Der Michaelis-Tag in der Kirche von Schwedler

230 ist eine schlagkräftige Zahl und wenn man sich noch die Zahl 500 hinzudenkt, so ergeben sich zwei nette, runde und fürwahr ansehnliche Zahlen, die zwei der wichtigsten und wuchtigsten Ereignisse im Rahmen des Seins und Werdens der Welt und Geistesgeschichte Europas, Deutschlands, der Slowakei und schließlich der Zips und unserer heißgeliebten Gemeinde ineinander und füreinander innerlich bergen. Ereignisse die keinesfalls wegdenkbar sind. Ob sie jemand befürwortet oder verteufelt, sie sind und bleiben stets und für immer nicht nur bloße Jubiläumstage, sondern auch Verweise für die Zukunft. Nein, es war kein Zufall dass an diesem Tage, der dem heiligen Erzengel Michael geweiht ist, viele Gläubige aber auch nicht gläubige Bewohner inklusive eingeladener Gäste in der evangelischen Kirche A.B. in Schwedler feierten.
Nanu, wovon ist denn da die Rede?
Nun, gerade vor 230 Jahren wurde unsere evangelische Kirche feierlich eingeweiht, womit das jahrelange Bemühen unserer Vorfahren mit genugtuendem Erfolg gekrönt wurde. Eigentlich sind hier eindeutige Parallelen leicht zu ziehen. Vor genau 230 Jahren durften und konnten die verfolgten evangelischen Christen von Schwedler endlich ihren Traum erfüllt sehen und sich wieder öffentlich und in aller Ehre Gott in Gebet und tiefem Glauben zuwenden. Damit ist eine wahre Belebung sowohl des geistlichen als auch des sittlichen Lebens zum Tragen gekommen. So wie vor rund 500 Jahren das Pochen auf das Elstner Tor in Wittenberg, wo der Augustiner Mönch und Professor der Theologie Dr. Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen Missstände, vor allem gegen den Ablasshandel in der alten Kirche anschlug und dadurch eine wahre Umwandlung in der Geistesgeschichte der damaligen Welt auslöste.
Die drei Grundsätze von Martin Luther
Über den großen Reformator und sein Werk wurde bereits vieles gedeutet und gedeutelt, wir aber müssen uns seine drei Grundsätze wachrufen und stets vor Augen führen. „Sola Deia“, „Sola Scriptura“ und „Sola Gracia“ wie es der Lateiner sagen würde. Martin Luther brachte es so kernig und kräftig auf Deutsch zum Ausdruck: Allein durch Glauben, allein durch die Heilige Schrift und allein durch die Gnade Gottes kann der Mensch vor Gott und der Welt gerechtfertigt und erlöst werden. Dies sind nämlich die drei Glaubenswurzeln unserer Vorfahren, die ihren Glauben vor Jahrhunderten aus der alten Heimat herbrachten. Er half ihnen die fürchterlichsten Zeiten, die wir uns heute kaum vorstellen können, zu überstehen, ja er ermöglichte es sogar. Ebenso wie die Zeit vor der Reformation in Deutschland und Europa war auch die Zeit vor dem Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. im damaligen Ungarn, in der damaligen Zips und dem damaligen Schwedler durch einen unglaublichen Verfall des kirchlichen und natürlich des sittlichen Lebens gekennzeichnet. Sittenlosigkeit, Rohheit und Ungebildetheit und gänzliche Verwüstung des Tagelebens haben sich damals auch vor 230 Jahren in unglaublicher Art und Weise breit gemacht. Was für ein Wunder, dass es in Schwedler über 70 Jahre lang weder eine evangelische Kirche noch eine evangelische Schule gab?!
