Brigittefest in Handlova/Krickerhau

Brigittes 75. Geburtstag

Am 10. Februar 1943 wäre Brigitte Irrgang 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass fand in Krickerhau/Handlová ein großes Treffen statt, um der „neuen Märtyrerin“ zu gedenken. „Wohin soll ich mich wenden?“ Wie oft haben die Karpatendeutschen dieses Eingangslied der „Deutschen Messe“ schon gesungen! Franz Schubert hat die acht Lieder der Messe 1827 im Auftrag des Wiener Professors Neumann komponiert. Es hatte gut vierzig Jahre gedauert, bis sich diese Lieder verbreiteten und von da an populär wurden. Das außergewöhnlich schöne „Heilig, heilig, heilig“ kennt ja jeder.
Brigittefest in Krickerhau

Festmesse zum Gedenken an Brigitte Irrgang

Mit etwa diesen Worten eröffnete ich meine Festpredigt am 10. Februar in der Pfarrkirche St. Katharina in Krickerhau/Handlová. Ich bin Brigittes jüngster Bruder und zwar – wie ich es selber gern ausdrücke – durch die Liebe Gottes und meiner Eltern in Krickerhau „entstanden“, aber schon auf der Flucht in Tetschen–Bodenbach (Dečin) geboren. Die Festmesse zu Ehren von Brigittes 75. Geburtstag wurde natürlich auch mit dem Schubertlied begonnen. Die meisten der anwesenden Karpatendeutschen aus Krickerhau und der Mittelslowakei konnten es noch auswendig mitsingen. Brigitte ist in der „Schule am Ring“, wie sie früher hieß, am 10. Februar 1943 geboren und vier Tage später in der Pfarrkirche getauft worden.
Auf Einladung der OG Krickerhau
Eingeladen hatte die karpatendeutsche Ortsgruppe Krickerhau unter Leitung von Hildegard Radovska in Zusammenarbeit mit dem Brigitte-Irrgang-Freundeskreis e.V. aus Deutschland, der mit fünf Personen eigens zu Brigittes Ehrentag nach Krickerhau angereist war. Durch meine Cousine Isa gibt es eine besondere Verbindung zum weltberühmten Kinder- und Jugendchor Permoník in Karwin/Karvina in Tschechisch-Schlesien, nahe der Grenze zur Slowakei und zu Polen.
Permonik-Chor

