Wo der Klang den Himmel berührt
Es gibt Geschichten, die unscheinbar beginnen – auf einer Kirchenbank, unter einem Gewölbe, das den Blick nach oben zieht. Für Juraj Křemen begann alles genau dort. Als Kind stand er in der Kirche lieber bei den Organisten als zwischen den Gläubigen und beobachtete fasziniert ihr Spiel – die Hände, die Füße und den Klang, der den Raum wie ein eigener Atem erfüllte.
Heute, Jahre später, gehört er selbst zu jenen Musikern, die mit einem einzigen Ton etwas im Inneren der Menschen öffnen. Er absolviert derzeit das postgraduale Konzertexamen an der Hochschule für Musik Saar in Saarbrücken, hat einige der bedeutendsten Orgeln Europas zum Klingen gebracht und seinen Weg mit einer stillen, tiefen Hingabe verfolgt.
Im Gespräch erfahren Sie:
- wie ein Moment auf der Orgelempore sein Leben prägte,
- wie es für ihn war, in der Kathedrale von Notre-Dame zu spielen,
- weshalb die Kirche ein anderer Klangraum ist als der Konzertsaal,
- was das Orgelstudium einzigartig macht,
- und warum klassische Musik noch immer die Seele berührt.
Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass das Orgelspiel genau das ist, was du in deinem Leben tun möchtest?
Am 8. Juli 2009. Das weiß ich noch ganz genau. (lacht) Damals fand ein Orgelfestival statt. Ich saß oben auf der Empore und beobachtete den Organisten beim Spielen – und dieser Moment hat mich so tief berührt, dass ich innerlich plötzlich wusste: Das ist es, das will ich tun.
Von da an verlief für mich alles erstaunlich glatt. Ich habe mich am Konservatorium in Pressburg/Bratislava beworben und wurde angenommen. Danach folgte die Hochschule in Prag – auch dort wurde ich sofort aufgenommen. Es kamen Erasmusaufenthalte in Regensburg und Stuttgart hinzu und anschließend ein weiteres Studium an der Hochschule für Musik in Stuttgart. Ich habe tatsächlich nie erlebt, dass mich jemand abgelehnt hätte. Für mich war das ein Zeichen, dass genau das der richtige Weg ist.
Du hast diesen August bei den „Auditions d’orgue“ in der wiedererstandenen Kathedrale von Notre-Dame in Paris gespielt – jener Kathedrale, deren Feuerbilder vor sechs Jahren um die Welt gingen. Hättest du dir damals träumen lassen, dass du dort eines Tages spielen würdest?
Ich hätte wahrscheinlich gelacht. Und es nicht geglaubt. Notre-Dame ist für Organisten das, was Wimbledon für Tennisspieler ist – ein Lebensziel, ein Karriereziel, ein unerreichbar wirkender Traum. Für mich ist es bis heute ein Wunder, dass ich dort spielen durfte. Dass mir so etwas überhaupt widerfahren ist.


Interessant, dass du sagst, es sei dir „widerfahren“. Dabei steckt dahinter sicher enorme Arbeit – oder nicht?
Natürlich, ja. Aber es gibt viele andere Organisten, die vielleicht länger oder härter arbeiten als ich. Viele sehr erfahrene Musiker haben dort nie gespielt, obwohl sie es gern wollen. Ich denke, ein wenig Glück gehört immer dazu. Für mich fühlt es sich an wie ein Geschenk Gottes, dass mir das ermöglicht wurde.
Wie war es denn wirklich? Was hast du während des Konzerts erlebt?
Ich hatte ja fünfzehn Jahre lang die Live-Übertragungen aus Notre-Dame im Internet verfolgt. Und plötzlich selbst dort zu stehen – das war fast übernatürlich. Normalerweise fühle ich vor Konzerten eine gewisse Verantwortung, manchmal auch Anspannung. Aber dort? Kein Funken Stress. Kein Hauch Nervosität. In diesem Moment hat alles ineinandergegriffen und ich habe mich beim Spielen noch nie so wohl gefühlt.
Und natürlich: Der Raum selbst ist überwältigend. Es ist etwas völlig anderes, in einem Konzertsaal zu spielen oder in einem solchen Sakralbau.
Wenn wir bei diesem besonderen Raum bleiben: Worin unterscheidet sich das Spielen in einem Saal vom Spielen in einer Kirche?
Das natürliche Umfeld der Orgel ist der Kirchenraum. Dort hat der Klang eine andere Energie und das Sakrale wirkt auf den Menschen. Die Menschen kommen abends nach der Arbeit – müde, mit Kopfschmerzen – und gehen später ruhiger, leichter, innerlich geordneter nach Hause. Das haben mir schon viele erzählt.
Und obwohl man den Organisten im Kirchenraum oft gar nicht sieht, entsteht manchmal ein noch tieferes Gefühl der Verbundenheit mit den Zuhörern als im Konzertsaal – als würde sich die Musik auf direktem Weg zu ihnen finden. Ich bete übrigens immer vor den Konzerten für die Menschen, die kommen.


