Beitragsbild Verlorenseifen

Zur Bahnstrecke Margarethen/Margecany – Rotenstein/Červená Skala

Im Juliheft des Karpatenblattes informierte Oswald Lipták über die Geschichte und Bedeutung dieser durch das Slowakische Erzgebirge führenden Eisenbahnstrecke. Die nun 90-jährige Eisenbahnverbindung, die Margecany mit dem knapp 180 Kilometer entfernten Neusohl/Banská Bystrica verbindet, wird von vielen Besuchern des Slowakischen Paradieses genutzt.

Das wohl häufigste Ziel ist die Dobschauer Eishöhle/Dobšinská ľadová jaskyňa. Sie zählt zu den größten Europas und ist seit dem Jahr 2000 im Verzeichnis des UNESCO-Weltnaturerbes eingetragen.

Die Bahnstrecke, insbesondere der Abschnitt zwischen Margarethen/Margecany und Rotenstein/Červená Skala, führt nicht nur durch eine wunderschöne Landschaft. An ihr liegen viele Orte, in denen sich von Bela II. gerufene Bergleute und Handwerker niederließen und arbeiteten.

Bahnstrecke Margareten - Rotenstein
Von West nach Ost sind auf dieser aktuellen OpenStreetMap-Karte die entlang der Gleise liegenden Orte Stratená, Dedinky, Mlynky, Tretí Hámor und Nálepkovo hervorgehoben. Ortsgruppen des Karpatendeutschen Vereins existieren in Dobschau/Dobšiná und Wagendrüssel/Nálepkovo sowie in den östlich von Nálepkovo an der Bahnstrecke liegenden Orten Schwedler/Švedlár, Einsiedel/Mníšek nad Hnilcom und Göllnitz/Gelnica.

Fünf Städte mit karpatendeutschen Ortsgruppen entlang der Strecke

Viele Besucher des Nationalparks Slowakisches Paradies/Národný park Slovenský raj aus nördlicher und östlicher Richtung ziehen die 73 Kilometer lange, etwa 90 Minuten dauernde Zugfahrt von Margecany der Busverbindung Deutschendorf/Poprad – Eishöhle Dobšiná vor. Auf den ersten Blick ist das verwunderlich, denn die Busverbindung von Poprad ist mit 27 Kilometern deutlich kürzer und dauert nur 50 Minuten. Die Bushaltestelle „Stratená, Dobšinská ľadová jaskyňa“ liegt zudem näher am Eingang zur Eishöhle als die Bahnstation gleichen Namens.

Für die Fahrt mit dem Zug gibt es zwei gute Gründe. Erstens erhöht der Blick aus dem Zugfenster die Vorfreude auf die geplante Tour. Wer aus Deutschland oder Österreich zum ersten Mal diese Strecke befährt, versteht sofort, warum diese Gegend schon vor Jahrhunderten zu einem beliebten Ziel deutschsprachiger Auswanderer wurde. Das verdeutlichen die zahlreichen Kommentare der Touristen. So hört man oft für die Landschaft um Orte wie Göllnitz/Gelnica, Einsiedel an der Göllnitz/Mníšek nad Hnilcom, Schwedler/Švedlár, Wagendrüssel/Nálepkovo und das kleine Stratená Ausrufe wie „nádherná“, „wunderschön“, „gyönyörű“ oder auch „wonderful“.

Zweitens existiert ein Naturlehrpfad von der Bahnstation zur Eishöhle. Im Bistro am Weg kann man das traditionelle Essen dieser Region, die „Gemerské guľky“, bestellen. Dieses typische, sättigende Gericht der Bergleute und Waldarbeiter gab es früher in jedem Haushalt. Heute ist es bei hungrigen Touristen beliebt.

Verschollen, wiedergefunden und erneut verloren

Wie Göllnitz, Schwedler und die anderen genannten Orte hat auch das heutige Stratená einen deutschen Namen. Der unvergessene Johann Loisch (1878–1945) stellte 1942 in seiner für die Karpathen-Post geschriebenen Reihe „Verschollene deutsche Ortsnamen in der Zips“ fest, dass dieses Dorf und der es durchfließende Fluss von den Dobschauern in ihrem Dialekt schon immer Vloarnseifen – hochdeutsch Verlorenseifen – genannt wurden.

Er belegt dies mit Texten des Dobschauer Mundartdichters Samuel Klein (1847–1915). Klein erwähnt Vloarnseifen mehrfach: „Verlorene Seifen Bächlein, allwo der Häuer früher Erz gesiebet und geseufet hat. Wenn das Wasser stellenweise verschwindet, ist es ein verlorenes Seifen.“ Weiter führt er aus: „Strazena, slaw. Name des Nachbardörfleins, hat seinen Namen vom Bächlein, das sich verliert, periodisch verschwindet und hervorquillt.“

Zu dieser Zeit hieß der Ort in der ungarischen Amtssprache „Sztracena“, slowakisch Ztratená. Der Name entstand aus „ztratená voda“, d. h. „verlorenes Wasser“. Allerdings ist zu bemerken, dass die Ortsbezeichnung Verlorenseifen zwischen 1935 und 1940 in mehreren Mitteilungen der Karpathen-Post vorkommt. Das schmälert nicht Loischs Verdienst, den deutschen Namen wieder in Erinnerung gerufen zu haben. Viel half das jedoch nicht, denn nach 1945 ist dieser Name tatsächlich verloren gegangen. Immerhin wird Verlorenseifen auf geologischen Karten und auch auf der Wikipedia-Seite zu Stratená zusammen mit der ungarischen Bezeichnung Sztracena aufgeführt.

Kontrast zwischen Landschaft und einigen Bahnhöfen

In starkem Kontrast zur Landschaft steht das Aussehen einiger Bahnhöfe entlang der Strecke. Während der Bahnhof Nálepkovo aufgrund der bescheidenen Mittel noch akzeptabel wirkt, lässt der Zustand anderer Stationen wie Tretí Hámor und Dedinky die Reisenden nur den Kopf schütteln.

Dass es auch anders geht, zeigt der saubere, mit Blumen geschmückte Bahnhof von Verlorenseifen/Stratená. Sein Bild passt zu der herrlichen Aussicht vom Zug auf den Ort, der in ein idyllisches Tal eingebettet ist. Der sowohl dem tschechischen Schauspieler Jan Werich (1905–1980) als auch dem tschechischen Regisseur František Vláčil (1924–1999) zugeschriebene Spruch „Kto chce, hľadá spôsoby, kto nechce, hľadá dôvody.“ („Wer will, sucht Wege, wer nicht will, sucht Gründe.“) scheint hier wieder einmal zuzutreffen.

Dr. Heinz Schleusener