk/prekladatelia


[1] Das Slowakische Literaturzentrum, die Stadt Banská Štiavnica und die Autorengesellschaft LITA kooperieren seit 2019, um von Januar bis Dezember, elf Übersetzerinnen und Übersetzern aus dem Slowakischen jeweils einen einmonatigen Arbeitsaufenthalt zu ermöglichen.

[2] Mehr zum Hintergrund des Festivals und zum Programm

[3] Das Gespräch mit Dado Nagy wurde aufgezeichnet und kann auf dem Kanal des Slowakischen Literaturzentrums (Slovenské literárne centrum) abgerufen werden: Diskusia Trojica