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Im Fokus: Die deutsche Minderheit in Aserbaidschan

Wussten Sie, dass es in Aserbaidschan eine deutsche Minderheit gibt? Sie ist zwar heute auf eine kleine Zahl zusammengeschrumpft, kann aber dennoch auf eine reiche Geschichte zurückblicken.

Die deutsche Minderheit in Aserbaidschan hat einiges miterlebt. Die ersten Kolonien wurden Anfang des 19. Jahrhunderts in Helenendorf und Annenfeld (heute Göygöl und Schämkir) durch Kaukasiendeutsche schwäbischer Abstammung gegründet. Sie kamen auf Einladung des russischen Zaren Alexander I. in Gebiete des heutigen Georgiens, erfuhren allerdings schwere Rückschläge bei der Ansiedlung, woraufhin etwa vierzig Familien nach Aserbaidschan weiterzogen.

Helenendorf
Schwäbische Familie in Helenendorf (um1910)

Sie ließen sich zunächst in der Stadt Elisabethpol (heute Gänjäin) in Westaserbaidschan nieder. Die Siedler bekannten sich ausschließlich zum Lutherischen Glauben und pflegten sorgsam ihre Bräuche und Traditionen in der neuen Heimat.

Nicht nur ihre Habseligkeiten brachten die Neuankömmlinge mit sich. Durch das Fachwissen der schwäbischen Handwerker und Landwirte wuchsen die neuen Siedlungen rasant. Neben Weintrauben, bauten sie auch Reis, Tabak und Baumwolle an.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts  kamen viele Deutsche ins Land. Große Unternehmen setzten Firmen auf aserbaidschanischen Boden. Siemens beispielsweise, eröffnete im Westen des Landes ein Kupferbergwerk und baute es zum größten des Landes um. Auch durch dessen Fortschrittlichkeit in der aserbaidschanischen Bergbauindustrie konnte die Firma einen entscheidenden Beitrag zur örtlichen Infrastruktur des Landes sowie zu dessen wirtschaftlicher Entwicklung leisten. Steinerne Brücken in den Hügeln der Region erzählen noch heute von dieser Zeit. Auch mit dem Erdölboom Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten viele Deutsche in die boomende Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer ein.

Krieg und Vertreibung

Mit dem Ersten Weltkrieg änderte sich jedoch das Leben der deutschen Minderheit und sie wurde trotz starker Proteste der aserbaidschanischen Bevölkerung nach Sibirien verbannt. Durch den besonderen Schutz von nationalen Minderheiten nach Kriegsende, kehrten die deportierten Familien wieder in ihre Heimat zurück. Auch garantierte ihnen die Regierung einen Sitz als deutsche Minderheit im Parlament.

Baku deutsche Kirche
Die deutsche Kirche in Baku

Der 100. Jahrestag der Gründung Helenendorfs im Jahre 1919 leitete erneut eine Blütezeit deutscher Kolonien ein. Mithilfe der Regierung wurden der Transkaukasische Deutsche Nationalrat und einige deutsche Schulen, Kirchen und Kulturstätten im Land gegründet.

Mit der Eroberung der Aserbaidschanischen Demokratischen Republik durch die Sowjetunion im darauffolgenden Jahr, enteignete man die deutschen Kolonien erneut. Als Reaktion darauf schlossen die einst wohlhabenden Familien sich in Produktionskollektiven zusammen. Das Kollektiv „Concordia“ erwies sich jedoch als so erfolgreich, dass Moskau es für „schädlich“ befand und die Führungsspitze verhaften ließ. Nun wurde auch der Privatbesitz der Häftlinge enteignet und die deutschen Namen der Dörfer annulliert.

Die Emigrationsbereitschaft der Minderheit wuchs immer weiter. Viele, die nicht rechtzeitig ausreisten, wurden als Konterrevolutionäre verhaftet, in Lager gesteckt oder hingerichtet. Im Oktober 1941 bekannten sich noch 20.000 Deutsche zu ihrer Nationalität, 1979 nur noch 1.048.

Mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg wurden alle 22.741 verbliebenen Nachfahren der deutschen Siedler aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit nach Zentralasien deportiert. Viele starben in Arbeitslagern und Sondersiedlungen. Nur wenige der Überlebenden kehrten danach in ihre Heimat zurück. Auch auf Einladung Deutschlands siedelten viele Angehörige der deutschen Minderheit nach Zerfall der Sowjetunion in die Bundesrepublik über.

Aktuelle Lage

Heute zählt die deutsche Minderheit etwa 500 Personen, die vollständig in die aserbaidschanische Gesellschaft integriert sind. Die Bundesregierung unterstützt die Pflege der deutschen Sprache im Land, dennoch spricht kaum noch jemand Deutsch als Muttersprache. Aufgrund von Auswanderung und Überalterung geht man davon aus, dass die Zahl seit der letzten Volkszählung im Jahr 2000 weiter gesunken ist.

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Blick auf den Hafen der aserbaidschanischen Hauptstadt

Die Deutsche Botschaft Baku verwaltet inzwischen die Aktivitäten der deutschen Minderheit in Aserbaidschan. Im Deutsch-Aserbaidschanischen Kulturverein Kapellhaus kann man Kinovorführungen, Klavierkonzerte oder Fotoausstellungen besuchen.

Seit der „letzte Deutsche von Helenendorf“ Viktor Klein 2007 verstorben ist, gibt es im historischen Siedlungsgebiet keine Angehörigen der deutschen Minderheit mehr. Dessen Wohnhaus soll in ein Museum umgewandelt werden, um das Kulturerbe zu erhalten.

Patricia von Mellenthin

Deutsche Minderheiten in anderen Ländern

Wir stellen Ihnen das ganze Jahr über einmal pro Monat eine andere deutsche Minderheit vor. Dabei blicken wir über den Tellerrand in andere Länder. Den Auftakt macht die deutsche Minderheit in Aserbaidschan.

(Quellen: agdm.fuen.org, bundestag.de, baku.diplo.de, aserbaidschan-aktuell.de)