Die Feier in Schwedler
Am diesjährigen Michaelis-Tag war herrliches Herbstwetter, als ob sogar der Himmel selbst mitspielte, um dieser Veranstaltung zu gebührendem Gang und Glanz zu verhelfen. Um neun Uhr haben sich Glied an Glied einzelne Mitglieder unserer Kirchengemeinde, einige Vertreter des Karpatendeutschen Vereins mit der Ortvorsitzenden Frau Dipl. Ing. Gabriela Ivančová an der Spitze, der Bürgermeister Vladimir Končík und Vertreter des Gemeinderates im Raum unserer evangelischen Kirche eingefunden, wobei auch die Seelsorger beider Konfessionen – Herr Mag. Vladimir Schwarc für die evangelische und Herr PHD. Martin Pivovarník als Vertreter der katholischen Kirche – schöne Beiträge zu diesem Gedenktag leisteten. Ein glänzendes Beispiel für die Ökumene. Nach der Ansprache des Bürgermeisters, der dem ganzen Wirken unserer Kirchengemeinde im Sein und Werden Schwedlers eine lebenswichtige, ja unersetzliche Rolle zusprach und auf die Wurzeln und die Herkunft unserer bergmännischen Vorfahren verwies, ertönte im Kirchenraum die Stimme unserer Vorfahren selbst. Frau Marie Patz brachte das beispielhafte Gedicht von unserem Mundartdichter Franz Ratzenberger „De Haja“ (Die Hauer) auf herrliche Weise zu Gehör. Da blieb so manches Auge nicht trocken. Es war einfach bezaubernd aber auch besinnend und gedankenanregend. Danach ergriff unser Pastor Herr Pfarrer Schwarc das Wort. Er fasste die ganze Geschichte der Kirchengemeinde und des Kirchenbaus möglichst kurz und bündig zusammen. Daraufhin übernahm der katholische Seelsorger Martin Pivovarník das Wort, der unter anderem auf die Wichtigkeit nicht nur des guten Zusammenlebens im christlichen Sinne, sondern auch auf die gemeinsamen Werte des Glaubens und die Notwendigkeit auch die Vorfahren als Glaubensboten zu ehren, sehr trefflich und ohne drehen und deuteln hervorhob.
Aber auch die Jugend blieb nicht aus
Unter Aufsicht und hervorragender Regieführung von Dipl. Ing. Zuzana Patzová ertönten schöne kirchliche Lieder aus den Mündern unseres Jugendchores, der einen musterhaften und ergänzenden Beitrag zur bewundernswerten Leistung von Frau Marie Patz lieferte. Überhaupt gelang es unserer Presbyterin viele und fürwahr mannigfaltige Angelegenheiten erfolgreich unter einen Hut zu bringen. Nicht wegzudenken sind und bleiben aber auch unsere Bergknappen in ihren schneidigen Uniformen, die als wahre Hüter der weit zurückliegenden bergmännischen Tradition Schwedlers und seiner früheren und heutigen Einwohner fest und würdig ihren symbolischen Wachdienst hielten. Jahrhunderte hindurch taten sie mit einer Hand ihre Arbeit und in der anderen hielten sie oft die Waffen und zwar sowohl in der alten als auch in der neuen Heimat. Heute sind es Kerzen, die in den Händen unserer Bergknappen mit ihrem lodernden mystischen Licht um sich leuchten, fromme Gedanken wachrufen und helfen, eine feierliche Stimmung zu gestalten. Wie oft habe ich jedem einzelnen von ihnen die Hand gegeben und sah in seinen Augen nicht selten ein leuchtendes Glück. Gewiss, sind es meist einfache und bescheidene Leute, die es nicht verstehen mit Eleganz und Schneid Wörter zu versprühen. Für sie wie für ihre Vorfahren zählte und zählt jede Tat mehr als ein Wort und ihre wahre Stärke war immer ihr Charakter. Es gibt da weder Konjunkturjäger noch ständige Eigennutzer oder gar Schmarotzer.