Konzert des Permoník-Chores

Sie ist ja auch Brigittes Cousine, geborene Paull, Tochter des früheren Krickerhauer Organisten und Kantors Franz Paull, und sie war jahrelang die charismatische Stimmbildnerin dieses riesigen Chorstudios mit über 300 Kindern und Jugendlichen. Von dort kam nun notgedrungen eine kleine Auswahl der Unterstufe (weil die anderen alle in den Schneeferien sind), um den beeindruckenden Gottesdienst noch zu verschönern und ein Benefizkonzert (für die Pfarrkirche) anzuhängen. Ich ergänzte meine Einleitung noch mit dem Hinweis, dass die Schubertlieder zwischendurch aus den Liederbüchern verschwanden und doch von den Gläubigen gern und oft gesungen wurden.
Ein Leben, das viel zu früh endete
Ich nahm dies zum Anlass, über die Verehrung von Brigitte zu sprechen. Brigitte war mit nicht einmal 12 Jahren einem Triebtäter zum Opfer gefallen und hat ihren Widerstand gegen das Ansinnen des Mörders mit dem Leben bezahlt, ohne dass dieser zu seinem Ziel kommen konnte, wie die forensische Medizin in Greifswald nach minutiöser Untersuchung der Verletzungen Brigittes definierte. Der Schmerz über den Verlust der eigenen Tochter unter uns fünf Söhnen war schier unendlich. Die älteren Krickerhauer erinnern sich noch an unseren Vater, Wilhelm Irrgang, der mit nur 29 Jahren zum Rektor der fünf Grundschulen ernannt worden war und 1937 auch die „Schule am Ring“ gebaut hatte, in der Brigitte schließlich geboren wurde. Eine Gedenktafel an der Fassade der Schule erinnert daran: etwa 40 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod ein neues Erblühen ihrer jungen und erstaunlichen Persönlichkeit.
Flucht und Vertreibung
Mit Kriegsende musste unsere Familie mit Hunderten von Krickerhauer Kindern vor der herannahenden Front Richtung Westen bis an die tschechische Grenze ziehen. Vater Irrgang konnte aber bis zum 8. Mai 1945 alle Kinder wieder in die Obhut der Familien oder Verwandten zurück verteilen trotz des Verbotes der unbelehrbaren Schulbehörde in Pressburg. Im Jahr darauf traf auch unsere Familie das Schicksal der meisten Karpatendeutschen. Aus Tschechien vertrieben, landete die Familie in Loitz an der Peene in Vorpommern, wo dann acht Jahre später Brigitte starb als Märtyrerin der Reinheit (martyrium puritatis). Da unser Vater bald nach Ankunft in Loitz Direktor der dortigen Oberschule (früher Gymnasium) wurde, die jungen Oberschüler aber nicht zu perfekten „jungen Kommunisten erzog“ und auch seine Lehrerkollegen anders instruierte, wurde der politische Druck auf ihn zu groß. Unsere Familie floh vier Jahre nach Brigittes Tod in die Bundesrepublik. In unserer Familie bewahrten wir Brigitte in unseren Herzen wie einen stillen Schatz und wir trafen uns jährlich aus Anlass ihres Todestages am 29. September. Ungeahnt treu erwiesen sich die Loitzer und pflegten Brigittes Grab, das trotz des bescheidenen Grabsteines mit der schönen Inschrift „Selig, die ein reines Herz haben“, das über die nächsten dreißig Jahre das am schönsten gepflegte Grab des gesamten Friedhofs wurde. Aber in der „neuen Heimat“ im Westen kannten nur unsere Freunde unseren „geheimen Schatz“.
Brigitte, die neue Märtyrerin
Brigittes Vater starb 1990, Brigittes Mutter Jolanthe 1998, kurz nach dem plötzlichen Tod meines ältesten Bruders Emmerich, einem begnadeten Musiker und Ehrenbürger der Stadt Werl, wo er wirkte. Nur wenige Wochen danach überraschte uns eine Nachricht wie aus heiterem Himmel. Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Prälat Dr. Moll, ließ nachfragen, ob Brigitte Irrgang, etwas mit der Familie von uns beiden Priesterbrüder zu tun habe. Nach der positiven Antwort erfolgte die Aufforderung, den offiziellen Artikel über Brigitte zu prüfen, ob alle Daten und Fakten richtig dargestellt seien. Die Familie traf diese Information mit voller Wucht und nicht gerade mit Beifall: Der ganz persönliche Schatz der Familie sollte plötzlich der ganzen Kirche gehören. Nein, diese plötzliche Wende war nicht in unserem Blickfeld und „störte“ sogar etwas. Als Familie wollten wir mit Brigitte nicht ins Rampenlicht der Öffentlichkeit treten, auch nicht der katholischen Öffentlichkeit. Am 7. Mai 2000 hat der hl. Johannes Paul II. Brigitte zusammen mit 30.000 Märtyrern der ganzen Welt unter die „neuen Märtyrer“ aufgenommen und in einem feierlichen Akt im Kolosseum geehrt.
Ein Freundeskreis für Brigitte Irrgang
Es wurde der Brigitte-Irrgang-Freundeskreis gegründet und 2016 zu einem e.V. erhoben. 101 Krickerhauer haben sich dem Freundeskreis angeschlossen und wurden zunächst informell aufgenommen. Ich zog in meiner Predigt nochmals eine Parallele zum eingangs zitierten Lied. Viele Hindernisse waren zu überwinden, manche Rückschläge zu verkraften. Aber so wie Schuberts Lieder ohne Abstriche wieder aufgenommen worden sind in das neue Gesangbuch, Gotteslob 2, so haben sich die Freunde und Verehrer von Brigitte nicht entmutigen lassen. Ein besonderes Zeichen dafür ist schließlich der große Tag zu Brigittes 75. Geburtstag in Krickerhau. Der Vorsitzende des Karpatendeutschen Vereins, Dr. Ondrej Pöss, übersetzte abschnittsweise meine Predigt, so dass ihr auch alle folgen konnten, die des Deutschen nicht mehr so mächtig sind. Von besonderer Treue erwies sich ein weiterer Freund, Stan Trnovec, aus Pressburg. Er begleitete die kleine Delegation aus Deutschland auf Schritt und Tritt und stand für Übersetzungen zur Verfügung.
Sammlung für das Dach der Kirche
Nach der feierlichen Messe traten die Abgesandten des Brigitte-Irrgang-Freundeskreis e.V. in den Raum vor dem Altar mit besonderen „Gaben“ für die Pfarrei mit ihrem Pfarrer Peter Repa und für Bürgermeister Rudolf Podoba und seine Gattin. Bürgermeister Michael Sack aus Loitz an der Penne, wo sich Brigittes Grabstätte befindet und der Brigitte-Freundeskreis seinen Sitz hat, gab den Delegierten, angeführt von der Projektleiterin und Schatzmeisterin des Freundeskreises e.V., Claudia Redder, einen sehr persönlichen Brief mit für Primator Rudolf Podoba, dazu eine wunderschöne Fototafel, die die verschiedenen Treffen zwischen Loitz und Krickerhau dokumentieren.
Brigittefest in Krickerhau

