Freiheit Ballon

Auf die Kraft der Freiheit vertrauen

Es ist für unser demokratisches Gemeinwesen die immerwährende Aufgabe dem radikalen politischen Denken zu antworten. Davon handeln die moralischen Schriften des weltbekannten italienischen Humanisten Umberto Eco (1932-2016). Er spricht davon, dass er durch die Kraft des Wortes „Freiheit“ neu geboren wurde. Wie können wir mit Eco die um sich greifende Angst, die Ratlosigkeit in unserer Demokratie verstehen? Sich verkriechen und Trübsal blasen, darf nicht die Antwort sein!

Es ist unsere Aufgabe wachsam zu sein, damit der Sinn des Wortes „Freiheit“ nicht wieder in Vergessenheit gerät. Es hilft uns nicht weiter, wenn wir uns über das Unrecht, das in der Welt geschieht, empören und am Ende empörungsmüde werden, über all das nur noch den Kopf schütteln und uns resignierend wie in ein Schneckenhaus zurückziehen und nichts weiter tun. Wir benötigen alle Register der Kommunikation: Empathie und Verständnis, Toleranz und absolut entschiedene Intoleranz gegenüber der Intoleranz, die mit überwunden geglaubten Begriffen aus der Nazi-Diktatur am demokratischen Rechtsstaat zündeln.

Gegen das Vergessen

Eco erkannte schon vor Jahren, dass der Ur-Faschismus immer noch um uns herum ist. Er kann in gutbürgerlicher und ziviler Kleidung und in unschuldigsten Gewändern daherkommen. Und es wäre so bequem für uns, wenn jemand wieder auf die Bühne der Welt träte und erklärte: „Ich will, dass die Schwarzhemden wieder über Italiens Plätze marschieren!“

Doch das Leben ist nicht so einfach! Es ist unsere Pflicht, den Ur-Faschismus zu entlarven und mit dem Finger auf jede seiner neuen Formen zu zeigen – jeden Tag, überall in der Welt, denn Freiheit und Befreiung sind eine niemals endende Aufgabe. Unser Motto muss heißen: „Nicht vergessen“.

Weil heute der Ur-Faschismus wieder den Humanismus in seiner Substanz bedroht, stellt sich uns die Aufgabe, die Achtung des Anderen noch deutlicher öffentlich bewusst zu machen. Denn ohne das achtsame Miteinander, auch im Streit mit dem vernünftigen Argument, gelingt kein demokratischer Prozess in der westlichen Kultur, die nach Eco die Fähigkeit entwickelt hat, ihre eigenen oft widersprüchlichen Bedingungen freimütig offenzulegen. Freilich ist das Miteinander-Reden und Miteinander-Streiten eine anspruchsvolle Kunst, jenseits aller Harmonie- und Konsenssehnsucht. Diese Kunst wird heute schwieriger und anspruchsvoller. Der Einsatz ist hoch. Er lohnt sich, den ein Nichts-Tun und damit ein Mit-Zündeln würde (wieder) in die Katastrophe der Humanität führen.

Wir dürfen uns nicht gestatten, dass das Wahrnehmen des anderen Menschen sich in negativen Bildern festsetzt, die sich dann schnell verfärben und verzerren, was sich dann schwer verändern lässt. Und im Laufe der Zeit schieben sich noch mehr Bilder dazwischen und verstellen dann den Blick immer weiter. Und wenn wir manchmal nicht gleich weiterwissen, dann gestehen wir uns die eigene Ratlosigkeit und Trauer über unser Unvermögen ein und tragen in uns das Problem als weiter zu lösende Aufgabe, suchen weitere Kommunikation und Kooperation zur Überwindung der Irritation und des Leidens unschuldiger Menschen.

Dem Ur-Faschismus die Stirn bieten

Wir können dem Ur-Faschismus durch ein sinn-orientiertes Handeln die Stirn bieten, indem wir die Gestaltung der Welt als gemeinsamen geistigen Gestaltungsprozess vor Ort verstehen. Hier denke ich nicht an ein strategisches Handeln, das mich an die Sprache des Krieges erinnert. Verstehendes Denken ist keine machtvolle Strategie und nicht von vornherein auf feste Ziele fixiert. Verstehendes Denken öffnet vielmehr neue Räume des Erkennens und ermöglicht das Wahrnehmen verschiedener Gesichtspunkte, für die Verständnis möglich ist, jedoch nicht immer Einverständnis. Hier entstehen offene Denk-Räume in einem nicht abschließbaren Prozess in Freiheit und Verantwortung für den Nächsten.

In diesen Räumen kann sich Demokratie als Lebensform entwickeln, die durch Anerkennung der Differenzen und durch wechselseitige Perspektivübernahme das Neue im Raum der Freiheit entstehen lässt. Genau das hatte Umberto Eco im Sinn, der durch die Kraft des Wortes „Freiheit“ neu geboren wurde. Deshalb müssen wir wachsam bleiben, damit der Sinn dieses großen Wortes nicht wieder vergessen oder verwässert wird. Es ist also unsere Pflicht, dass wir als mündige Bürgerinnen und Bürger den Ur-Faschismus entlarven und mit dem Finger auf jede seiner neuen Formen zeigen – jeden Tag und überall in der Welt.

Warum?

Weil „Freiheit eine niemals endende Aufgabe ist“. Dazu mahnt uns auch die heute hoch im Kurs stehende Sinn-Lehre „Logotherapie und Existenzanalyse“ des Seelenarztes Viktor E. Frankl, der Dank der an sich selbst in Extremsituationen erprobten Sinn-Lehre den Holocaust überlebt: Den Sinn der Freiheit müssen wir uns immer wieder und immer wieder neu bewusstmachen.

Prof. Dr. Ferdinand Klein, Logotherapeut