Freude und Glück vermitteln
Unter solchen Leuten kommt es einem so vor, als müsste man jedem der teilnehmenden Mädchen, jedem Burschen, jedem Mann und jeder Frau auf dieser feierlichen Veranstaltung, ob alt oder jung, die Hand wieder reichen und freudig drücken, als sollten wir uns gegenseitig alles Gute und Gottes Segen wünschen und uns von Herzen freuen in dem herrlichen Gefühl, dass allein an diesem heiligen Ort, hier und heute, Freude und Glück von Dauer vermittelt werden. Man behauptet sowas nicht, um sich etwa billige Popularität zu erschwindeln. Diese könnte man sich viel leichter erwerben, indem man vielen schmeichelt und wenige vergisst. Nein, ich sage es, weil es gesagt werden muss, weil jedem Glaubensgenossen oder jeder Glaubensgenossin, ganz gleich ob jung oder alt, damit klar gezeigt werden soll, dass niemand allein und verlassen da steht, sondern gerade auch hier und heute stets Hilfe und Zuflucht suchen kann und immer Freunde findet, die mit ihm durch dick und dünn gehen. Nur diejenigen Angehörigen und Mitglieder unserer Kirchengemeinde, die den unbeschreiblichen Weg für Geltung und Behauptung unsrer Glaubensgemeinschaft durch Lesen und Hören erfahren oder sogar selbst mitgemacht haben, können nämlich heute ermessen, was für einen Weg unsere Kirchengemeinde hinter sich gelassen hat und wie viele Erfolge trotz erheblicher Hürden und Schicksalsschläge wir zu verzeichnen haben.
Was war unsere Kirchengemeinde vor 230 und mehr Jahren?
Unsere Kirchengemeinde wurde oft als ein kleines Häuflein von verzweifelt ringenden Menschen betrachtet, die die damalige Obrigkeit entweder mit strenger Verfolgung, ja mit Hass und im besten Falle mit derbem Hohn als Sektierer mit eisiger Nichtachtung oder öffentlichem Spott belegten. Niemand von uns hätte in jener Zeit für möglich gehalten, dass sich dieses Häuflein einen so würdigen Platz erkämpfen könnte, ja einen so herrlichen Beitrag zur Entwicklung unseres Dorfes leisten würde. Als man Martin Luther fragte, was er denn noch so täte, falls er erfahren sollte, dass er morgen sterben würde, so antwortete er, dass er gerne ein Apfelbäumchen pflanzen würde. Und diese Vorliebe zu diesem Symbol des Glaubens, des Lebens und Wachstums ist auch in unserer Kirchengemeinde mit überwiegend bergmännischer Tradition sichtbar erhalten geblieben. Nur so nebenbei, Martin Luther war auch ein Bergmannssohn und hat nie daraus ein Hehl gemacht.
Luthers Worte im Schwedler von heute
Nach dem Abschluss des feierlichen Gottesdienstes begaben wir uns alle auf den Kirchhof, wo als Andenken an diesen Michaelis-Tag im Park, wo auch Franz Ratzenbergers Denkmal steht, feierlich ein kleines Tannenbäumchen gepflanzt wurde. Als man ein anderes Mal Luther befragte, wo er denn jetzt hausen wolle, wo er doch vogelfrei gesprochen wurde, da rief der große Reformator in ihm eigenen kühnen Ton folgende Worte seinen zweifelnden Befragern zu: „Unterm Himmel!“ Und nun standen auch wir unter heiterem und hellem Himmel und konnten dabei mit Recht sagen: Das Schicksal hat uns nicht unterkriegt! Ja, wir haben in allen Stürmen bestanden. Nicht einmal Verfolgungen und angezettelte Verspottung, die über uns und unsere Vorfahren so oft hereinbrachen, haben unsere Kirchengemeinde feig und klein gemacht. Gottes Hand war über uns!
Die Frucht der Reformation
Vor 500 Jahren hat die Reformation das Erdreich aufgerissen und Martin Luther die junge Saat in die alten Glaubensschollen Deutschlands und Europas hineingeworfen. Und so mancher Säemann ging aus und streute auch in Schwedler neuen Samen aus. So, wie am Beispiel dieses Bäumchens. Und erstaunlicher Weise begann damals wie heute der Boden des Glaubens und Lebens sowohl in Deutschland und ganz Europa als auch in unserem Schwedler wieder zu treiben und erfreuliche Früchte zu tragen. Der Weg wurde damit eingeschlagen. Und vor 230 Jahren ist durch die Weihe unseres Gotteshauses der lange, mühevolle Glaubensweg zu seinem erfolgreichen Höhepunkt gelangt. Das Band des gemeinsamen vererbten Lebens- und Glaubensgutes umschlingt uns alle und ob da einer oben oder unten steht, eines war plötzlich jedem klar geworden: Wir werden weiter in treuer Glaubensgemeinschaft und Zuversicht unsere Gegenwart für die Zukunft meistern.

Oswald Lipták