Zwischen Himmel und Hörsaal
Morgens Uni, nachmittags Abflug – was für viele nach einem wilden Balanceakt klingt, ist für Terézia Litvinská schlicht Alltag. Die 22-Jährige studiert Lehramt für Deutsch und Englisch – und wenn sie nicht gerade Hausarbeiten schreibt oder sich durch Grammatiktheorie kämpft, hebt sie wortwörtlich ab: als Flugbegleiterin. Mit Terézia Litvinská – oder Tess, wie sie nur Auserwählte nennen dürfen – sprechen wir über Lebenskreuzungen und Luftlöcher, über mutige Entscheidungen, das Schweben über den Wolken – und das manchmal ziemlich harte Aufsetzen in der Realität.
Es ist fast ein Wunder, dich mal mit beiden Füßen auf dem Boden zu erwischen. Wie geht es dir?
Tess: Mir geht es großartig. Seit der Sommer angefangen hat und ich wieder fliege, fühlt sich das Leben richtig gut an.
Heute hast du Dienst auf Abruf – das heißt, du könntest jeden Moment zum nächsten Flug geholt werden. Ich will also nicht riskieren, dass du mir mitten im Gespräch davonfliegst. Fangen wir also direkt an: Wie bist du eigentlich über die Wolken gekommen?
Oh, das ist eine lange Geschichte. Nach dem Abi bin ich zum Studium nach Österreich gegangen – an die Fachhochschule in einer kleinen Stadt namens Krems an der Donau. Der Studiengang hieß, glaube ich, Tourismus- und Freizeitmanagement. Aber alles war sehr theoretisch und ich habe ziemlich schnell gemerkt: Das bin ich nicht. Also habe ich gesagt: Ich höre auf. Ich probiere etwas anderes. Und bis ich weiß, was das ist, suche ich mir erst mal einen Job.
War das eine schwere Entscheidung – das Studium abzubrechen? Ich erinnere mich, wie sehr du dich damals auf das Auslandsstudium gefreut hast. Es hatte gewirkt, als würde plötzlich alles zusammenpassen.
Das dachte ich auch. Aber du weißt ja, wie das ist – ein Reality Check kann dich überall treffen. Der Studiengang hat einfach nicht zu mir gepasst. Es war keine leichte Entscheidung, aber ich glaube, sie war richtig. Gleich nach dem ersten Prüfungszeitraum habe ich auf Instagram eine Anzeige gesehen: In Prag läuft gerade ein Bewerbungsverfahren bei Smartwings. Und ich dachte: Ich probier’s. Es war schon immer ein Traum von mir, Flugbegleiterin zu werden. Und dann hat’s geklappt. Ich habe das Auswahlverfahren geschafft, die Ausbildung gemacht – und jetzt fliege ich.



Wie läuft so ein Bewerbungsprozess eigentlich ab? Welche Anforderungen gibt es und hat dich etwas überrascht?
Das Gespräch fand direkt am Flughafen statt. Was mich total überrascht hat, war die Zahl der Bewerber. Ich dachte naiv: Wer will denn Flugbegleiterin werden? Und dann komme ich da an und sehe: anscheinend jeder. Ich schätze, es waren etwa 250 Leute. Zuerst wurden wir in einen riesigen Raum geführt, es gab eine Unternehmenspräsentation, dann einen Englischtest, einen allgemeinen Eignungstest und am Ende ein persönliches Gespräch. Eine Woche später kam die Rückmeldung, ob man genommen wurde.
Wer durchkommt, startet mit der Ausbildung – und die ist wirklich intensiv. Man wird auf alles Mögliche und Unmögliche vorbereitet: medizinische Notfälle, Zwischenfälle im Flugzeug, Notlandungen… Denn eine Flugbegleiterin reicht nicht einfach Kaffee. Wir sind sogar darauf trainiert, im Notfall ein Baby an Bord zur Welt zu bringen.
Glauben viele, dein Job besteht nur darin, Kaffee in ein paar Kilometern Höhe zu servieren?
Ja, das ist ein weitverbreitetes Klischee. Ich habe früher mal als Kellnerin gearbeitet und so professionell geschultes Personal wie im Flugzeug habe ich dort nie erlebt.
Du bist den ganzen Sommer über geflogen, aber dann hast du dir eine kleine Pause gegönnt und an der Comenius-Universität in Bratislava angefangen zu studieren. Wie kam es dazu?
Ganz ehrlich: Mich haben die Sprachen gereizt, nicht unbedingt der Lehrberuf. Ich spreche gut Deutsch und Englisch – also dachte ich, warum nicht? Momentan frage ich mich doch, ob das wirklich das ist, was ich machen will. Vielleicht will ich noch mal etwas ganz anderes ausprobieren. Ich bin ja erst 22.