Und jenseits dieser Atmosphäre gibt es noch eine andere Besonderheit der Orgel? Schließlich gleicht kein Instrument dem anderen.
Wir Organisten müssen zu unseren Instrumenten reisen und wir müssen uns gegenseitig kennenlernen – der Organist und die Orgel. Bevor ich irgendwo spiele, lasse ich mir immer die Disposition schicken. Ich brauche die Zahl der Register, die Art der Register, die Anzahl der Manuale. Alles kann sich unterscheiden.
Wenn ich etwa auf einer kleinen barocken Dorforgel spiele, die vielleicht sogar eine kurze Oktave hat, unterscheiden sich schon die Töne selbst. Ich muss das Instrument gut studieren und danach entscheiden, welche Stücke darauf möglich sind. Denn nicht alles lässt sich auf jeder Orgel spielen.
Mit so einer Komplexität haben andere Musiker wohl kaum zu tun, oder?
Überhaupt nicht. In dieser Hinsicht sind wir wirklich einzigartig. Unsere Vorbereitung ist mit Abstand die komplexeste – gerade weil sich unsere Instrumente so wesentlich voneinander unterscheiden.
Wie sieht dann eigentlich ein Studium aus? Jede Universität hat ja kaum alle Typen von Orgeln zur Verfügung.
Natürlich nicht. In Prag stehen drei Instrumente, in Stuttgart zwölf, in Regensburg vierzehn. Und genau das ist das Wunderbare an Stuttgart und Regensburg: Für jede Epoche gibt es dort ein passendes Instrument. Wenn ich Bach spiele, gehe ich an eine Bach-Replik. Wenn ich deutsche Romantik spiele, wähle ich ein Instrument mit deutscher romantischer Charakteristik. Wenn ich Widor spiele, reserviere ich einen Raum mit einer französischen symphonischen Orgel.
Die deutschen Hochschulen können Studierende unglaublich authentisch auf das Spielen in ganz Europa vorbereiten. Deshalb denke ich: Wer ein Orgelstudium erwägt, sollte unbedingt über ein Studium im Ausland nachdenken. In Deutschland wird die Orgelkunst insgesamt ganz anders wahrgenommen als in der Slowakei.
Inwiefern anders?
Zum Beispiel müssen Organisten, die in Kathedralen und Basiliken spielen, fast immer ein Hochschulstudium haben. Dort ist es ein ganz normaler Beruf. In der Slowakei heißt es oft: „Du kannst ein bisschen spielen, du warst mal in der Musikschule, du hast sonntags Zeit – spiel die Messe.“ Und die Qualität der Musik ist dann entsprechend. Es gibt ein paar wenige Orte, wo ausgebildete Organisten spielen, aber die könnte ich an einer Hand abzählen.


Siehst du eine Chance, dass sich das in Zukunft ändert, oder bleiben wir da zurück?
Im Moment bleiben wir dabei zurück. Es gab einen Versuch: einen Gesetzesentwurf einzubringen, um die Position des Kirchenmusikers und Organisten offiziell zu definieren und sie vom Kulturministerium mitzufinanzieren, ähnlich wie die Gehälter der Priester. Ich kann es vielleicht nicht perfekt erklären, aber das Ziel war, dass diese Position überhaupt entsteht und gleichzeitig höhere Anforderungen gelten. Viele ausgebildete Organisten haben das unterstützt – aber leider wurde es abgelehnt.
Apropos Wahrnehmung und Wertschätzung: Man sagt, niemand sei im eigenen Land ein Prophet. Du hast im Ausland Erfolg – wie wirst du zu Hause wahrgenommen?
Es gibt immer Menschen, die kritisieren. Das begegnet mir auch. Konstruktive Kritik nehme ich gern an – sie bringt einen weiter. Aber die Hater habe ich gelernt auszublenden.
Ich denke, die Menschen, die meine Konzerte wirklich besuchen, wissen es zu schätzen. Und mein Umfeld ist sehr unterstützend. Die meiste Kritik erlebe ich indirekt. Ich weiß nicht, ob es nur in der Slowakei so ist, aber es wirkt oft so: Wenn Eishockey-WM ist, sind plötzlich alle die besten Trainer; bei der Fußball-EM sind alle die größten Experten. Ich nenne das die „Krise der Autoritäten“. Jeder fühlt sich zu allem kompetent, ohne Ausbildung, ohne Erfahrung, oft ohne Wissen. Aber ich muss sagen, mein Umfeld ist wirklich sehr, sehr unterstützend.
Die Kultur erlebt weltweit schwierige Zeiten. Wir leben im Zeitalter von Social Media und Streaming, viele schauen lieber ein kurzes Reel, als in die Philharmonie zu gehen. Kann Orgelmusik heute noch begeistern?
Es stimmt, die Orgelmusik hat ihr ganz eigenes Publikum. Der Altersdurchschnitt ist höher und viele widmen sich fast ausschließlich dieser Klangwelt. Aber gerade deshalb darf man nicht unterschätzen, was sie auslösen kann. Man muss ihr nur einmal wirklich begegnen – ein einziges Mal. Dieses Erleben lässt sich nicht digital vermitteln.
Musik hat die Fähigkeit, direkt zur Seele zu sprechen, in einer Tiefe und Echtheit, mit der soziale Medien niemals konkurrieren können. Sie öffnet Räume, in denen der Mensch wieder spüren kann.
Und zum Abschluss – eine letzte Frage: Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Die nächsten zwei Jahre werde ich weiter in Deutschland studieren. Und natürlich: Konzerte, Projekte und persönliches Wachstum.
Das Gespräch führte Lucia Vlčeková.