Treffen der Bürgermeister

Auch zwei Nussbäumchen sind mitgekommen aus Loitz. Hilda wird sich darum kümmern, bis die beiden Bäumchen gepflanzt werden können. Den Standort wird man mit dem Krickerhauer Freundeskreis und der Stadt besprechen. Am Ende des Konzertes ging noch das Körbchen durch die Reihen – vielleicht ein wenig spät. Immerhin lagen 304 Euro für die Dachreparaturen der Kirche drin. Viele Krickerhauer in Deutschland und in der Slowakei sind ja in dieser Kirche getauft worden. Da auch das Regionalfernsehen dabei war, musste das Benefizkonzert bereits beginnen, derweil vor der Kirchtür noch die Interviews liefen.
Permoník brillierte
Die Kinder eroberten die Herzen aller Zuhörer. Im vergangenen Sommer hatte der Erwachsenenchor SPZ Permoník das musikalische Großwerk von fast zwei Stunden – „Brigitte. Ein Loitzer Oratorium in sieben Szenen“ – gleich dreifach uraufgeführt mit Life-Übertragung durch EWTN Deutschland. Die DVDs werden in diesen Tagen fertig und können bei Hilda Radovska bestellt werden – oder auch bei der Pfarrei und vermutlich auch bei der Stadt Krickerhau. Leider war die Kälte so intensiv, dass das gemeinsame Gedenken an Brigittes Gedenktafel an der Schule anders gestaltet werden musste. Erst nach der Gedenkfeier der vielen Karpatendeutschen waren die Kinder fertig mit Umkleiden und Einpacken der Chorkleidung und zogen dann fröhlich singend zur Schule und beeindruckten dort durch viele weitere Lieder. Endlich war man im Kulturhaus wieder zusammen zum gemeinsamen Abendessen mit einer schmackhaften Gulaschsuppe.
Brigittefest in Krickerhau

Gemütliches Beisammensein im Kulturhaus

Ein Fest voller Fröhlichkeit und warmen Herzen
Es dauerte noch lange bis die Kinder wieder im Bus saßen, der vor dem karpatendeutschen Haus geparkt war. Schließlich erhielten sie vom gemeinsamen Freundeskreis noch einen Riesenberg an Leckereien für die Heimfahrt. Großzügig hatte der Einsatz der Kinder begonnen, großartig war ihr Gesang, großherzig war die Gastfreundschaft der Karpatendeutschen. Fünf Fototafeln für Permoník werden an die bisherigen Begegnungen „mit Brigitte“ und dem Oratorium erinnern. Die erste wurde beim Abschied übergeben.
Brigittefest in Handlova

Am Abend hieß es wieder Abschiednehmen.

Brigitte Kuen und Anja Gerstner aus der kleinen deutschen Delegation konnten zum ersten Mal in Krickerhau weilen. Was sie erleben durften, tragen sie voll Freude mit nach Bayern, denn dort koordinieren sie den bayrischen Teil des Freundeskreises und werde viel zu erzählen haben beim nächsten Freundestreffen. Wir alle können nur danken! Vergelt´s Gott, was Ihr unter Hildas Anleitung alles geleistet habt in diesen Tagen!

Euer Peter Irrgang