In der Slowakei herrscht oft dieser Druck: Schule, Job, Hochzeit, Kinder – alles in der richtigen Reihenfolge. Und wenn man da mal nicht reinpasst, denken viele sofort: Da stimmt doch was nicht. Aber ich finde, mit Anfang zwanzig muss man noch nicht wissen, was man sein ganzes Leben lang machen will. Man verändert sich. Und mit 25 sieht man viele Dinge vielleicht ganz anders als mit 19.
Spürst du manchmal gesellschaftlichen Druck?
Klar, den Druck spüre ich – aber ich habe gelernt, gut damit umzugehen. Mein Studium in Österreich hat mir da sehr geholfen. Da waren Studierende von 18 bis 45 Jahren – alle im ersten Semester. Und niemand hat sich gefragt, ob jemand „zu alt“ oder „zu spät dran“ ist. Viele meiner älteren Kommilitonen hatten spannende Lebenswege. Sie waren viel gereist, hatten Berufe gewechselt und wollten jetzt einfach nochmal studieren. Das hat mich beruhigt. In der Slowakei wird da schneller geurteilt. Ich habe gelernt: Man kann auch anders leben. Ohne festen Zeitplan.
Lebst du nach dem Motto: „Das Einzige, was ich muss, ist sterben“?
Und Steuern zahlen. Ja, ziemlich genau so. Ich glaube nicht daran, dass man sein Leben komplett durchplanen muss. Im Gegenteil – ich bin froh, dass bei mir vieles anders gekommen ist als erwartet. Manchmal bringt gerade das Ungeplante die besten Erfahrungen. Deshalb finde ich es auch falsch, sich vom gesellschaftlichen Druck in etwas drängen zu lassen, das man eigentlich gar nicht will. Trotzdem höre ich oft: „Such dir mal einen richtigen Job.“
Und was ist eigentlich ein „richtiger Job“?
Gute Frage. Wahrscheinlich einer, bei dem man frustriert und unglücklich ist – aber dafür sagen kann: Ich bin ordentlich beschäftigt. Ich habe manchmal den Eindruck, viele denken, Arbeit muss wehtun, sonst zählt sie nicht. Und das finde ich ehrlich gesagt ziemlich traurig.



Wir sind ja fast gleich alt – wir haben sogar mal eine Zeit lang zusammen in der Schule in einer Bank gesessen. Kürzlich habe ich gehört, dass man unsere Generation „Freigeister“ nennt. Wir seien unentschlossen, ständig auf der Suche und nicht bereit, uns einzuordnen. Was meinst du dazu?
Ja – und Gott sei Dank ist das so. Wir leben in einer ganz anderen Welt als unsere Eltern oder Großeltern. Wir wurden in eine offene Welt hineingeboren und ich finde, es ist nur konsequent, dass wir ihr auch offen begegnen. Warum sollten wir alles genauso machen wie früher, nur weil es irgendwie „funktioniert“ hat? Das bedeutet ja nicht automatisch, dass die Menschen damals auch glücklich waren. Ich glaube, unsere Generation nutzt einfach das, was wir haben: Freiheit. Und das ist nichts Negatives. Es heißt nicht, dass wir unzuverlässig oder verantwortungsscheu sind. Es heißt nur, dass wir vom Leben mehr wollen als bloß Pflichterfüllung.
Dass wir alles vom Leben wollen, sieht man auch daran, dass wir vieles parallel machen. Du fliegst und studierst gleichzeitig – wie geht das?
Es ist manchmal chaotisch. Ich kam mal direkt nach einem Flug in Uniform zur Vorlesung, weil ich keine Zeit mehr hatte, mich umzuziehen. War ganz lustig. Aber meine Kommilitonen und Dozenten wussten Bescheid – und waren durchwegs verständnisvoll und hilfsbereit.
Was ist das Schönste und was das Schwierigste an deinem Job?
Das Schönste? Reisen. Die Welt sehen. Und ja – die schöne Uniform. Das Schwierigste? Die Müdigkeit. Der Job kostet viel Energie. Wir fliegen nachts und tagsüber. Der Schlafrhythmus ist komplett durcheinander. Man muss lernen, überall und jederzeit schlafen zu können. Und ich liebe Schlaf – das macht’s manchmal nicht leicht. Aber selbst an den anstrengendsten Tagen sage ich mir am Ende: Ich habe eigentlich Glück. Ich darf etwas machen, das mir Spaß macht – und das ist nicht selbstverständlich.
Und meine letzte Frage: Stimmt es, dass die heutige Jugend nur Pumpkin Spice Latte mit Bambusstrohhalm schlürft und das dann Leben nennt? Trinkst du Pumpkin Spice Latte?
Bäh, nein. Ich glaub nicht, dass das wirklich jemandem schmeckt. Ich trinke Matcha. Auch wenn viele sagen, das schmeckt wie Gras – das stimmt nicht. Sie haben nur nicht den richtigen probiert. Aber ganz ehrlich: Was ist das Leben ohne Kaffee? Ob mit Bambusstrohhalm oder ohne – wen kümmert’s? Man sollte das Leben einfach genießen.
Lucia Vlčeková
